Ärzte Zeitung, 17.11.2008

Wenn "schwul" ein Schimpfwort für Kekse wird

Bremer Schülerumfrage belegt starke Homo-Feindlichkeit / Auch schwule Pinguine "interviewt"

BREMEN (stg). Homosexuelle können in Deutschland zwar Berliner Bürgermeister oder FDP-Parteichef werden, aber unter Schülern herrscht immer noch viel Schwulenfeindlichkeit. Das zeigte eine Umfrage unter Bremer Schülern.

Das häufigste Schimpfwort an Schulen ist "schwul", so sagt es jedenfalls Hans-Wolfram Stein, der Wirtschaft und Politik am berufsbildenden "Schulzentrum Walliser Straße" in Bremen unterrichtet. "Wenn ein Keks nicht schmeckt, ist er ‚schwul, ey!'", erzählt der 58-Jährige. "Die Homophoben haben die Meinungsführerschaft." Das wollte der bekennende Heterosexuelle nicht länger hinnehmen. Er überzeugte seine Höhere Handelsschulklasse davon, sich mit "Homophobie" zu befassen und eine Ausstellung zu gestalten.

Eine Meinungsumfrage unter 968 Schülern des Schulzentrums und der benachbarten Gesamtschule Ost brachte wichtige Erkenntnisse. Dabei zeigte sich, dass 40 Prozent der muslimischen, 23 Prozent der katholischen und zwölf Prozent der evangelischen Jugendlichen Homosexualität immer noch für eine Krankheit halten. Bei den Nichtgläubigen waren es knapp elf Prozent.

Unmoralisch ist Homosexualität für 62 Prozent der befragten Muslime, 39 Prozent der Katholiken, 26 Prozent der Protestanten und 20 Prozent der Nichtgläubigen. Noch höher stieg der Wert bei der Frage, ob Homo-Küsse in der Öffentlichkeit "ekelhaft" seien. "Ja", fanden 85 Prozent der Muslime und 46 Prozent der Nichtgläubigen. Auffällig ist, dass Jungen und Migranten etwa doppelt so homofeindlich sind wie Mädchen.

Aber es gab auch Lichtblicke: 79 bis 84 Prozent der Glaubensgruppen stimmten der Aussage zu, dass Homosexualität Privatsache sei. "Ein guter Ansatzpunkt", findet Stein.

Zu dem Projekt gehörten auch Erkundungen über religiöse Schwulendiskriminierung, Nazi-Schwulenverfolgung und homosexuelle Tiere. "Ausgelebt wird Homosexualität bei 1 500 Tierarten", erfuhren die Schüler und sie erfanden sogar ein "Interview" mit schwulen Pinguinen im Zoo von Bremerhaven. Er antwortete: "Diskriminierung kennen wir überhaupt nicht. Bei Euch Menschen gibt es so was? Ist das nicht eklig? Das ist doch völlig unnatürlich!"

Stein findet, dass das Projekt etwas verändert hat? Homo-Küsse sind für viele Schüler immer noch ekelhaft. Schwule und Lesben werden nicht mehr angefeindet - und eklige Kekse sind nicht länger "schwul".

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