Ärzte Zeitung online, 12.01.2019

Interview

„Trägheit ist eine Form von Realitätsverweigerung“

Unsere Kultur verdammt Faulheit, verkennt allerdings die positiven Aspekte des Innehaltens, so der Biologe Dr. Andreas Weber im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“.

Von Susanne Werner

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Dr. Andreas Weber, Philosoph und Autor.

© Florian Büttner

Ärzte Zeitung: Die Trägheit ist facettenreich: Schwermut, Faulheit, Aufschieberei sind damit verwoben, aber auch mangelnder Mut, Bequemlichkeit, Übersättigung. Was ist der zentrale Aspekt?

Dr. Andreas Weber: Das Stichwort „mangelnder Mut“ ist die richtige Fährte. Es geht um die mangelnde Fähigkeit, echt zu sein. Das ist eine Variante von Trägheit und für mich die schlechteste Ausprägung.

Mangelt es am Mut? Oder eher an der Wahrnehmung, dass ich tätig werden müsste?

Weber: In unserer Gesellschaft wissen wir sehr viel. Wir lesen beispielsweise über den Klimaschutz und dennoch gehen wir die Herausforderungen nicht an. Trägheit ist eine Form von Realitätsverweigerung. Wer in diesem Sinne träge ist, verkennt, dass die Realität auf schöpferischer Gegenseitigkeit basiert.

Was meinen Sie damit?

Weber: Unsere Welt basiert auf Geben und Nehmen, einem gegenseitigen Tausch von Gaben. Wir bekommen etwas – aber nur, wenn wir auch etwas investieren. Selbst unsere seelische Identität ist einer solchen Wechselseitigkeit geschuldet – „gegenseitige Spezifizierung“ nannten das die Pioniere der systemischen Biologie, Francisco Varela und Humberto Maturana. In keiner Beziehung – sei es nun zum Partner, zu einem Kind oder auch zu einer Topfpflanze – kann man unbegrenzt träge sein.

Wo ist für Sie die Trennlinie zwischen Ruhe zum Auftanken und fauler Trägheit?

Weber: In unserer Kultur verdammen wir die Faulheit als schlimme Trägheit und übersehen dabei, dass es auch Formen des Innehaltens gibt, die wir anerkennen und akzeptieren müssen. Manchmal erscheint uns etwas als faul und träge, dabei ist ein Zustand von höchster, innerlicher Aktivität. Jedes Denken ist beispielsweise zugleich ein Handeln, auch wenn dies von außen kaum sichtbar ist.

Ist unsere Gesellschaft dafür zu träge?

Weber: Unsere Gesellschaft hat es mit tiefer Lebendigkeit schwer. Als lebendig erlebe ich mich dann, wenn ich mittue, wenn ich mich einbringe, wenn ich heiter, glücklich bin. Ich muss dafür nicht in der vordersten Reihe stehen, fortlaufend Selfies posten oder andauernd mit meinem Handy beschäftigt sein.

Wie finden wir aus der Trägheit wieder heraus?

Weber: In unserer Gesellschaft ist es erlaubt ,anders‘ zu sein. Wir leben nicht in einer Diktatur, in der die Lebendigkeit kontrolliert und verhindert wird. Wir müssen unser eigenes Glück wieder spüren, unsere Bedürfnisse anerkennen und uns in der Beziehungsfähigkeit zu anderen Lebewesen üben. Wir müssen uns so zeigen, wie wir von Natur aus sind – nämlich auf dieses Geben und Nehmen hin angelegt. Darüber schaffen wir eine Verbindung zu unserer Umwelt, zu anderen Menschen.

Was heißt das konkret?

Weber: Hier in Berlin hat jeder die lange Hitzephase im Sommer erlebt. Einige Nachbarn aus unserer Straße haben schließlich die Bäume gegossen. Sie haben das nicht aus Altruismus gemacht, sondern aus Freude. Sie wissen, dass die Bäume ihnen etwas geben wie etwa Schatten spenden oder schön aussehen.

Die Gruppe teilt jetzt die Freude, sich um etwas Kleines im eigenen Umfeld zu kümmern. Viele andere würden eher fragen, wer zuständig ist, beim Bezirksamt anrufen und sich beschweren.

Lesen Sie dazu auch:
Im Wandel der Zeit: Warum Trägheit der Gesundheit schadet

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