Ärzte Zeitung, 10.10.2016

Bundesländer sind sich uneins

Vom (Un)sinn des Sitzenbleibens

Hamburg hat das Sitzenbleiben in bestimmten Jahrgangsstufen abgeschafft, in Schleswig-Holstein können Grundschulen komplett auf Noten verzichten - die Regelungen zum Sitzenbleiben sind konträr. Ist das Wiederholen einer Jahrgangsstufe überhaupt noch eine sinnvolle pädagogische Maßnahme?

Vom (Un)sinn des Sitzenbleibens

Wie viele von ihnen werden wohl sitzenbleiben? Das Beispiel Berlin zeigt, dass eine niedrige Sitzenbleiber-Quote nicht automatisch von einer hohen Leistungsbereitschaft zeugt.

© Gilbert Gulben / fotolia.com

Als eindrucksvolles Votum gegen eine Abkehr vom Leistungsprinzip an unseren Schulen hat der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, die Ergebnisse der repräsentativen bundesweiten Meinungsumfrage der Online-Community YouGov bezeichnet. Demnach halten 81 Prozent der Befragten die Beibehaltung des Sitzenbleibens für sinnvoll, 75 Prozent befürworten die Vergabe von Ziffernnoten an Schulen.

Die meisten Deutschen halten sie allerdings auch für sinnvoll – und zwar unabhängig von eigenen "Sitzenbleib"-Erfahrungen. Das ist das Ergebnis einer aktuellen YouGov-Umfrage. Demnach sagen 81 Prozent der Befragten, es sei "eher" oder "sehr sinnvoll", Schüler, die nicht-ausreichende Leistungen zeigen, das Schuljahr wiederholen zu lassen. Lediglich jeder Siebte (14 Prozent) sagt, dies sei nicht sinnvoll.

Dabei spielt es keine Rolle, ob die Befragten in ihrer Schulzeit selbst einmal ein oder mehrere Schuljahre wiederholen mussten. Von den Befragten mit "Sitzenbleib"-Erfahrung sagen mit 84 Prozent fast exakt genauso viele Befragte, dass so etwas sinnvoll sei, wie beim Rest der Bevölkerung.

Kompletter Verzicht auf Noten

"Bundesländer, die wie Hamburg das Sitzenbleiben in ganzen Jahrgangsstufen komplett abgeschafft haben oder wie in Schleswig-Holstein und Niedersachsen den Grundschulen ermöglichen, komplett auf Noten zu verzichten, handeln gegen den Willen der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung, gerade auch von Eltern und Schülern", betonte der Verbandschef Meidinger in Berlin.

Die Abschaffung von Noten und das Verbot des Sitzenbleibens in einzelnen Bundesländern suggeriere den Betroffenen, auch ohne vergleichende Leistungsbewertung und ohne das Erreichen von Standards könne man in der Schule und damit letztlich später auch im Leben erfolgreich sein. Das sei aber ein großer Irrtum, so der Vorsitzende.

"Wer auf das Einfordern von Leistungen und Jahrgangsstufen-Standards verzichtet, der schadet den Zukunftschancen der Jugendlichen selbst am meisten!", so Meidinger.

Hauptstadt der Sitzenbleiber ist Coburg

Abschließend erinnerte der Verbandschef an eine vom DPhV vor einigen Jahren selbst in Auftrag gegebene Meinungsumfrage, wonach auch die große Mehrheit der vom Sitzenbleiben betroffenen Jugendlichen gegen ein Verbot des Sitzenbleibens ist, nicht zuletzt deshalb, weil sie das als zutiefst ungerecht empfinden gegenüber denjenigen, die sich in der Schule anstrengen.

Der aktuelle "Sitzenbleiber-Atlas" den ein Studien-Team des Verbraucherportals billiger.de jetzt veröffentlicht hat, führt auf drastische Weise vor Augen, was die Pisa-Studien schon längst offengelegt haben: Wie sehr sich im Föderalismus Ansprüche und Leistungen voneinander unterscheiden. Basis der Untersuchung war eine Analyse über Sitzenbleiber in 122 Städten mit in der Regel mindestens 100.000 Einwohnern.

Hauptstadt der Sitzenbleiber ist Coburg: 38 Schüler von 1000 wurden am Ende des Schuljahres 2015 nicht versetzt. Fürth und Hof mit jeweils 37 Wiederholern folgen. Bayern dominiert eindeutig unter den ersten deutschen 15 Sitzenbleiber-Städten.

Die Stadt Aalen nimmt mit gerade mal neun Sitzenbleibern auf 1000 die Spitzenposition in den "Streber-Städten" ein. Sehr gut stehen auch Jena und Suhl mit elf beziehungsweise zwölf Wiederholern da. Das bestätigt das regelmäßig überdurchschnittliche Abschneiden von Thüringer Schülern in der Pisa-Studie.

Schlechte Leistungen

Dass eine niedrige Sitzenbleiber-Quote nicht automatisch von einer hohen Leistungsbereitschaft zeugt, lässt sich am Beispiel Berlin ablesen. Gerade mal 1,32 Prozent der Schüler mussten wiederholen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es in den Berliner Sekundarschulen, dem Zusammenschluss von Haupt- und Realschulen, kein Sitzenbleiben mehr gibt.

Viele Bundesländer sehen das Sitzenbleiben als ein gezielt gewolltes pädagogisches Instrument. Insbesondere in Bayern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Hessen und Mecklenburg-Vorpommern müssen Schüler bei schlechten Leistungen weiterhin mit einer Nichtversetzung rechnen. (eb)

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