Ärzte Zeitung online, 19.12.2018

Adieu altmodischer Strohhalm

EU verbietet Einweg-Plastik

Die EU setzt gegen die Meeresverschmutzung auf ein Einweg-Plastik-Verbot – und darauf, dass die Industrie sich künftig an den Reinigungskosten beteiligt. Warum haben gerade Flaschendeckel dem Deal Steine in den Weg gelegt?

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Ein Wal aus Plastikmüll: 22 Milliarden Euro an Umweltschäden könnten in den nächsten knapp 12 Jahren vermieden werden, heißt es von der EU-Kommission zum Verbot von Einweg-Plastik.

© sidorovstock / stock.adobe.com

BRÜSSEL. Plastikteller, Trinkhalme und andere Wegwerfprodukte aus Kunststoff sollen in Europa künftig verboten werden. Unterhändler des Europaparlaments und der EU-Staaten einigten sich am Mittwochmorgen in Brüssel auf eine entsprechende Regelung. Das Verbot soll dazu beitragen, die Unmengen Plastikmüll in der Umwelt und in den Weltmeeren einzudämmen. In Kraft treten werden die Änderungen voraussichtlich in etwa zwei Jahren.

Die EU-Kommission hatte im Mai vorgeschlagen, Einmalgeschirr, Strohhalme, Wattestäbchen und andere Wegwerfartikel aus Plastik zu verbieten. Die Menge an Lebensmittel-Verpackungen und Trinkbechern soll mit Reduktionszielen zurückgedrängt werden. Europaparlament und EU-Länder hatten die Pläne im Gesetzgebungsverfahren leicht verändert. Beide Seiten müssen die Einigung der Unterhändler noch offiziell bestätigen. Das gilt allerdings als Formalie.

Bessere Alternativen gesucht

Die Strategie gegen Plastikmüll dürfte für fast Jeden im Alltag spürbare Veränderungen bringen. Verboten werden sollen ab Anfang 2021 aber nur Gegenstände, für die es bereits bessere Alternativen gibt. Dazu gehören etwa auch Luftballonstäbe. Bedeutsam ist das Paket vor allem für die Kunststoffbranche, die nach Behördenangaben 2015 einen Umsatz von 340 Milliarden Euro machte und 1,5 Millionen Menschen beschäftigte.

Deckel von Einwegflaschen aus Kunststoff dürfen fünf Jahre nach Inkrafttreten der Regelung nur noch in Umlauf gebracht werden, wenn sie mit der Flasche verbunden sind, damit sie nicht einzeln in der Umwelt landen. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) hatte gefordert, dass Staaten diese Verpflichtung mit einem Pfandsystem vermeiden können. Ein Großteil der Pfandflaschen werde mit Deckel zurückgegeben, hieß es vom Ministerium zur Begründung. Dafür fand sich jedoch keine EU-weite Mehrheit.

Darüber hinaus soll für eine Reihe von Einmal-Produkten mit einem gewissen Kunststoffgehalt – etwa Feuchttücher – eine Kennzeichnungspflicht gelten. Dabei soll auch auf die negativen Umweltauswirkungen hingewiesen werden.

Millionen Tonnen weniger CO2

Die EU-Kommission verspricht sich von dem Plan große Umweltvorteile. Die Maßnahmen sollen den Ausstoß von Kohlendioxid um 3,4 Millionen Tonnen verringern. Bis 2030 könnten Umweltschäden im Wert von 22 Milliarden Euro vermieden werden, hieß es. Verbraucher könnten bis zu 6,5 Milliarden Euro sparen. Die Kommission begründete den Vorstoß vor allem mit dem Schutz der Ozeane. Mehr als 80 Prozent des Mülls in den Meeren seien Plastik.

Teil der neuen Strategie ist auch die Beteiligung von Herstellern an den Kosten für die Sammlung und Verwertung der betreffenden Produkte. So könnte beispielsweise die Tabakindustrie künftig für das Einsammeln von Zigarettenstummeln zur Kasse gebeten werden. „Wer Wegwerfartikel wie Zigaretten herstellt, wird künftig mehr Verantwortung für den Müll übernehmen müssen“, sagte Umweltministerin Schulze den Zeitungen der Funke Mediengruppe. „So könnte die Zigarettenindustrie zum Beispiel an den Kosten für die Reinigung von Stränden oder Parks beteiligt werden.“

„Ein großer Schritt gegen die Plastikverschmutzung “, twitterte die österreichische Ministerin Elisabeth Köstinger. Österreich hat derzeit den halbjährlich wechselnden Vorsitz unter den EU-Staaten inne. (dpa/ajo)

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[20.12.2018, 07:32:10]
Dr. Angelika Marquardt 
Strohhalm
Nur eine kleine Anmerkung:
Der echte Strohhalm aus Stroh war ja kein Problem, der heutige ist ein Plastikhalm.
Nur - unter heutigen Vorsichtsmaßnahmen wäre der echte Strohhalm bestimmt wieder viel zu gefährlich für die Menschheit. Aus hygienischen Gründen... zum Beitrag »
[19.12.2018, 18:02:44]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
"Adieu altmodischer Strohhalm"???
Ein Strohhalm ist, wie der Name schon sagt, ein 100% biologisch abbaubares Naturprodukt und somit eher zeitgemäß aktuell als ausgerechnet altmodisch. Geächtet werden in Zukunft die Plastik-Trinkhalme, weil sie ebenso wie anderere Kunststoff-Teile nicht biologisch abbaubar sind und als Mikroplastik die Umwelt belasten.

Doch wie kommt bloß der ganze Plastikmüll in unsere Landschaft, unsere Binnengewässer und Weltmeere?
Meine Umfrage im Freundes- und Bekanntenkreis: Nicht Eine/r haben in ihrem bisherigen Leben auch nur eine Plastiktüte in die Landschaft, ins offene Meer oder in ein Binnengewässer geworfen. Nicht ein einziger Trinkhalm/Teller/Tasse oder Einmalbesteck aus Plastik gingen jemals bei einer Schiffsreise oder sonstwo über Bord bzw. wurde bei Ausflügen in die freie Natur vergessen und einfach liegen gelassen. Es wäre auch für Alle so einfach, Abfallmengen zu senken und zu verhindern, dass Plastik in der Umwelt landet.

Warum das nicht klappt und wer diese Fehlentwicklungen verursacht?
Es sind und bleiben die Verpackungs- und Entsorgungs-Industrie! Der "Gelbe Punkt" und die "Gelben Tonnen" geben vor, Plastikmüll zu sammeln bzw. fachgerecht zu entsorgen. Und unbedarfte Politiker/-innen glauben ihnen diesen Unfug auch noch.

Stattdessen wird Plastikmüll oft weder professionell recycelt noch verbrannt, sondern im großen Stil mit Frachtschiffen in den Ozeanen unserer Welt rücksichtslos verklappt: Das bringt mehr besinnungslosen Profit als seriöses, professionelles Handeln. Und Umweltministerin Svenja Schulze "schauet stumm auf dem ganzen Tisch herum" wie die Mutter im "Struwwelpeter" des Frankfurter Arztes und Psychiaters Heinrich Hoffmann beim zappelnden Philipp.

Dabei wäre es so einfach: Verbraucherinnen und Verbraucher bzw. die Hersteller-Firmen reduzieren und vermeiden unnötigen Plastikmüll und die Entsorgungs-Industrie arbeitet professionell und planvoll ohne falsch verstandene Toleranz und "laissez faire"!

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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