Ärzte Zeitung online, 07.04.2017
 

Mit Depressionen umgehen

Film will aufklären und helfen

"Depression – Let's talk" war das Motto des diesjährigen Weltgesundheitstages am 7. April. Der Dokumentarfilm "Die Mitte der Nacht ist der Anfang vom Tag" möchte über die Krankheit aufklären.

Von Pete Smith

Film will aufklären und helfen

Der an Depression Erkrankte ist verzweifelt, das Umfeld oft hilflos. Ein Film möchte Tipps geben.

© imagesetc / stock.adobe.com

NEU-ISENBURG. Wie sich eine Depression anfühlt? "Ich sehe das Leben wie durch eine Milchglasscheibe", sagt ein Familienvater. "Ich werde gezwungen zu leben", erklärt eine alleinstehende Mittfünfzigerin. "Man lebt seit Jahren in einem Haus, und plötzlich entdeckt man eine Kellertür", erzählt eine junge Bassistin. "Irgendwer stößt einen die Treppe herunter, und da ist es komplett dunkel. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich durch diesen Raum zu tasten und den Lichtschalter zu suchen. Und wenn man den Weg hinaus gefunden hat, bleibt die Tür offen, denn man kann sie leider nicht schließen."

"Die Mitte der Nacht ist der Anfang vom Tag" lautet der Titel des bewegenden Dokumentarfilms, der diese Stimmen vereint. In ihrem Film stellen die Regisseure Michaela Kirst und Axel Schmidt gemeinsam mit der Stiftung Deutsche Depressionshilfe eine Erkrankung in den Mittelpunkt, in deren Verlauf Betroffene häufig verstummen. Für ihr Projekt haben sie zwei an Depression erkrankte Frauen und eine dreiköpfige Familie ein Jahr lang mit der Kamera begleitet. Die Protagonisten repräsentieren sowohl die verschiedenen Verlaufsformen als auch die heterogenen Lebensphasen, in denen die Erkrankung auftritt. Jeder von ihnen hat zudem seine ganz eigene Art, damit umzugehen.

Eine Familie mit Depressionen

Gertrud, die Mittfünfzigerin, führt zu Beginn des Films eine Art Schmerztagebuch. Mit minus vier kommt sie klar, bei minus sieben geht nichts mehr. Letzte Woche, erzählt sie ihrem Psychiater, sei sie bei minus acht gewesen. "Das tut weh."

Schlimm hat es die Familie getroffen, die allesamt unter Depressionen leiden. Der Vater trommelt gegen die dunklen Stunden an, die Mutter, eine Pfarrerin, sucht ihr Heil in Gott, und die knapp 20-jährige Tochter weiß, dass sie ausziehen muss, um ihr Glück zu finden. Seit ihrer frühesten Kindheit hat sie das Gefühl, zurückstecken zu müssen, um den leidenden Eltern keine weitere Belastung zu sein. Trost findet sie bei ihrem Hund Bella, der nicht fragt oder bewertet, bei dem sie so sein kann, wie sie ist. Längst hat die Krankheit auch sie im Griff. Das macht sie traurig und wütend.

Die Bassistin, Ende 20, transformiert ihr Leid in Musik. Sie hat ein Lied geschrieben, das sie mit ihrer Band probt. "I'm waiting for the rain to wash away the pain", heißt es darin. Doch wenn es arg wird, findet sie noch nicht einmal Zugang zur Musik. "Abgeschnitten zu sein vom kreativen Fluss", darunter leidet sie besonders. Anfangs wollte sie "da unbedingt allein rauskommen". Doch als sie "krass suizidal" wurde, suchte sie sich Hilfe, denn "das kann ich bestimmten Menschen nicht antun".

Mit ihrem vom Bundesverband der AOK geförderten Film wollen die Regisseure über Depression aufklären und gegen gesellschaftliche Vorurteile ankämpfen. "Wir brauchen Vorbilder und Orientierung im Umgang mit der Erkrankung", erklärt Regisseur Axel Schmidt, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. "Auch die Angehörigen sind oft überfordert und hilflos."

Tipps zum Umgang mit Betroffenen

Daher hat die Stiftung Deutsche Depressionshilfe begleitend zum Film eine DVD mit weiterführenden Informationen zur Depression herausgegeben, die auch Tipps zum Umgang mit depressiv erkrankten Angehörigen, Freunden und Kollegen gibt.

Gertrud überträgt ihre dunklen Gefühle mit Hilfe eines Kunsttherapeuten in ein Bild: eine Rose im Eis. Der Eisblock schützt sie vor Verletzung, der Preis, den sie dafür zahlt, ist Einsamkeit und Kälte. Am Ende des Films ist das Eis immerhin ein bisschen dünner. Minus drei oder vier.

Die junge Frau hat es sich in einer eigenen Wohnung gemütlich gemacht und einen Studienplatz für Innenarchitektur ergattert, während ihr Vater weiter trommelt und die Bassistin öffentlich ihr Lied vorträgt. Alle wissen, dass die Kellertür weiter offensteht. Doch mit ein wenig Licht und Wärme kommen sie durch den Tag.

Mehr über den Film

» Der Dokumentarfilm "Die Mitte der Nacht ist der Anfang vom Tag" und der begleitende Informationsfilm zum Thema Depression sind als Doppel-DVD zum Preis von 23,40 Euro (zzgl. Porto) erhältlich.

» Einzeln kosten die DVDs je 13,40 Euro.

» Sie können bestellt werden unter http://tinyurl.com/kpbl2ez

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[12.04.2017, 10:30:03]
Thomas Georg Schätzler 
Echte, gelebte Realität vs. virtuelle, politische Realität!
Das macht den Unterschied: Der Dokumentarfilm "Die Mitte der Nacht ist der Anfang vom Tag" klärt in realitätsnahen Einzelfällen über das Wesen, die Symptomatik, das Schicksal und die Folgen der facettenreichen Krankheit Depression auf. Die filmische Darstellung hilft zu verstehen wie sich eine Depression anfühlt.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe eröffnet dagegen den "Weltgesundheitstag 2017" mit virtuellem, politischem Dummsprech: "Depressionen - Let's talk!" - mit derartigem Kauderwelsch werden unsere Patientinnen und Patienten mit Depressionen nur noch mehr diskriminiert.

Diese sind wie im o.g. Film beschrieben chronisch bzw. mit wechselnder Intensität krank, teilhabegemindert und kommunikativ bzw. interaktiv eingeschränkt. Manche sind im Verlauf ihrer Erkrankung suizidal, leiden an Zwangsgedanken, Manien, Psychosen, Alpträumen und bio-psycho-sozialer Ausgrenzung.

Wenn 50% der weltweit auf rund 322 Millionen geschätzten Menschen mit Depressionen keine medizinische und/oder psychologische Behandlung und Betreuung bekommen, sind globale Initiativen zur Krankheitsbewältigung ("Coping Strategies") für Patienten, Ärzte, Pflegepersonal und Psychologen gefordert, aber keine gesundheitspolitischen Sonntagsreden.

Das ist es, was von WHO-"Gesundheitsexperten" bis zu unseren "Gesundheitsministern/-innen" ebenso fundamental wie virtuell-politisch fehl geht: Real existierende Krankheiten kann man nicht einfach "gesundbeten"!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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