Ärzte Zeitung online, 10.01.2019

Ärzte erläutern

Was die Versorgung nach einer Terrorattacke erschwert

Viele Schwerstverletzte, anhaltende Bedrohungslage: Ärzte und Rettungskräfte sind nach einem Terroranschlag massiv gefordert. Eine funktionierende Logistik und gut trainierte Einsatzkräfte sind das A & O. Doch haken kann es an ganz anderer Stelle.

Von Sven Eichstädt

005a0201_8239859-A.jpg

Rettungskräfte versorgen Verletzte nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz am 19. Dezember 2016.

© Seeliger / Imago

LEIPZIG. Eines der Hauptprobleme für Ärzte und Sanitäter bei Einsätzen nach Terroranschlägen ist die Kommunikation mit der Polizei. Das wurde bei einem Symposion beim Kongress der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin in Leipzig deutlich.

Professor Leo Latasch, der seit 2006 die ärztliche Leitung für den Rettungsdienst in Frankfurt am Main innehat, berichtete davon, dass „die Polizei bei Einsätzen wegen Terrorlagen ganz andere Sorgen als der Rettungsdienst hat“ und dass die Absprachen mit der Polizei die größten Schwierigkeiten bereiteten.

Das habe sich sowohl bei Übungen zu Einsätzen nach Terroranschlägen als auch bei realen Einsätzen wegen Großdemonstrationen in Frankfurt gezeigt.

„Da war für mich klar, wenn es schon bei Demonstrationen zu solchen Komplikationen bei der Kommunikation mit der Polizei kommt, wird es nach Terroranschlägen erst recht so sein“, berichtet Latasch, der sich als Anästhesiologe habilitiert hat und seit 2012 Mitglied des Deutschen Ethikrats ist.

Sonderpläne bei Terrorattacken

Als Geheimnis für erfolgreiche Einsätze des Rettungsdienstes nach Terroranschlägen führte er eine sehr gut funktionierende Logistik an. „Sie müssen die Logistik, die Sie zuvor ausgearbeitet haben, leben“, schätzte er ein.

Für Frankfurt hat Latasch Sonderpläne ausgearbeitet, die bei Terroranschlägen gelten: Die Sonderlage gelb bei Terrorverdacht und die Sonderlage rot bei bestätigten Terrorfällen.

„Wenn dann alle anhand der Sonderpläne arbeiten würden, würde dies das Risiko für Rettungskräfte erheblich verringern“, sagte Latasch. Denn bei Terroranschlägen müsse berücksichtigt werden, dass nach einem ersten Anschlag noch weitere folgen könnten, von denen auch Rettungskräfte betroffen sein könnten, die gerade im Einsatz sind.

Für den Einsatz nach Terroranschlägen hat Latasch fünf neue Rettungswagen anschaffen lassen, die über die ganze Stadt verteilt sind und jeweils mit Material für 50 Verletzte ausgestattet sind. Zusätzlich ließ er für rund 85.000 Euro Material kaufen, das für die Erstversorgung von Verletzten bestimmt ist.

„Das muss alle paar Jahre erneuert werden“, sagte Latasch. Er berichtete außerdem davon, dass Mediziner bei Einätzen wegen Terroranschlägen mit „chirurgischen Bildern konfrontiert werden, die sie sonst so nicht gewohnt sind“.

"Keine Rarität, aber auch kein Regelfall"

Dies bestätigte Professor Robert Schwab, der als Direktor die Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie beim Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz leitet und über Erfahrungen aus Auslandseinsätzen der Bundeswehr in Afghanistan verfügt.

„Die Versorgung zum Beispiel von Schussverletzungen ist keine Rarität in Deutschland, aber auch kein Regelfall“, die Versorgung von Schussverletzungen müsse daher trainiert werden.

„Terrorlagen sind komplett anders als andere Großschadenslagen“, ergänzte Schwab. „Es gibt viele Schwerstverletzte und die Ressourcen der Rettungskräfte sind begrenzt.“

Die wichtigste Aufgabe für Ärzte und Sanitäter nach Terroranschlägen sei die Blutstillung. „Das ist immens wichtig“, schätzte der Mediziner ein, „Verbluten ist die häufigste Todesursache nach Terroranschlägen.“

Ärzte müssten für Terrorlagen zudem Bridging-Verfahren trainieren, also Überbrückungstherapien. „Damit lässt sich Zeit gewinnen, damit so vielen Verletzten wie möglich geholfen werden kann“, ergänzte Schwab.

Training mit virtuellen Realitäten

Dr. Andreas Flemming, der als ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes in Hannover fungiert, berichtete davon, dass mit virtuellen Realitäten der Einsatz nach Terroranschlägen für Ärzte und Rettungsassistenten gut trainiert werden könne.

Bei Umfragen hatte sich ergeben, dass nur jeder dritte Notarzt und jeder zweite Rettungsassistent über Erfahrungen mit der Sichtung von Verletzten nach Großschadenslagen verfüge, wenn die Berufserfahrung weniger als vier Jahre beträgt.

„Virtuelle Welten sind eine gute Schulungsoption für Notärzte und Rettungsassistenten“, sagte Flemming, der die Stabsstelle für Interdisziplinäre Notfall- und Katastrophenmedizin an der MHH in Hannover leitet. Wichtig sei, dass die Schulungen in den virtuellen Realitäten durch einen Moderator begleitet und durch eine Befragung im Anschluss ergänzt würden, „damit Fehlprägungen der Teilnehmer vermieden werden“.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Die häufigsten Fehler bei der Opioid-Therapie

Nehmen Patienten Opioide ein, müssen sie einiges beachten. Manches Missverständnis und mancher Einnahmefehler können Ärzte mit zwei Sätzen der Erklärung ausräumen. mehr »

Spahn im Dialog mit den Ärzten

Seit Monaten wird heiß ums Terminservice- und Versorgungsgesetz diskutiert. Heute stellte sich Jens Spahn direkt den Fragen der Ärzteschaft zu TSVG, Sprechstunden und Co. Das Wichtigste der Veranstaltung in 13 Tweets. mehr »

DEGAM fürchtet Rolle rückwärts

Es hakt bei der Umsetzung des Masterplans. Die Fachgesellschaft DEGAM will verhindern, dass zentrale Reformziele verwässert werden. mehr »