Ärzte Zeitung, 16.03.2011

Unbewohnbare Sperrzone um die Unfallreaktoren

In Fukushima werden große Mengen radioaktiven Materials freigesetzt. Es ist absehbar, dass die unmittelbare Umgebung noch lange gesperrt bleiben muss, berichtet eine Strahlenexpertin.

Von Wolfgang Geissel

"Um die Unfallreaktoren wird eine unbewohnbare Sperrzone errichtet"

Die Überreste von Block 4 in Fukushima, dahinter Rauch von Block 3: Größere Mengen radioaktiven Materials sind von dort entwichen.

© dpa

"Was in den Reaktoren in Fukushima abläuft, wird sich in den nächsten Tagen zuspitzen", sagt Privatdozentin Anna Friedl von der Klinik für Strahlentherapie an der LMU in München. Sollten die Wetterprognosen eintreffen, würde das frei werdende radioaktive Material aus den zerstörten Kraftwerken wahrscheinlich auf den Pazifik geweht werden.

Egal was jetzt noch passiert, wird es nach Ansicht der Expertin zu einer unbewohnbaren Sperrzone um die Unfall-Reaktoren kommen. In Tschernobyl war das kurzlebige Nuklid Jod-131 mit einer Halbwertszeit von acht Tagen besonders problematisch.

Dies hatte dort zu einem enormen Anstieg von Schilddrüsenkrebs geführt. Besonders Kinder waren damals betroffen, die auch heute als Erwachsene immer noch ein erhöhtes Risiko für diese Krebsform hätten.

"Gegen Belastungen mit Jod-131 kann man viel machen", sagte Friedl. Etwa mit Jod-Prophylaxe - die in Tschernobyl entweder überhaupt nicht oder sehr verspätet einsetzte - oder durch Sperren von kontaminierten Lebensmitteln.

So war damals in der Ukraine viel Jod-131 über kontaminierte Wiesen in die Milch der Kühe gelangt. Einige Lebensmittel werde man in Japan noch Jahrzehnte kontrollieren müssen.

Es werden zum Beispiel auch 25 Jahre nach Tschernobyl immer noch Wild und Pilze in Süddeutschland auf Radioaktivität - besonders auf das langlebige Caesium - untersucht.

Im Großraum Tokio sei nach den bisherigen Kontaminationen von einer zwei- bis dreifach erhöhten Jahresdosis radioaktiver Strahlung auszugehen. Sollte in den nächsten Tagen eine radioaktive Wolke auf den Ballungsraum zukommen, dann seien Zivilschutzmaßnahmen entscheidend: möglichst nicht die Wohnung verlassen, wenn nötig mit Mantel, Hut und Gummistiefeln nach draußen gehen, die Oberbekleidung nicht in die Wohnung nehmen und sich nach Rückkehr sofort waschen.

Friedl kann sich kein Szenario für die Entwicklung in Japan vorstellen, das mit Gefahren für die Gesundheit in Deutschland verbunden ist. Auch wenn jetzt radioaktives Material in höhere Schichten der Atmosphäre gelangte, würde es erst sehr viel später stark verdünnt bei uns eintreffen.

"In den 1960er Jahren hatten wir das nach den oberirdischen Atombombenversuchen öfter", sagt die Expertin. Und es gebe keine Hinweise, dass es damals in Folge zu einer erhöhten Rate von Krebs gekommen sei.

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