Ärzte Zeitung online, 03.09.2018

Sportmedizin

Bessere Dribblings mit O-Beinen?

Sie sind kein Phänomen von gestern: Die Entwicklung von O-Beinen wird durch intensives Fußballtraining im Wachstumsalter begünstigt.

Von Thomas Meißner

Bessere Dribblings mit O-Beinen?

Einst legendär: die O-Beine von Pierre Littbarski.

© Revierfoto / dpa

NEU-ISENBURG. Daran ändert auch die Pleite der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Russland nichts: Fußball ist bei Jungen die beliebteste Sportart und bei Mädchen, so Angaben des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), immerhin die nach Turnen am zweithäufigsten praktizierte Sportart.

Intensives Fußballspiel im Wachstumsalter könne allerdings die Entwicklung von O-Beinen begünstigen, berichten jetzt Dr. Peter Helmut Thaller und Dr. Julian Fürmetz von der LMU München sowie ihre Mitarbeiter im "Deutschen Ärzteblatt". Sie führen dies unter anderem auf sportartspezifische Belastungen und Verletzungen zurück. O-Beine könnten später vermehrt zur Gonarthrose führen (Dtsch Ärztebl 2018; 115(24): 401-408).

Wachstumssteigernde Effekte

Seit langem diskutieren Sportmediziner die Frage der richtigen Trainingsdosis und spezifische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen in der vulnerablen Wachstumsphase. Denn die nicht geschlossenen Wachstumsfugen sind Orte verminderten Widerstands. Körperliche Aktivität kann wachstumssteigernde Effekte haben, das ist vom Schlagarm beim Tennis bekannt, aber auch wachstumshemmende Wirkungen. Letzteres wird bei Kunstturnern auf axiale und stauchende Belastungen zurückgeführt.

"Schwerwiegende Spätschäden resultieren dann, wenn Fehlstellungen oder intraartikuläre Inkongruenzen auftreten, die das Arthroserisiko erhöhen", schrieb vor einigen Jahren der Sportorthopäde Professor Holger Schmitt aus Heidelberg in der "Deutschen Zeitschrift für Sportmedizin.

In einer systematischen Literaturrecherche und Metaanalyse haben Thaller und seine Kollegen Studien mit insgesamt 1344 Fußballspielern und 1277 Kontrollpersonen im Wachstumsalter ausgewertet – Mädchen und junge Frauen waren nicht untersucht worden.

In einer dieser Studien war bereits im Alter von zwölf Jahren eine verfrühte Änderung der Beinachse von der X- in die O-Stellung festzustellen, bei Fußballspielern kamen O-Beine fast doppelt so häufig vor wie bei sportlich nicht Aktiven.

In der zweiten Studie waren Fußballer verglichen worden mit Sportlern auf ähnlichem Leistungsniveau, die aber kein Fußball spielten: die 16- bis 18-jährigen Fußballer hatten signifikant häufiger O-Beine.

Ähnlich fiel das Ergebnis der dritten Studie aus, unter anderem im Vergleich zu weiteren Feldsportarten wie Basketball, Volleyball und Handball, mit ähnlichen Belastungen der Beine durch Abstoppmanöver. Dennoch waren bei den Fußballern O-Beine häufiger.

Zwei weitere Studien, die wegen ihrer Methodik nicht in die Metaanalyse eingeschlossen worden waren, wiesen in die gleiche Richtung, so die Münchner Ärzte.

Wie kommt das? Liegt es einfach daran, dass mehr Jungen mit O-Beinen Fußball spielen, weil ihnen ein größeres Talent in diesem Sport zugesprochen wird? In der Tat sollen Spieler mit O-Beinen gewisse Vorteile haben, etwa eine bessere Balance bei Richtungswechseln und beim Dribbeln. Der begnadete frühere Nationalspieler Pierre Littbarski scheint mit seinen legendären O-Beinen diese These zu stützen.

Für die Häufigkeit der Beinachsen-Fehlstellung muss es aber andere Begründungen geben. "Bei Manövern des Richtungswechsels im Lauf entsteht eine erhöhte mechanische Belastung", schreiben Thaller und Fürmetz in ihrem Artikel.

Außenrotation wird eingeschränkt

Mit zunehmender neuromuskulärer Erschöpfung werde das Knie nicht mehr so gut stabilisiert, die Verletzungsgefahr nehme zu. Die Stollenschuhe schränken die Außenrotation in der Standphase ein.

Und dann ist da noch die Hamstring-Muskulatur (Musculus semitendinosus, semimembranosus und biceps femoris), die beide kniegelenksnahe Wachstumsfugen übergreift, "und zwar medial doppelt so stark wie lateral." Diese Muskeln sind bei Fußballern am häufigsten verletzt.

"Die kniegelenksnahen Wachstumsfugen generieren den Hauptanteil des Beinlängenwachstums und haben aus geometrischen Gründen die stärkste Auswirkung auf die Beinachse", betonen die Autoren der Studie. "Besonders im präpubertären Wachstumsschub können Überlastungen durch Traumata oder ein chronisch-repetitives Missverhältnis zu einem asymmetrischen Wachstum führen." Dabei erscheine die mediale tibiale Wachstumsfuge besonders anfällig zu sein.

Angesichts von in Deutschland 1,65 Millionen männlichen und 300.000 weiblichen Fußball-Aktiven im Wachstumsalter fordern die Autoren von der LMU München wissenschaftlich untermauerte Präventionsmaßnahmen, etwa in Bezug auf Trainingsmethoden und Trainingsintensität sowie verändertes Schuhmaterial.

Die Littbarski-Stellung

  • Früher galten die O-Beine des langjährigen Kölner Kickers Pierre Littbarski stets als die krümmsten der Bundesliga.
  • Mittlerweile wurde seine O-Bein-Stellung operiert. "Das rechte Bein ist heute wieder gerade. Ich hatte keinen Meniskus mehr. Mir wurde eine Metallplatte ins Knie eingesetzt", berichtete er im Jahr 2013.
  • Als "Dribbelkönig" wurde der Fußballer häufig bezeichnet. Trotz oder gerade wegen seiner O-Beine machte er allein für den 1. FC Köln 406 Liga-Spiele und schoss dabei 116 Tore.
  • 1990 wurde er in Italien mit der deutschen Nationalmannschaft Fußball-Weltmeister.
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Jeder dritte Brustkrebs im MRT übersehen

MRT-Bilder helfen, Brustkrebs früh aufzuspüren – doch in vielen Fällen gelingt das nicht. Eine niederländische Studie ergab: Jedes dritte Karzinom ist im MRT übersehen worden. mehr »

Neun Millionen Klinik-Infektionen jährlich

Infektionen in Kliniken und Pflegeheimen sind in Europa ein großes Problem. Jährlich infizieren sich dort neun Millionen Bürger, berichtet die EU-Seuchenbehörde. mehr »

Elektrostimulation macht Gelähmten Beine

Querschnittgelähmte können mit Krücken wieder gehen – dank einer individuell angepassten epiduralen Stimulation. Allerdings ist die Therapie nicht für jeden geeignet. mehr »