Ärzte Zeitung, 30.05.2012

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Europa treibt in den Rinderwahnsinn

Horrornachrichten von der britischen Insel versetzen Europa in Panik: Unter britischen Rinderherden ist BSE ausgebrochen - ob das beim Menschen die Creutzfeld-Jakob-Krankheit auslösen kann, bleibt unklar.

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London/Brüssel/Bonn, im März 1996. Am 23. März 1996 setzt die Bundesrepublik Deutschland ein Importverbot für Rindfleisch und lebende Rinder aus Großbritannien und der Schweiz in Kraft.

Per Dringlichkeitsverordnung wird auch die Einfuhr von englischem Tiermehl sowie die Verwendung von Rinderbestandsteilen aus beiden Staaten in der Arzneimittelherstellung verboten.

Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer und Bundeslandwirtschaftsminister Jochen Borchert ziehen damit die Konsequenz aus einem Gutachten britischer Wissenschaftler für die Londoner Regierung.

Darin war der Verzehr von Rindfleisch erstmals als "wahrscheinlichste Erklärung" für das Auftreten der Creutzfeld-Jakob-Krankheit (CJK) bei zehn britischen Männern genant worden. Die Regierung Major hatte dies lange verschwiegen und erst wenige Tage zuvor im Unterhaus bekannt gegeben.

Export-Stopp für Rinderprodukte

Wenige Tage nach dem Alleingang der Regierung in Bonn schließt sich auch die Europäische Union an und verfügt einen Export-Stopp für britische Rinder, Rindfleisch und Rinderprodukte.

BSE hat eine lange Vorgeschichte und ist ein Beispiel dafür, wie Interessen der Verbraucher gegen die in der EU und ihren Mitgliedsländern mächtigen Lobby der industrialisierten Landwirtschaft ausgespielt werden.

Experten fordern schon seit Jahren ein Importverbot für britisches Rindfleisch. Auf der Insel gilt zwar seit 1988 ein gesetzliches Verbot, Tiermehl an Rinder zu verfüttern - es wird aber offenbar nicht eingehalten.

Alarmiert von Berichten über die möglichen Risiken BSE-verseuchten Rindfleischs wollte Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer bereits Anfang 1994 ein Importverbot erwirken, wurde dabei aber sowohl von Außenminister Kinkel wie auch von Wirtschaftsminister Rexrodt zurückgepfiffen. Auch der Kanzler versagte Seehofer die Rückendeckung.

In den ersten Monaten 1996 hat sich die Rinderseuche in Großbritannien derart fulminant ausgebreitet, dass die Regierung teils panisch reagiert.

Millionen Rinder, die älter als 30 Monate sind, sollen notgeschlachtet werden. Der Schaden für die Landwirte wird auf 30 bis 50 Milliarden DM beziffert. McDonald's streicht den BigMac aus dem Sortiment.

BSE-Desaster in Großbritannien

Umstritten ist allerdings, ob BSE ein Risiko für den Menschen darstellt. Der britische Chief Medical Officer Sir Kenneth Calman bestreitet dies und weist die Hausärzte des Landes ausdrücklich an, ihre Patienten nicht vor dem Verzehr von Rindfleisch zu warnen.

Endgültige Klarheit gibt es auch in den Folgemonaten nicht. Der Zusammenhang von BSE und CJK lässt sich nicht klären. In Deutschland wurde CJK 1994 eine meldepflichtige Krankheit; 28 Fälle wurden binnen zwei Jahren gemeldet.

Für Großbritannien wird BSE zu einem Desaster: Ein Drittel des Rinderbestandes ist befallen und muss notgeschlachtet werden. Am Ende bleibt die tiefe Verunsicherung des Verbrauchers. (HL)

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