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Ärzte Zeitung, 28.11.2008

Zukunftsweisende Versorgungsmodelle bei Demenz gefragt

Beim Frühstück in der Demenz-WG. "Sehr geehrte Frau Wenzel, hätten Sie die außerordentliche Güte, mir das Milchkännchen reichen zu wollen?", fragt der Betreuer. Die Angesprochene antwortet: "Machen Sie es kurz, sonst vergesse ich, was Sie wollen."

Von Anja Krüger

Die Zahl Demenzkranker wird in den kommenden Jahrzehnten dramatisch steigen. Die Frage nach einer guten Versorgung ist bislang ungelöst.

Foto: dpa

Selbstironie in einer Situation, in der viele Menschen in tiefe Verzweifelung fallen - das ist nur möglich in einem sehr besonderen Umfeld, in dem Patienten mit einer Demenz in Würde und Geborgenheit leben. In der Mettmanner Wohngemeinschaft der Gesellschaft Integritas Pflege & Aktivzentrum ist das möglich.

Die sechs Bewohner mit einer Demenz werden Tag und Nacht betreut, jeder hat ein eigenes Zimmer und bekommt die Unterstützung, die er braucht. "Wir versuchen, so gut wie möglich eine große Familie zu simulieren", berichtete Geschäftsführer Michael Ernst bei einem Informationsforum am Rande der Medizinermesse MEDICA 2008 in Düsseldorf, bei der er die Episode mit Frau Wenzel schilderte.

In sehr vielen Städten Deutschlands gibt es mittlerweile solche Wohngemeinschaften mit den unterschiedlichsten Trägern. "Viele entstehen als private Initiative", sagte Heike von Lützau-Hohlbein, Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft.

2,3 Millionen Demenzkranke im Jahr 2050?

Ärzte und Angehörige von Patienten mit einer Demenz wünschen sich, dass Erkrankte so leben können. Doch die Wirklichkeit der rund 1,2 Millionen Demenzkranken in Deutschland, von denen 60 bis 70 Prozent unter Alzheimer leiden, sieht anders aus - vielfach dramatisch schlecht. Dabei ist es geboten, gute Modelle für die Versorgung dieser Gruppe zu finden. Denn sie wird aufgrund der steigenden Lebenserwartung drastisch steigen. "Das höchste Risiko, an einer Demenz zu erkranken, ist das Alter", sagte Lützau-Hohlbein. Bis 2050 wird es in Deutschland mindestens 2,3 Millionen Demenzkranke geben.

Zwei Drittel der Patienten werden zu Hause gepflegt

Bei der Versorgung der Kranken klaffen heute Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander. Zwei Drittel der Patienten leben im häuslichen Umfeld. Sie werden von Angehörigen, meistens von Frauen, versorgt. "Die Angehörigen sind der größte Pflegedienst der Nation", sagte Lützau-Hohlbein. Pflegende Angehörige erhalten nicht die Unterstützung, die angemessen wäre. "Wir brauchen unbedingt flächendeckende und bezahlbare Entlastungsangebote für Angehörige", forderte sie.

Auch fehlt es vielen an Information. "Ein informierter Angehöriger weiß, dass nicht er gemeint ist, wenn der Kranke sagt: Ich will nach Hause!, sondern dass das der Wunsch nach Geborgenheit ist", erklärte Lützau-Hohlbein.

Dabei ist es wichtig, auf die speziellen Bedürfnisse der Erkrankten einzugehen. Im Laufe der Krankheit nehmen Angst, Unsicherheit und das Gefühl von Verlassenheit zu. Wünschenswert wäre eine Wirklichkeit für Demenzkranke, wie sie in der "Charta der Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen" gefordert wird, die der Runde Tisch Pflege bereits 2005 verabschiedet hat. Hier werden neben angemessener Pflege auch das Recht auf Selbstbestimmung, Information, Wertschätzung, Teilhabe an der Gesellschaft und Privatheit eingefordert. "Zu Privatheit gehört, dass ein Mensch aufstehen und ins Bett gehen kann, wann er möchte", erklärte sie. Doch davon kann in Heimen keine Rede sein.

Auch von den 700 000 in Heimen lebenden Menschen leiden 60 bis 70 Prozent unter einer Demenz. "Nur 35 Prozent von ihnen werden von einem Neurologen betreut", berichtete sie. "Die übrigen Kranken haben zum Teil nicht einmal eine Diagnose."

Eine frühe Behandlung kann den Verlauf verzögern

Wird die Krankheit im frühen Stadium behandelt, kann die Verschlechterung hinausgezögert werden, der Patient gewinnt Zeit. "Unbehandelte haben etwas zu verlieren", betonte der Arzt Dr. Martin Haupt aus Düsseldorf. "Am Anfang einer Alzheimererkrankung können wir helfen und stabilisieren." Die medikamentöse Behandlung könne im Zusammenspiel mit weiteren Maßnahmen bis zu fünf Jahre die Verschlechterung aufhalten. Bekommen Patienten keine Medikamente, müssen sie schneller stationär versorgt werden. Sie büßen auch an Beweglichkeit und Selbstständigkeit etwa beim Anziehen ein. Beim Einsatz von Neuroleptika oder Antidepressiva sei eine strikte Therapiekontrolle erforderlich.

Zur Versorgung von Patienten mit einer Demenz gehört auch die regelmäßige internistische Basisbehandlung, betonte er. "Sie wird leider oft vernachlässigt, weil die Demenz so stark in den Vordergrund rückt."

Symptome werden zunächst häufig verdrängt

Den Ausbruch der Erkrankung bemerken die Patienten als erste. Doch statt Hilfe zu suchen, verdrängen viele die Symptome und versuchen, sie zu kompensieren. Bemerken Partner Veränderungen wie zunehmende Vergesslichkeit oder Stimmungsschwankungen, drängen sie oft vergebens auf einen Besuch beim Facharzt.

"In so einem Fall ist es gut, wenn der Partner den Hausarzt auf seine Seite bekommt", sagte Haupt. Der Hausarzt habe einen guten Zugang gerade zu älteren Patienten. Er könne auf entsprechende Tests zum Beispiel mit der Bemerkung hinweisen: "So etwas empfehle ich meinen anderen älteren Patienten auch."

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