Ärzte Zeitung, 16.06.2017
 

Doping

Im Fußball steckt die Spritze

Regelmäßig erschüttern neue Doping-Skandale die Sportwelt. Aktuell steht der ehemalige brasilianische Fußballspieler und heutige Coach Roberto Carlos in Verdacht, seiner sportlichen Leistung mit verbotenen Mitteln nachgeholfen zu haben. Langsam, aber sicher fragen sich nicht nur Sportfans: Hört das denn nie auf?

Von Pete Smith

Im Fußball steckt die Spritze

Doping im Fußball: Langsam, aber sicher fragen sich nicht nur Sportfans – hört das denn nie auf?

© diego cervo / stock.adobe.com

Es läuft die 21. Minute beim Länderspiel Frankreich gegen Brasilien am 3. Juni 1997 in Lyon. Der Schiedsrichter pfeift einen Freistoß für die Brasilianer. Roberto Carlos, Linksverteidiger der Seleção, schnappt sich den Ball und legt ihn sich 35 Meter vor dem französischen Tor zurecht. Vom Mittelkreis läuft er an, zieht durch und hämmert das Leder mit dem linken Außenrist in die äußerste rechte Torecke. Der Ball beschreibt eine derart ungewöhnliche Flugkurve, dass der französische Torwart Fabien Barthez wahrscheinlich heute noch rätselt, wie er an der perfekt postierten Mauer vorbeifliegen konnte. Die École polytechnique in Paris erklärte 2010 in einer aufwendigen Untersuchung, dass der Magnus-Effekt, der die Querkraftwirkung rotierender runder Körper in einer (Luft-)Strömung begründet, allein nicht ausreicht, um Roberto Carlos‘ Kunstschuss zu erklären. Nur auf einer großen Distanz könne sich eine derart außergewöhnliche Spiralkurve entwickeln, vorausgesetzt, der Ball werde mit viel Effet und vor allem mit enormer Kraft geschossen.

Im Verdacht

Fast auf den Tag genau 20 Jahre nach seinem denkwürdigen Freistoß steht Roberto Carlos da Silva Rocha im Verdacht, seine ungewöhnliche Muskelkraft vor allem der fragwürdigen Kunst eines der Weitergabe von Dopingsubstanzen beschuldigten brasilianischen Arztes zu verdanken.

Der 125-fache Nationalspieler, der sich lange Zeit des inoffiziellen Weltrekords für den härtesten Schuss im Fußball (202 km/h) rühmen durfte, habe sich bereits als 15-Jähriger von ihm behandeln lassen, behauptet Júlio César Alves in einem mit versteckter Kamera aufgenommenen Gespräch, das Journalisten der ARD in einer jüngst ausgestrahlten Reportage veröffentlichten. "Ich habe seine Oberschenkel entwickelt, ich habe die Oberschenkel von Roberto Carlos zu dem gemacht, was sie heute sind", erzählt Alves in der Aufnahme. Carlos, derzeit als Jugendtrainer in den Diensten seines Ex-Vereins Real Madrid tätig, bestreitet die Vorwürfe und hat auf seiner Facebook-Seite angekündigt, gegen die Dopingredaktion der ARD juristisch vorzugehen. Allerdings soll sein Name auch in einem 200-seitigen Dossier über die Machenschaften des vermeintlichen Dopingarztes Alves auftauchen, das die brasilianische Anti-Doping-Agentur bereits 2015 an die Staatsanwaltschaft von São Paulo übergeben habe, ohne dass in der Zwischenzeit etwas passiert sei. Auch soll ein ehemaliger Patient des Arztes ausgesagt haben, Roberto Carlos im Juli 2002 in dessen Praxis gesehen zu haben. Der 44-jährige Weltmeister von 2002 dagegen behauptet, Alves noch nicht einmal namentlich zu kennen.

Kurz vor dem Start des Confederation-Cups und gut ein Jahr vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland wirft der Fall ein weiteres Schlaglicht auf eine Problematik, die, wie Kritiker behaupten, systematisch vertuscht oder, nach Ansicht manch eines Funktionärs, künstlich aufgebauscht wird. Unstrittig aber ist, dass Doping im Profifußball keineswegs eine Randerscheinung ist.

Einen aktuellen Beleg dafür liefert eine Diplomarbeit, die unter dem Titel "Eine Analyse des Dopingverhaltens im professionellen Fußball" vergangenes Jahr im Akademiker Verlag erschienen ist. Vorgelegt wurde sie von dem ehemaligen Berufsfußballer Lotfi El Bousidi. Dem in Mainz geborenen Deutsch-Marokkaner war während seiner aktiven Zeit in Deutschland und Spanien aufgefallen, dass es einige Vereine mit der Dopingprävention nicht allzu ernst nehmen. Viele seiner Mannschaftskameraden hätten nicht einmal gewusst, welche Medikamente sie nehmen durften und welche nicht.

Alarmierende Antworten

Nach seinem Karriereende 2010 studierte El Bousidi an der Fernuniversität Hagen Wirtschaftswissenschaften und befragte für seine Abschlussarbeit zwischen Herbst 2014 und Frühjahr 2015 mithilfe der Randomized Response Technik 48 aktive Fußballprofis aus Deutschland, 44 aus Schweden und 32 Berufsfußballer aus Spanien zu ihrem Dopingverhalten.

Seine erste Frage lautete: "Wissen Sie, welche Substanzen für Fußballprofis während der Saison und im Training verboten sind bzw. sind Sie mit der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) vertraut?" Alarmierend waren hier vor allem die Antworten der spanischen Profis: 62,5 Prozent von ihnen gaben an, die verbotenen Substanzen nicht zu kennen, in Deutschland waren es 37,5 Prozent und in Schweden 11,4 Prozent.

Auf El Bousidis zweite Frage ("Haben Sie zur Steigerung Ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit in den letzten zwölf Monaten Substanzen eingenommen, die es nur in der Apotheke, beim Arzt oder auf dem Schwarzmarkt gibt (z. B. anabole Steroidhormone, Epo, Wachstumshormone, Aufputschmittel)?" gaben zehn bis 35 Prozent der deutschen Profis die Einnahme verbotener Präparate zu, in Spanien waren es 15 bis 48 Prozent und in Schweden drei bis 27 Prozent. Die ungefähre Spanne ergibt sich daraus, dass die Teilnehmer Freitextantworten geben konnten, die Interpretationsspielraum lassen. Es handelt sich hier jeweils um Mindest- und Höchstwerte.

Die letzte Frage ("Würden Sie Dopingmittel zur Steigerung Ihrer sportlichen Leistungsfähigkeit einnehmen, wenn diese mit Sicherheit nicht nachweisbar wären?"), zielte auf die von Angst oder Sorge befreite Bereitschaft zur Manipulation. Die Ergebnisse korrespondieren mit denen der zweiten Frage. Von den deutschen Profis bejahten 10-35 Prozent die Frage, von den spanischen Kickern 22-56 Prozent und von den schwedischen Berufsfußballern 7-33 Prozent.

Studie im großen Stil?

"Für eine generalisierende Aussage ist die Stichprobe zu klein", schränkte El Bousidi die Beweiskraft seiner Erhebung ein und charakterisiert sie eher als Momentaufnahme, der weitere Studien folgen müssten. Gemeinsam mit Professor Perikles Simon, Leiter der Abteilung Sportmedizin an der Universität Mainz, regte er eine ähnliche Studie in größerem Stile an, der jedoch die Ethik-Kommission der Fifa zustimmen müsste, die aber eine entsprechende Anfrage, so El Bousidi, unbeantwortet ließ.

Dass Doping im Fußball nichts bringt, wie von Trainern und Spielern in schöner Regelmäßigkeit behauptet wird, ist längst widerlegt. Testosteron beispielsweise fördert den Muskelaufbau der Profifußballer, unterstützt ihre Regeneration, erhöht ihre Sprintschnelligkeit und stärkt ihr Durchsetzungsvermögen, Erythropoetin (Epo) steigert ihre Kondition und ihre Laufleistung, und Amphetamine erhöhen ihre Konzentration sowie ihre Maximalleistung. Auch Wachstumshormone, Insuline, Cortison und Narkotika versprechen Wettbewerbsvorteile – gerade in der Vorbereitung auf kräftezehrende Turniere.

Dubiose Mediziner wie der Brasilianer Júlio César Alves, der Spanier Eufemiano Fuentes, der Italiener Riccardo Agricola oder der Engländer Mark Bonar verdienen ihr Geld damit, all diese Mittel an Athleten weiterzugeben. Verdeckt ermittelnden Journalisten gegenüber haben alle vier bekannt, dass sie mithilfe von Dopingpräparaten nicht nur Spitzenathleten aus dem Radsport oder der Leichtathletik zu Höchstleistungen verhelfen, sondern auch Profifußballern.

Mangels systematischer Kontrollen fühlen sich gerade ihre kickenden Kunden sicher. Oder mit den Worten El Bousidis: "Die Chance, erwischt zu werden, ist verschwindend gering."

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Doping im Fußball: Keine klare Vision

Chronik: Prominente Dopingfälle

» Fabien Barthez:

Dem französischen Nationaltorwart wiesen Kontrolleure am 3. Oktober 1995 den Konsum von Haschisch nach, woraufhin Barthez für vier Monate gesperrt wurde.

» Frank de Boer:

Der niederländische Nationalspieler wurde im April 2001 positiv auf das anabole Steroid Nandrolon getestet, woraufhin ihn die Uefa für ein Jahr von allen internationalen Spielen ausschloss und die Fifa für die Nationalmannschaft sperrte. Nach seiner Berufung wurde die Sperre jeweils auf zweieinhalb Monate reduziert.

» Edgar Davids:

Der niederländische Nationalspieler, damals in Diensten von Juventus Turin, fiel am 4. März 2001 durch einen positiven Test auf, der ihm Nandrolon-Doping nachwies. Er selbst erklärte, verunreinigte Nahrungsergänzungsmittel seien die Ursache, gesperrt wurde er trotzdem.

» Rio Ferdinand:

Der englische Nationalspieler versäumte 2003 die Abgabe eines Dopingtests, nach eigenen Angaben wegen eines Umzugs. Seine Erklärung konnte den englischen Verband nicht überzeugen, der ihn für acht Monate sperrte.

» Deco:

Der brasilianische Nationalspieler fiel am 30. März 2013 bei einer Dopingprobe auf, die in seinem Urin das Diuretikum Furosemid nachwies, das mitunter angewendet wird, um Dopingpräparate zu verschleiern. Deco wurde daraufhin für 30 Tage gesperrt.

» Pep Guardiola:

Der spätere Bayern-Trainer wurde während seiner aktiven Zeit in Diensten des italienischen Vereins Brescia Calcio 2001 des Dopings beschuldigt, nachdem in zwei Proben Nandrolon nachgewiesen wurde. Guardiola wurde daraufhin für vier Monate gesperrt und 2005 als erster Spieler überhaupt zu einer Freiheitsstrafe von sieben Monaten sowie einer Geldstrafe von 9000 Euro verurteilt. Nach seiner Berufung sprach man ihn 2009 von sämtlichen Dopingvorwürfen frei.

» René Higuita:

Dem kolumbianischen Torwart wurde 2002 und 2004 der Konsum von Kokain nachgewiesen und er wurde jeweils für einige Monate gesperrt.

» Diego Armando Maradona:

Der Argentinier sorgte für den bisher größten Dopingskandal im Fußball. Am 17. März 1991 fiel er bei einer Dopingprobe erstmals auf, als ihn die Fahnder der Einnahme von Kokain überführten, woraufhin sein Verein, der SSC Neapel, seinen Vertrag auflöste. Während der WM 1994 wurde er positiv auf mehrere Dopingsubstanzen, unter anderem Ephedrin, getestet und vom Turnier ausgeschlossen.

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