Ärzte Zeitung online, 20.02.2019

Langes Leben

Wie Fitness das Alter beeinflusst

„Man ist so alt, wie man sich fühlt“, sagt der Volksmund. US-Forscher bestätigen dies in einer Studie: Sie haben mit einem Belastungstest das physiologische Alter von Patienten ermittelt.

Von Joana Schmidt

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Ungünstig: abnormale Erholungsherzfrequenz.

© nandyphotos / Fotolia

Das chronologische Alter ist zwar ein zuverlässiger Indikator für das Sterberisiko eines Menschen. Eine aktuelle Studie bestätigt jedoch, dass das physiologische Alter mehr darüber aussagt, wie lange jemand leben wird. Dieses basiert auf der körperlichen Fitness und lässt sich mithilfe eines Belastungstests bestimmen.

Das Forscherteam um den Kardiologen Dr. Serge Harb von der Cleveland Klinik im US-Staat Ohio hat eine Formel entwickelt, mit der sich das physiologische Alter eines Menschen berechnen lässt. Das sogenannte A-BEST (Age Based on Exercise Stress Testing) wird mittels Belastungstest auf einem Laufband ermittelt.

Dabei werden Belastbarkeitskapazität und Herzfrequenzreaktion (chronotrope Reserve) gemessen und wie schnell sich die Herzfrequenz nach der Anstrengung wieder erholt.

Je größer die ursprünglich ermittelten Werte für den Stoffwechselumsatz (Metabolisches Äquivalent, MET) und die chronotrope Reserve eines Patienten ist, desto geringer war nach der Studie der Forscher sein Sterberisiko.

Die Mortalität war dabei besonders bei langsamem Rückgang der Herzfrequenz nach Belastung erhöht. Besonders das auf Basis dieser Parameter geschätzte physiologische Alter der Patienten war im Vergleich zum chronologischen Alter ein stärkerer Prädiktor für die Mortalität (European Journal of Preventive Cardiology 2019; online 13. Februar).

Hilfe beim Ändern des Lebensstils?

Nützlich könnte die Berechnung sein, um Patienten eine leicht verständliche Version der Abschätzung ihres Risikos an die Hand zu geben, glauben die Forscher um Harb. Arzt und Patient profitieren vom zuverlässigen und einfachen Umwandeln von Trainingsvariablen in einen aussagekräftigen Wert. Ziel dabei ist es, Patienten zu motivieren, ihren Lebensstil zu verändern.

„Das Wissen um das eigene physiologisches Alter ist eine gute Motivation, die Trainingsleistung zu steigern, was zu einem längeren Leben führen kann“, so Studienleiter Harb in einer Pressemeldung der europäischen Kardiologiegesellschaft ESC.

„Einem 45-Jährigen mitzuteilen, dass sein physiologisches Alter 55 Jahre ist, sollte ein Weckruf sein, dass er durch den Bewegungsmangel sein Leben verkürzt. Andererseits lebt ein 65-Jähriger mit einem A-BEST von 50 wahrscheinlich länger als seine Altersgenossen.“

Studie mit über 126.000 Patienten

An der Studie der Forscher waren 126.356 Personen beteiligt, die zwischen 1991 und 2015 einen Belastungstest an der Cleveland Klinik absolviert hatten. Aus diesen Daten wurde ihr physiologisches Alter berechnet, unter Berücksichtigung des Geschlechts und bestimmter Medikamente, die die Herzfrequenz beeinflussen könnten.

Die Teilnehmer waren durchschnittlich 53,5 Jahre alt, 59 Prozent waren Männer. Über die Hälfte der 50- bis 60-Jährigen war nach dem physiologischen Alter jünger als nach chronologischem Alter.

Nach einem Follow-up von durchschnittlich 8,7 Jahren waren 9929 Teilnehmer gestorben. Sie waren im Schnitt zehn Jahre älter als die Überlebenden. Das physiologische Alter war jedoch ein deutlich besserer Prädiktor für das Sterberisiko als das chronologische Alter.

Die gestorbenen Patienten hatten häufiger Erkrankungen der Koronararterien, Diabetes, Bluthochdruck und Nierenerkrankungen im Endstadium. Sie waren eher Raucher und nahmen seltener Statine.

Ihre Ruheherzfrequenz war signifikant höher, ihre Fitness, gemessen anhand der Belastungskapazität, sowie ihre chronotrope Kompetenz waren deutlich schlechter. Sie hatten häufiger eine abnormale Erholungsherzfrequenz, was mit einem um 50 Prozent höheren Sterberisiko assoziiert war. (Mitarbeit: eis)

Mehr Informationen zur Kardiologie: www.kardiologie.org

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