Ärzte Zeitung, 27.08.2010

Der Standpunkt

Viel Nebel statt Transparenz

Von Helmut Laschet

Viel Nebel statt Transparenz

Der Autor ist stellv. Chefredakteur und Ressortleiter Gesundheitspolitik bei der "Ärzte Zeitung". Schreiben Sie ihm: helmut.laschet@springer.com

Nach welchen Kriterien und mit welchen Folgen - Erfolgen oder Risiken - weisen niedergelassene Ärzte ihre Patienten ins Krankenhaus ein? Darüber ist fast nichts bekannt.

Mit großer Akribie analysieren Kassenärztliche Vereinigungen und Krankenkassen arztbezogen Daten zur Arzneimitteltherapie, ihrer Qualität und ihrer Kosten. Die Abweichung von wissenschaftlicher Evidenz ist zumindest begründungspflichtig.

Merkwürdig: Die Entscheidung von Ärzten zugunsten bestimmter Krankenhäuser ist - trotz hoher Kosten und oft einschneidender Wirkung für den betroffenen Patienten - bestenfalls auf niedrigste Evidenz gestützt.

Erfahrungen, die sich im Lauf der Zeit gesammelt haben, Kenntnisse eventuell aus der Weiterbildungszeit in einer bestimmten Klinik, persönliche Kontakte. Das ist wenig rational.

Aber erklärlich. Die Leistungs- und Qualitätstransparenz der Krankenhäuser ist immer noch extrem unterentwickelt. Und anders als die Arzneimittelversorgung, die unter dem öffentlichen Generalverdacht der Kostentreiberei und der Gefährlichkeit steht, werden Krankenhäuser vom Nebel des Nichtwissens geschützt.

So ist der Öffentlichkeitsoffensive der Mainzer Uniklinik nach dem Tod dreier Säuglinge zu verdanken, dass wir derzeit eine Debatte über Nosokomialinfektionen in deutschen Kliniken haben. Die Diskussion wird aber in wenigen Tagen wieder aus den Schlagzeilen verschwinden, wenn Ärzte, und zwar auch niedergelassene Ärzte, dies nicht zu einem Qualitätsthema für sich machen. Der Skandal sind nicht die Fehler, die passieren.

Der Skandal ist, dass nur ein Viertel der Kliniken aktiv an der Erhebung von Vergleichsdaten zu MRSA beteiligt ist. Drei Viertel wissen selbst nicht, wo sie im Ranking stehen. Ein Skandal ist auch, dass sich nur ein Drittel an der Aktion "Saubere Hände" beteiligt. Oder, dass Landesregierungen einer akademischen Profession deren eigenen wissenschaftlichen Erkenntnisse als Handlungsmaxime vorschreiben müssen. Das ist eigentlich traurig.

Lesen Sie dazu auch:
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