Ärzte Zeitung online, 20.06.2019

Ausstellung

Auf- und Abstieg eines großen Internisten

Friedrich Theodor Frerichs gilt Internisten als Begründer ihrer Disziplin. Zu seinem 200. Geburtstag widmet ihm das Berliner Medizinhistorische Museum eine Ausstellung.

Von Angela Misslbeck

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Auf dem Plakat im Museum blickt Frerichs auf die Büste seines früheren Kontrahenten Virchow.

© (c) Angela Mißlbeck

BERLIN. In der breiten Öffentlichkeit ist Friedrich Theodor Frerichs ein Unbekannter, Internisten dagegen gilt er als Begründer ihrer Disziplin. Mit einer Ausstellung würdigt das Berliner Medizinhistorische Museum (BMM) den Nestor der Inneren Medizin zum 200. Geburtstag.

Wenn es um die großen Köpfe der naturwissenschaftlichen Medizin im 19. Jahrhundert geht, steht Friedrich Theodor Frerichs im Schatten anderer berühmter Namen. Sein bekanntester Kollege an der Berliner Uniklinik Charité und wohl größter Feind war kein anderer als Rudolf Virchow. Die Ausstellung im BMM konfrontiert die beiden Mediziner erneut miteinander.

Ins Abseits katapultiert

Sie stehen sich schräg gegenüber und sehen ebenso schräg aneinander vorbei: Die Büsten von Virchow und Frerich lassen im BMM einen Streit wieder aufleben, der mehr als 150 Jahre zurückliegt. Dieser Streit dürfte einer der Faktoren dafür gewesen sein, dass Frerichs, der als Begründer der naturwissenschaftlichen Leber- und Nierenheilkunde gilt, in der Öffentlichkeit heute kaum mehr bekannt ist.

Denn während der Einfluss Virchows immer weiter wuchs, wurden Frerichs‘ Kompetenzen immer mehr beschnitten. Eine harmonische Zusammenarbeit von Virchow und Frerichs schien damit unmöglich.

Schon bevor Frerichs 1859 an die Charité kam, lieferte er sich mit Virchow einen erbitterten wissenschaftlichen Disput, wie das Begleitheft zur Ausstellung verrät. Dabei ging es um die Bedeutung der Stoffe Leucin und Tyrosin bei bestimmten Lebererkrankungen, aber unausgesprochen auch um ihre pathologischen, anatomischen und physiologischen Kompetenzen.

„Frerichs kam wie Virchow über die pathologische Anatomie an die Charité. Beide hatten einen stark ausgeprägten physiologischen Ansatz. Kompetenzstreitigkeiten waren damit vorprogrammiert“, erläutert Ausstellungskurator Roland Helms vom BMM. Virchow forderte 1856 bei seiner Berufung an die Charité die Prosektur ein.

„Damit hat er Frerichs praktisch die Arbeitsgrundlage entzogen“, sagt Helms. Frerichs opponiert bis in die 1870er Jahre mit Eingaben beim Ministerium dagegen, jedoch ohne Erfolg.

Wendepunkt der Karriere

Mithin markiert der Ruf an die Spitze der Medizinischen Klinik von Preußens bedeutendster Fakultät als Nachfolger von Johann Lukas Schönlein nicht nur einen Höhepunkt, sondern auch einen Wendepunkt in Frerichs‘ Karriere. Zuvor hatte der gebürtige Ostfriese es in Kiel, Göttingen und Breslau zu Rang und Namen gebracht.

Besonders für seine Vorlesungen wurde er gefeiert. Doch die Streitigkeiten mit Virchow und anderen einflussreichen Medizinern der Charité manövrierten Frerichs nach und nach ins Aus.

Enttäuscht zog er sich nicht nur aus der Klinik, sondern auch aus seinen Ämtern beim Ministerium immer weiter zurück. Seine Tätigkeit beschränkte sich mehr und mehr auf die Vorlesungen und eine Privatpraxis im heutigen Berliner Regierungsviertel, wo er sich ein Palais errichten ließ, das jetzt die Schweizer Botschaft beherbergt.

Dabei hat der Wissenschaftler Frerichs durch intensive Forschungen über die Chemie und Physiologie der Verdauungsorgane ein neues naturwissenschaftliches Verständnis von Stoffwechselvorgängen mitbegründet. Unter anderem ist in seinem von Zeitgenossen wenig gewürdigten Spätwerk „Über den Diabetes“ die erste Leberbiopsie beschrieben – „beinahe beiläufig“ wie Ausstellungsmacher Helms im Begleitheft schreibt.

Die Ausstellung im Berliner Medizinhistorischen Museum erzählt Frerichs‘ Leben und Wirken biographisch auf neun großen Tafeln anhand von Bergsteigermetaphern wie Aufbruch, Aufstieg, Gipfel, Seilschaften oder Abstieg. Zentrales Ausstellungselement ist die Informationsvermittlung auf diesen Tafeln. Sie sind jeweils an den Enden der Gänge zwischen den großen Glasvitrinen der Virchow’schen Präparatesammlung in der Dauerausstellung platziert.

So bildet die Frerichs-Ausstellung eine sogenannte Intervention in der Dauerausstellung. Bei diesem Konzept arbeitet das Museum zusätzlich mit vereinzelten, farblich abgesetzten Stellvertreterobjekten.

Zwischen den zahlreichen Leberpräparaten und Gallensteinen der Dauerausstellung findet sich etwa ein Trokar, wie es im 19. Jahrhundert für die Leberbiopsie verwendet wurde. Ein Opiumfläschchen steht in dem Gang, wo die Infotafel über Frerichs‘ Tod und Nachleben berichtet.

Das Ausstellungskonzept der Intervention und die Anordnung einzelner Teile sind aber auch ein Statement im Streit zwischen Frerichs und Virchow und eine späte Würdigung des frühen Internisten. So skizziert eine Wand die Vielzahl der großen Köpfe an der Charité um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Direkt über Virchow steht dort Frerichs. Was Virchow wohl dazu gesagt hätte?

Infos zur Ausstellung

„Friedrich Theodor Frerichs. Ein Berliner Internist“ ist noch bis zum 20. Oktober im Berliner Medizinhistorischen Museum zu sehen.

Charitéplatz 1 in 10117 Berlin, Geländeadresse: Virchowweg 17.

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