Ärzte Zeitung online, 22.11.2017

Hilfe

Kinderpatenschaft für eine bessere Welt

Hunderttausende Deutsche haben eine Patenschaft für ein Kind in einem ärmeren Land übernommen. In vielen Ländern haben diese Patenschaften viel bewirkt. Und das weitestgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit: Sie haben Kinder auf Erfolgskurs gebracht.

Von Jürgen Bätz

Kinderpatenschaft für eine bessere Welt

Enma aus Nicaragua zeigt ihre Weihnachtskarte, die sie für ihre Patin Ursula aus Deutschland gestaltet hat.

© picture alliance / ZB

ARUSHA. Wenn der Kilimandscharo morgens vom ersten Sonnenlicht geküsst wird, beginnt an den Ausläufern des Berges im Norden von Tansania das rege Landleben. In rote Tücher eingehüllte Hirten vom Volk der Massai treiben ihre Kühe auf die Felder, kleine Kinder hüten Schafe und Ziegen. An den Dorfbrunnen stehen die Frauen mit ihren gelben 20-Liter-Kanistern Schlange. Sie balancieren sie auf dem Kopf nach Hause, sobald sie randvoll sind.

Das King'Ori-Gebiet in der fruchtbaren Ebene zwischen den Städten Arusha und Moshi im Norden Tansanias ist ein Beispiel für die nachhaltige Wirkung von Kinderpatenschaften. "Als wir ankamen, haben die meisten Menschen hier noch sehr arm gelebt, nur wenige Kinder gingen in die Schule", erklärt Yosh Kasilima, Leiter Einsätze bei World Vision Tansania. Inzwischen gingen rund 95 Prozent der Kinder in eine Grundschule. Die Helfer haben dort von 1998 bis 2012 unter anderem die Trinkwasserversorgung und den Zugang zu medizinischer Hilfe verbessert, Schulen ausgebaut und Lehrer trainiert.

Hilfe für die Dorfgemeinschaft

Hilfsorganisationen nutzen Patenschaften, um Spender in reichen Ländern langfristig zu binden und damit Kindern in ärmeren Ländern ein besseres Leben zu ermöglichen. Bei Plan International und World Vision kostet eine Patenschaft zurzeit rund 30 Euro pro Monat. Das Geld geht jedoch nicht direkt an die Familie oder das Kind, denn das könnte in einem Dorf Neid und Zwietracht sähen. Außerdem wäre es unmöglich, zu kontrollieren, was genau aus den Spenden wird. Deswegen werde den Dorfgemeinschaften insgesamt geholfen, was nach und nach eine ganze Region zum Besseren verändere, wirbt Plan.

Um die Zukunftschancen der Kinder zu verbessern, brauche es nicht nur bessere Infrastruktur, sondern meist auch Überzeugungsarbeit, sagt Kasilima. "Manche Leute hier denken zum Beispiel, dass die Kinder nur die Ziegen hüten sollen, und nicht in die Schule sollen." Darüber müsse man mit Familien immer wieder sprechen, damit es akzeptiert werde. "Die Kinderpatenschaften sind da ideal, weil eine langfristige Bindung mit der Gemeinschaft entsteht."

Für die Hilfsorganisationen hat sich das Modell gut bewährt. Die regelmäßige Information von Paten und der Austausch von Briefen verursacht natürlich Verwaltungskosten. Aber wer einmal dabei ist, überweist jahrelang Monat für Monat – denn wer will schon ein Kind enttäuschen? In Deutschland betreut die christliche Hilfsorganisation World Vision knapp 200 000 Patenkinder. Die konfessionslosen Helfer von Plan International betreuten 2007 noch rund 250 000, inzwischen sind es 320 000 Patenkinder. Fast die Hälfte davon lebt in Afrika.

"Die Zahl der Kinderpatenschaften steigt sicherlich deshalb, weil durch den Kontakt zum Patenkind die Hilfe ein Gesicht erhält, sie wird persönlich", sagt die Geschäftsführerin von Plan International Deutschland, Maike Röttger. Wenn Paten Interesse haben, können sie das Kind auch besuchen und sehen, was vor Ort aus ihrer Spende wird.

"Einen Paten zu haben, ist für viele Kinder eine Erfahrung, die ihr ganzes Leben verändert", sagt der Kenianer George Kamau, ein früheres Patenkind bei World Vision. Dank der Patenschaft bekam er zum Beispiel kostenlos Zugang zu medizinischer Versorgung. "Die kleine Narbe einer Tuberkulose-Impfung auf meiner linken Hand erinnert mich bis heute daran", sagt der inzwischen 37-Jährige. Sein Pate half auch mit den Schulgebühren. "In einem Brief forderte mich mein Pate auf, immer weiter in die Schule zu gehen", erinnert er sich. Das nahm er sich zu Herzen: Inzwischen ist er stolzer Absolvent der renommierten britischen Universität London School of Economics.

Natürlich kann es nicht jedes Patenkind auf eine Elite-Uni schaffen. Das muss auch gar nicht sein. In vielen Ländern ist es schon ein großer Fortschritt, wenn Patenschaften helfen, Mädchen länger in der Schule zu halten. "Besser ausgebildete Frauen sind meist gesünder, beteiligen sich mehr am Arbeitsmarkt, verdienen mehr, haben weniger Kinder, heiraten später und bieten ihren Kindern bessere Bildung und Gesundheitsversorgung", so die Weltbank.

Plumpsklos und holprige Feldwege

Der Erfolg von Patenschaften lässt sich auch im Schatten des Kilimandscharo im Projektgebiet von World Vision beobachten. Im Dorf Majengo etwa kniet frühmorgens die 19-jährige Ester Chami im Hof ihres Elternhauses und backt über einem offenen Feuer Brotfladen für die Familie. In dem Dorf gibt es kein fließendes Wasser, Straßen sind holprige Feldwege, hinter den Häusern stehen Plumpsklos. Doch das frühere Patenkind Ester hat große Pläne für die Zukunft.

"Ich will als eine der ersten Frauen in Tansania Pilotin werden", sagt Ester. Seit Jahren sieht sie über dem Dorf Flugzeuge starten und landen, aber sie hat noch nie ein Flugzeug von innen gesehen. "Ich will erstmal Luftfahrttechnik studieren." Ihre Eltern haben nicht mal einen Grundschulabschluss, Ester hat es als erste von sechs Geschwistern auf eine weiterführende Schule geschafft. Und das in einem Land, in dem laut Unicef zwei Millionen Kinder im Grundschulalter gar nicht zur Schule gehen und nur jedes dritte Kind je eine weiterführende Schule besucht.

An Tansanias Universitäten wird Luftfahrttechnik aber nicht angeboten, wahrscheinlich muss Ester dafür ins Ausland, etwa nach Kenia. Ob das Geld der Familie dafür reichen wird, ist unsicher. "Bildung ist teuer, aber Unwissen hat auch Kosten", sagt Ester mit verschmitztem Lächeln. Nun hofft sie auf ein Stipendium: "Das Schlimmste wäre es, aufzugeben und es erst gar nicht zu versuchen." (dpa)

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