Ärzte Zeitung online, 28.06.2017
 

Haiti

Hausarzt hilft Menschen in Not

Das Schicksal der verarmten Kinder im Karibikstaat Haiti bewegt sie zutiefst. Allgemeinarzt Thomas Diehl und seine Ehefrau haben eine Not-Hilfe aufgebaut. Angehende Architekten helfen ihnen jetzt beim Bau eines Gesundheitszentrums.

Von Pete Smith

Hausarzt hilft Menschen in Not

Gemeinsam stark: Menschen, die durch die Arbeit der Haiti-Not-Hilfe ein neue Perspektive bekommen haben.

© Diehl

ENNIGERLOH. "Pou Nou" ist Kreolisch und bedeutet "Für uns". Es ist der Name eines Gesundheitszentrums, das unter deutscher Federführung derzeit im haitianischen Jacmel geplant wird.

Mitinitiator des Projekts ist die Haiti-Not-Hilfe, ein Verein, den der Allgemeinmediziner Dr. Thomas Diehl aus Ennigerloh im Münsterland und seine Frau Jutta Diehl 2006 ins Leben gerufen haben.

"Seit wir 2001 und 2003 unsere beiden Söhne aus Haiti adoptiert haben, lässt uns das Schicksal der Kinder dort nicht mehr los", erzählt Jutta Diehl. Der Karibikstaat zählte bereits vor dem verheerenden Erdbeben vom 12. Januar 2010 zu den ärmsten Ländern der Erde.

Mit der Naturkatastrophe jedoch hat sich die Lage der Menschen noch einmal verschärft. Fast die Hälfte der Menschen muss mit weniger als einem Euro pro Tag auskommen. Unter der großen Armut leiden die Kinder naturgemäß am stärksten.

"Sklavenkinder" ohne Rechte

Den Diehls zufolge sind fast eine Million Kinder ohne Eltern. Viele leben auf der Straße, andere wurden von ihren Verwandten weggegeben und fristen ein Dasein als sogenannte "Restavecs" – "Sklavenkinder" –, von denen es in Haiti schätzungsweise 300 000 geben soll.

Sie haben weder Rechte noch eine soziale Absicherung oder eine Perspektive. Nur 60 Prozent aller haitianischen Kinder besuchen eine Schule. Das wollen die Diehls und ihre Mitstreiter ändern.

"Wir möchten Strukturen aufbauen, die den Menschen und hier insbesondere den Kindern eine bessere Perspektive verschaffen", erklärt Thomas Diehl. "Uns ist bewusst, dass wir die Lage in Haiti nicht prinzipiell ändern, sondern nur individuelle Hilfe für einzelne Gruppen oder Menschen leisten können. Doch diese Hilfe kann das Leben dieser Menschen entscheidend verbessern."

Finanzierung durch Kinderpaten

Auf einem 4000 Quadratmeter großen Grundstück haben Jutta und Thomas Diehl ein Heim mit zwei großen Wohnhäusern für derzeit 50 Kinder errichten lassen. Deren Betreuung, Ernährung und Ausbildung wird durch Paten finanziert, die über die Entwicklung ihrer Kinder regelmäßig informiert werden.

Zudem ist eine heimeigene Schule entstanden, in die nicht nur die Kinder des Waisenheims, sondern auch Kinder aus der Umgebung gehen.

Darüber hinaus unterstützen der Arzt und seine Frau in Haiti Aidskranke, Heime, die ihre Kinder nicht zur Adoption vermitteln, Krankenhäuser und Ärzte, die ohne Profit arbeiten. Sie vermitteln Einzelfallhilfen beispielsweise vor einer Herzoperation.

Vorrangiges Ziel ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Auch das geplante Gesundheitszentrum in Jacmel, 80 Kilometer südlich der Hauptstadt Port-au-Prince gelegen, soll sich langfristig selbst finanzieren. In der 40 000 Einwohner zählenden Stadt wurden durch das Beben von 2010 rund 70 Prozent aller Häuser beschädigt. Der Aufbau geht nur schleppend voran.

Als sich der Fachbereich Architektur der Hochschule Anhalt in Dessau entschloss, bei einem seiner Entwicklungsprojekte mit der Haiti-Not-Hilfe e. V. zu kooperieren, fiel der Startschuss für das Gesundheitszentrum Pou Nou, das zunächst zwei Gebäude erhalten soll, eine Krankenstation (Arztpraxis) und einen Versorgungstrakt. Gelder für den Bau werden von der Hochschule gesammelt. Das Grundstück ist bereits vermessen, ein Kostenplan wurde erstellt.

Solidarische Architekturstudenten

Anfang Dezember wollen 15 Architekturstudenten und ihre Dozenten nach Haiti fliegen, um mit einheimischer Unterstützung die Bauarbeiten zu beginnen. Die Fertigstellung ist für April/Mai 2018 vorgesehen.

Die Betriebsführung übernimmt die örtliche Partnerorganisation Foundation Makes Children Smile (FMCS), die von der Haiti-Not-Hilfe finanziert wird. Ein einheimischer Arzt wird die Gesundheitsstation leiten, ihm zur Seite steht dann eine Krankenschwester, die von Thomas Diehl und seinen Kollegen ausgebildet wurde.

Der Arzt aus Ennigerloh und seine Frau sind regelmäßig vor Ort, um sich von der Entwicklung ihres Heims sowie anderer Projekte persönlich zu überzeugen.

Die geplante Gesundheitsstation soll vor allem das Gebiet im Bereich des Flughafens von Jacmel medizinisch abdecken. Derzeit gibt es in der Gegend so gut wie keine Ärzte. Überhaupt kommt auf 5000 Einwohner in Haiti nur ein Arzt (Deutschland 1:300). Die meisten Patienten sollen, so der Plan, nur einen kleinen Obolus entrichten, Kinder und Notleidende jedoch kostenlos behandelt werden.

Dazu benötigt die Haiti-Not-Hilfe weitere Unterstützung wie auch Spenden für das Inventar und die Verbrauchsgüter, etwa Medikamente und Verbandsmaterial, die im August dieses Jahres per Container nach Haiti geschickt werden sollen.

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