Ärzte Zeitung online, 06.10.2018

Falsche Ärzte

Hochstapler im weißen Kittel

Dreist und selbstbewusst verkaufen sie sich ohne jede Ausbildung als Arzt – und treiben im Medizinbetrieb ihr Unwesen: Hochstapler in Weiß sorgen immer wieder für Schlagzeilen.

Von Pete Smith

Hochstapler im weißen Kittel

Dreist, berechnend, oft lange unerkannt: Betrüger im OP.

© fresidea / stock.adobe.com

BASEL. Im Congress Center Basel trifft sich die deutschsprachige Elite der Gefäßchirurgen zur Dreiländertagung der Gesellschaften für vaskuläre und endovaskuläre Chirurgie. Es ist kurz vor zehn an einem Donnerstag, als im Saal Singapore ein junger Kollege ans Rednerpult tritt.

Der 28-jährige Dr. med. Dr. rer. oec. Christian E., Arzt für Gefäß-, Thorax- und Viszeralchirurgie sowie Diplom-Betriebswirt, widmet sich in seinem Vortrag "Kombinierten gefäßchirurgisch-plastischen Rekonstruktionen zum Extremitätenerhalt bei ausgedehnten Gewebedefekten".

Begleitet wird der Oxford-Absolvent von Professor Werner Lang, Leiter der Gefäßchirurgischen Abteilung am Universitätsklinikum Erlangen, unter dessen Obhut E. seine Arbeit verfasst hat und an dessen Klinik er als Assistenzarzt arbeitet.

Sein Referat will er zur Dissertation ausarbeiten – niemand zweifelt daran, dass dem sympathischen jungen Arzt eine glänzende Zukunft bevorsteht.

Bis zu jenem Tag, da die Bayerische Landesärztekammer einen anonymen Brief erhält. Wie denn ein Studienabbrecher über Nacht zwei Doktortitel erwerben könne, fragt der Verfasser in süffisantem Ton, zumal von der renommierten Universität Oxford und der kaum minder angesehenen wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt am Main?

Ein gelernter Bankkaufmann

Die Prüfung der Vorwürfe endet in einer Blamage: Christian E., so stellt sich heraus, ist in Wahrheit ein gelernter Bankkaufmann mit Realschulabschluss (Note: 4), der sein Abiturzeugnis (Note: 1,3) kurzerhand selbst verfasste und sich mit dessen Hilfe an der medizinischen Fakultät der Universität Erlangen einschrieb.

Um sein Studium zu beschleunigen, fälschte er am heimischen PC zwei Promotionsurkunden, deren haarsträubende Fehler ("Franlfurt", "Doktor medicnae") niemandem auffielen, am wenigsten den Verantwortlichen am Klinikum Erlangen, die den hoffnungsvollen Jungakademiker, der ihnen außer seinem exzellenten Abizeugnis und zwei Promotionsurkunden auch eine ebenfalls gefälschte Approbationsurkunde der Regierung Mittelfranken vorlegte, ohne Prüfung beschäftigten.

Als Assistenzarzt ging E. den Chirurgen innerhalb von 13 Monaten bei insgesamt 190 Operationen zur Hand. Weil dabei kein Patient zu Schaden kam, verzichtete das Landgericht Nürnberg-Fürth auf den Vorwurf der Körperverletzung und verurteilte E. 2010 stattdessen wegen Urkundenfälschung, Betrugs und Titelmissbrauchs zu dreieinhalb Jahren Haft.

"Dr. med. Dr. rer. oec." Christian E. ist einer von mindestens zwei Dutzend "Hochstaplern in Weiß", deren Machenschaften in den vergangenen Jahren in Deutschland aktenkundig wurden.

Einer der bekanntesten: der gelernte Postzusteller Gert Uwe Postel alias Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy, der in den 1980-er und 1990-er Jahren unter anderem als Amtsarzt in Flensburg und Oberarzt einer psychiatrischen Klinik im sächsischen Zschadraß internationale Berühmtheit erlangte.

Schiffsarzt und Schönheitschirurg

Aber auch anderen Hochstaplern, gelang es, beispielsweise als Chefarzt, Chirurg, Internist, Anästhesist, Notarzt, Palliativmediziner, Orthopäde, Sportmediziner, Schiffsarzt, Schönheitschirurg und Psychotherapeut Karriere zu machen. Bei manchen flog der Schwindel schon nach wenigen Monaten auf, andere praktizierten über Jahrzehnte, ohne dass ihnen jemand auf die Schliche kam.

Auffällig ist, wie leicht es den meisten fiel und wie einfach man es ihnen vielerorts machte, den weißen Kittel überzustreifen und ohne jede medizinische Qualifikation als Ärzte tätig zu werden:

- Klaus D., gelernter Friseur und ehemaliger Pfleger, praktizierte von 1983 an mithilfe gefälschter Dokumente aus Italien ("Dottore/Univ. Neapel") fast 20 Jahre lang als Arzt in Oberbayern, unter anderem als Chefarzt einer Kinder-Rehabilitationsklinik.

Weil er Patienten Kortisonpräparate spritzte, verurteilte ihn das Landgericht Traunstein 2001 wegen vorsätzlicher Körperverletzung und Titelmissbrauchs zu drei Jahren Haft.

- In der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Rees gelang es einem Ex-Junkie und verurteilten Rauschgiftschmuggler, zum therapeutischen Leiter einer Drogenklinik aufzusteigen. Siegfried L. hatte sich den Verantwortlichen der Fachklinik Horizont gegenüber als Diplompsychologe, Psychotherapeut sowie Doktor der Philosophie ausgegeben und eine gefälschte Approbationsurkunde des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung vorgelegt.

Der Titel der von ihm gefälschten Dissertation lautete "Das Leben feiern". Entdeckt wurde er aus Zufall: Bei einer Polizeikontrolle fiel auf, dass L. keinen Führerschein besaß, worauf sein Kartenhaus zusammenstürzte und ihn das Amtsgericht Kleve 2010 zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilte.

- Marcel R., der die Schule mit der Mittleren Reife abschloss, gab sich als Palliativmediziner und Psychologie Dr. med. univ. Mag. Psych. Marcel Roéniké aus, legte sich einen Schweizer Akzent zu und gründete in Hannover das Kindertageshospiz "Schatzinsel". Einem krampfenden Kind spritzte der falsche Arzt ein Notfallmedikament. Das Landgericht Hannover verurteilte ihn daraufhin 2014 wegen Körperverletzung, Titelmissbrauchs, Verstößen gegen das Heilpraktikergesetz, Betrugs und Urkundenfälschung zu einer Haft von zwei Jahren und zehn Monaten.

- Christian B. gab sich im Internet als Plastischer Chirurg aus und lud Patienten in den Jahren 2012 bis 2014 zur Behandlung in seine als Privatpraxis deklarierten Wohnungen in Hannover und Regensburg, wo er ihnen gegen Barzahlung ihre Gesichter mit Silikon und Botox formte.

Das Landgericht Regensburg verurteilte ihn 2015 wegen gefährlicher Körperverletzungen, Betrugs und Titelmissbrauchs in 110 Fällen zu vier Jahren und drei Monaten Gefängnis.

- Vor dem Landgericht Berlin schließlich musste sich 2016 ein 41-jähriger Krankenpfleger verantworten, der fünf Jahre lang als Anästhesist und Intensivmediziner praktiziert hatte, ohne jemals Medizin studiert zu haben. Denny H. aus Stendal fälschte Zeugnisse, Promotions- und Approbationsurkunden, bewarb sich als Anästhesist und versetzte als solcher laut Anklage 41 Patienten in Vollnarkose.

Später arbeitete H. als Schiffsarzt auf der AidaVita, wo er innerhalb eines Jahres rund 1000 Patienten behandelte. Er flog auf, als er bei der Berliner Ärztekammer einen zweiten, erfundenen Vornamen (Cato!) in seinen Arztausweis eintragen lassen wollte.

Berufswunsch: Medizinmann

Das Gericht brummte ihm wegen gefährlicher Körperverletzung, Titelmissbrauchs und Freiheitsberaubung im Zusammenhang mit den Narkosen drei Jahre Haft auf. In einer Einlassung gab Denny Cato H. an, dass er mit neun Jahren die Bücher von Karl May verschlungen habe und schon damals "Medizinmann" habe werden wollen.

Professor Peter Walschburger, Biopsychologe an der Freien Universität Berlin, charakterisiert den klassischen Hochstapler in nur einem Satz: "Das sind oft intelligente Leute mit sehr guter Menschenkenntnis, bei denen aber die Balance zwischen ihrem Anspruch auf Selbstentfaltung und der Bindung an ihre Mitmenschen gestört ist und die es nicht geschafft haben, mit der nötigen Disziplin im Berufsleben die Position zu erreichen, die ihren Wünschen und Sehnsüchten entspricht."

Das gilt im Besonderen für Hochstapler, die sich als Mediziner ausgeben. Statt Geld geht es vielen um das hohe Prestige eines Arztes.

 "Es gibt Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung, die besonderen Wert darauf legen, angesehen zu sein", erklärt Privat-Dozent Stefan Röpke, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité. "Und welche Lügen dazu benutzen, sich gegenüber anderen zu erhöhen."

Pathologische Lügner

Die forschen Scharlatane

Friseur, Postbote, Bankkaufmann: als Hochstapler aufgetretene Ärzte kamen oft aus Berufen ohne jeden medizinischen Hintergrund.

Die Balance zwischen ihrem Anspruch auf Selbstentfaltung und der Bindung an ihre Mitmenschen ist nicht selten gestört.

Statt Geld geht es vielen einzig und allein um das hohe Prestige eines Arztes. Sie wollen angesehen sein.

Andere kompensieren durch die Lüge eine empfundene Scham, etwa jene Studenten, die schon im Physikum scheitern, vor ihren Eltern und Freunden aber als Arzt auftreten. Der pathologische Lügner wiederum kann gar nicht anders als die Unwahrheit zu sagen.

Andere erschleichen sich durch ihre Hochstapelei den Zugang zu einflussreichen Kreisen, versprechen sich höhere Chancen auf eine Partnerin oder erschwindeln sich einen Aufenthaltsstatus; die skrupellosesten geben sich als etwa Gynäkologe aus, um ihren sexuellen Trieb zu befriedigen.

Nicht wenige Hochstapler in Weiß sind so selbstverliebt, dass sie ihren Ruhm mit möglichst vielen Zeitgenossen teilen und für die Nachwelt festhalten möchten.

Gert Postel etwa schrieb gleich zwei Bücher über seine Paraderolle ("Doktorspiele", "Die Abenteuer des Dr. Dr. Bartholdy"), und auch der selbsternannte Palliativmediziner Marcel R., den die Richterin in der Urteilsbegründung als "selbstbezogen, rücksichtslos und aggressiv" charakterisierte, kündigte noch im Gerichtssaal an, seine Lebenserinnerungen verfassen und Missstände im deutschen Gesundheitssystem aufdecken zu wollen.

Überhaupt malen sich die meisten Hochstapler ihre Taten im Nachhinein schön. Reingerutscht sind sie in die Lüge, schaden wollten sie niemandem, und war ihre Köpenickiade am Ende nicht sogar zu etwas nütze?

Für den Postboten Postel, der als stellvertretender Amtsarzt in Flensburg die Quote der psychiatrischen Einweisungen auf Antrag auf 10 Prozent senkte, fordert die Bundesarbeitsgemeinschaft Psychiatrie-Erfahrener den Medizinnobelpreis, schließlich habe er bewiesen, dass psychiatrisches Wissen obsolet sei und sich die Psychiatrie in Gänze gegen die Menschlichkeit richte.

Um "das große Geld" sei es ihm nie gegangen, behauptete Christian E. vor Gericht. Stattdessen habe er den Menschen immer nur helfen wollen. So liest es sich auch in seiner Autobiografie "Wahnsinn in Weiß", in der er seine Zeit als "falschester Arzt Deutschlands" beschreibt. Ein Teil vom Verkaufserlös solle "durch eine Stiftung die wissenschaftliche Forschung im Bereich der Gefäßchirurgie fördern und verbessern".

"Wahnsinn in Weiß" ist in einem Druckkostenzuschussverlag erschienen und längst nicht mehr lieferbar. Lediglich auf Google Books kann man noch darin schmökern und Perlen wie diese entdecken:

"Langsam setzte ich das Skalpell auf die Haut der Leiche auf, die wir bearbeiten sollten. (…) Beherzt und dennoch ein wenig zaghaft drang ich in die Haut ein. Wie ich es bei meinem ersten Aufenthalt in einem Operationssaal gesehen hatte, führte ich die Klinge zu ihrem Bestimmungsort. Mich führte dieser Schnitt immer weiter in die Richtung meines Ziels."

Old Shatterhand und Augenarzt zugleich

Hochstapler im weißen Kittel

Gab sich bei einem Schneider als Augenarzt aus: Karl May.

© akg-images / dpa

Dr. med. Heilig nennt sich der junge Mann, der am 9. Juli 1864 bei einem Schneidermeister im sächsischen Penig fünf Hosen und Überröcke ordert. Er ist freundlich, gewandt und äußerst eloquent, wie sich der Schneider, dem sich der Kunde als Augenarzt aus Rochlitz präsentiert, später erinnert.

Als er seine Kleider nach acht Tagen abholt, stellt der Arzt dem augenkranken Untermieter des Schneiders noch schnell ein Rezept aus und beeindruckt beide durch seine profunden Lateinkenntnisse. Leider vergisst er zu zahlen. In Wahrheit ist der vermeintliche Arzt ein stets klammer Privatlehrer, der sich mit Hochstapeleien über Wasser hält.

Jahrzehnte später gilt der Betrüger, den das Gerichtsamt Penig in seinem Steckbrief als blass und schwächlich beschreibt, als einer der meistgelesenen Autoren aller Zeiten.

Der große Karl May ist geradezu der Prototyp eines Hochstaplers: ein exzellenter Lügner, der bei seinem Mitmenschen Eindruck schindet, gute Menschenkenntnis besitzt und – zumindest in jungen Jahren – ein gehöriges Maß an krimineller Energie entwickelt. Hochstapler verstricken sich oft so sehr in ihre Lüge, dass sie selbst an sie glauben: Zu Weltruhm gelangt, versicherte Karl May, sowohl der berühmte Old Shatterhand als auch dessen kongeniales Alter Ego Kara Ben Nemsi zu sein. (smi)

"Catch me if you can" – die Hochstapler-Story

Hochstapler im weißen Kittel

Die Lebensgeschichte von Frank Abagnale wurde verfilmt. Herausgekommen ist der Hollywood-Klassikers „Catch Me If You Can“ mit Leonardo die Caprio.

© United Archives / dpa

Frank Abagnale ergaunerte Millionen – sein Leben wurde in "Catch me if you can" verfilmt.

Blut kann er nicht sehen, doch um seiner großen Liebe Brenda, einer Krankenschwester, näher zu sein, bewirbt sich Frank als Oberarzt in einer Klinik. Dort liegt ihm bald nicht allein seine Liebste, sondern das gesamte Klinikpersonal zu Füßen. Leider muss er allzu rasch seine Beine in die Hand nehmen, ist ihm doch das FBI auf den Fersen ...

Das turbulente Leben des Frank William Abagnale Jr., einem der berühmtesten Hochstapler aller Zeiten, hat Stephen Spielberg 2002 in seinem Blockbuster "Catch Me If You Can" verfilmt – mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle und Tom Hanks als Gegenspieler vom FBI.

"Meinen ersten Betrug beging ich, um zu überleben", erklärte der US-Amerikaner 2007 dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Tatsächlich war der 1948 geborene Hochstapler 16, als er seine kriminelle Karriere begann. Mithilfe seines frisierten Führerscheins eröffnet er ein Girokonto, um an Blankochecks und damit an Bargeld zu gelangen.

Als vermeintlicher Copilot der Pan Am durfte er kostenlos fliegen und weitete seinen Aktionsradius in alle Welt aus. Als Abagnale untertauchen musste, arbeitete er eine Weile als Arzt und Anwalt. Noch vor seinem 21. Geburtstag hatte er sich in allen 50 US-Bundesstaaten sowie 26 weiteren Ländern 2,5 Millionen Dollar ergaunert.

1969 wurde er in Frankreich verhaftet und in den USA zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Nach fünf Jahren bot ihm das FBI einen Deal an: Wenn er seine speziellen Kenntnisse mit den Behörden teilen würde, wäre er ein freier Mann.

"Verkäufer und Hochstapler leben von denselben Talenten", sagte Abagnale 2007 dem "Spiegel". "Sie bewegen sich auf einem schmalen Grat. Hochstapler überschreiten ihn – Verkäufer nicht." (smi)

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