Ärzte Zeitung, 20.10.2010

Interview

"Der größte Patient ist das Gesundheitssystem"

Seit Mitte Juli steht mit Barbara Steffens erstmals eine Grüne an der Spitze des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministeriums. Im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" nennt sie die Bedingungen, unter denen Ärzte in Nordrhein-Westfalen arbeiten, "nicht akzeptabel". Allerdings: Gleiches gilt für die immer neuen Kapriolen der Selbstverwaltung bei der Honorarverteilung. Da habe die Ärzteschaft "viele Hausaufgaben vor sich".

"Der größte Patient ist das Gesundheitssystem"

Barbara Steffens: "Wir haben nie gefragt: Was macht das Gesundheitssystem mit den Menschen?"

© Sonja Werner (2)

Ärzte Zeitung: Sie haben sich gleich bei Ihrem Amtsantritt für eine gerechte Vergütung der nordrhein-westfälischen Ärzte stark gemacht. Reicht die jetzt beschlossene asymmetrische Honorarverteilung Ihrer Einschätzung nach aus, um die Benachteiligung der vergangenen Monate auszugleichen?

Barbara Steffens: Es ist gut, dass die Abstände zu den anderen Bundesländern etwas geringer werden, aber sie sind immer noch zu groß. Es ist nicht akzeptabel, dass bestimmte Arztgruppen 20, 25 oder 30 Euro pro Fall weniger bekommen.

Und zwar nicht nur für mich als Ministerin, sondern auch für mich als Patientin. Ich bezahle denselben Versicherungsbeitrag wie andere Versicherte meiner Einkommensgruppe. Warum bekommt mein Arzt oder meine Ärztin dafür deutlich weniger als ihre Kollegen in anderen Bundesländern?

Ärzte Zeitung: Planen Sie gemeinsame Aktionen mit den Ärzten?

Steffens: Es müssen jetzt erst einmal die Zahlen auf den Tisch, dann können wir die nächsten Schritte überlegen. Ich unterstütze alle Bemühungen um eine gerechte Honorarverteilung. Was ich aber nicht unterstütze, sind Proteste zu Lasten der Versicherten.

Gemeinsamer Widerstand ja, aber nur wenn wir die Patienten mitnehmen. Sie wollen sich schließlich mit ihren Ärzten solidarisieren. Wenn 18 Millionen Menschen da stehen und im Bund sagen "18 Millionen Versicherte aus Nordrhein-Westfalen zeigen Euch die rote Karte", dann ist das ein ganz anderes Machtpotenzial.

Ärzte Zeitung: Wie sehen Sie Ihre Rolle im Gesundheitswesen?

Steffens: Als Landesministerin kann ich nicht die Rahmenbedingungen verändern. Aber ich kann unsere Positionen im Bundesrat einbringen. Auf der anderen Seite kann ich im Land selbst eine moderierende Rolle übernehmen und überall dort Anstöße geben, wo Dinge falsch laufen. Außerdem sehe ich mich als Vertreterin der Patientinnen und Patienten und möchte eine neue grundsätzliche Diskussion anstoßen.

"Der größte Patient ist das Gesundheitssystem"

"Gemeinsamer Widerstand ja, aber nur wenn wir die Patienten mitnehmen."

In den vergangenen Jahren ist die Debatte über das Gesundheitswesen fast ausschließlich unter Sparaspekten und Effizienzgesichtspunkten geführt worden. Wir haben aber nie gefragt: Was macht das System mit den Menschen?

Wenn ich versuche, von draußen auf das Gesundheitssystem zu gucken, dann habe ich das Gefühl: Der größte Patient, den wir haben, ist das Gesundheitssystem selbst. Das ist nämlich völlig krank.

Wir haben versucht, das System effizient zu gestalten, aber wir haben es kaputt gespart an vielen Stellen. Ich möchte, dass wieder der Mensch ins Zentrum rückt, das heißt, ich werde mich für ein menschlicheres Gesundheitssystem einsetzen.

Ärzte Zeitung: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat angekündigt, dass sie sich im nächsten Jahr das Gesundheitswesen in Nordrhein-Westfalen ansehen will. Was sollte sich Merkel anschauen?

Steffens: Ich möchte nicht, dass sich Frau Merkel nur die Sahnestückchen ansieht, also die Praxen, die trotz schlechter Bedingungen gut zurechtkommen. Man muss der Kanzlerin zeigen, dass wegen der defizitären Finanzierung in Nordrhein-Westfalen möglicherweise Praxen schließen müssen.

Ärztinnen und Ärzte, die am Existenzminimum herumkrebsen, sollten den Mut haben, Frau Merkel in ihre Praxen einzuladen. Sie soll sehen, dass es nicht nur in den östlichen Bundesländern schwierig ist, sondern dass wir in Nordrhein-Westfalen unsere Ärzte unter Bedingungen arbeiten lassen, die so nicht akzeptabel sind.

Ärzte Zeitung: Glauben Sie, dass auch die Selbstverwaltung ein Stück Verantwortung trägt für die Lage?

Barbara Steffens

Aktuelle Position: Seit 15. Juli ist Steffens Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes NRW.
Werdegang/Ausbildung: Die biologisch-technische Assistentin ist seit 1989 Mitglied der Grünen. Von 1992 bis 1994 war sie politische Geschäftsführerin des Landesvorstands von Bündnis 90/Die Grünen in NRW, von 1994 bis 2000 Sprecherin des Landesvorstands. 2000 zog Steffens in den NRW-Landtag ein.
Privates: Geboren am 24. Januar 1962 in Düsseldorf.

Steffens: Die Selbstverwaltung ist seit Jahren nur mit Verteilungskämpfen beschäftigt. Eigentlich müsste die Ärzteschaft jetzt sagen: Wir stellen uns komplett neu auf und überlegen, was ein gerechtes Vergütungssystem ist, und zwar eines, das auch den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten gerecht wird.

Ich glaube, da hat die Selbstverwaltung noch viele Hausaufgaben vor sich. Es kann nicht sein, dass die Selbstverwaltung es nicht schafft, auf eine nachvollziehbare, transparente und gerechte Weise zu verwalten. Ich hoffe jedenfalls, dass sich die Ärzteschaft an einen Tisch setzt und versucht, die Probleme gemeinsam zu lösen.

Was im Gesundheitswesen vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und des wachsenden Kostendrucks auf uns zukommt, kann man nur bewältigen, wenn man ganz breite Brücken schlägt und sich breit aufstellt.

Die Fragen stellten Ilse Schlingensiepen und Anja Krüger.

[25.10.2010, 17:48:42]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Es geht tatsächlich um den "Patient Gesundheitswesen"
Lieber Herr Kollege Dr. med. Jürgen Schmidt, und alle Anderen, die sich wohl nicht mehr erinnern können:

Natürlich gibt es ein komplettes Versagen der Ärzteschaft in Sachen "Public Relations". Selbstverständlich müssen Ärztinnen und Ärzte, Funktionäre, Ärztevereine und Verbände sich völlig neu aufstellen, weil sie spätestens seit Anfang der siebziger Jahre mitverantwortlich an der Misere in der GKV (Gesetzlichen Krankenversicherung) und jetzt auch in der PKV sind. Alles andere wäre Realitätsverleugnung bis hin zur illusionären Verkennung:

Fragen Sie doch mal Orthopäden, wie die ihr Medikamentenbudget auf 3 Euro pro Patient/pro Quartal heruntergespart haben, indem sie nur Kleinpackungen Diclofenac rezeptiert und kiloweise Kortison gespritzt haben? Oder Kardiologen mit ihrer grandiosen Selbstüberschätzung bei den Langzeit-Segnungen der (bare metal oder drug eluting) Stents in der enttäuschenden COURAGE-Studie? Fragen Sie auch Diabetologen und Hausärzte, die mit massenweiser Verordnung von hypoglykämie-riskanten Sulfonylharnstoffen bzw. Insulinhochdosis beim Typ 2 Diabetes vielerorts mehr Schaden als Nutzen anrichten (ADVANCE- und ACCORD-Studien)? Selbst eine übermäßige Blutdrucksenkung ("the lower the better"?) soll die Mortalität wieder erhöhen. Fragen Sie die KV-Westfalen-Lippe, wie sie es geschafft hat, beim bundesweit niedrigsten Regelleistungsvolumen die "Rote Laterne" zu kriegen? Fragen Sie doch, woher die Kakophonie von KBV und BÄK kommt, wenn Herr Kollege Andreas Köhler über Ethik ärztlichen Handelns und Jörg-Dietrich Hoppe über Monetik bei Vertragsärzten spricht, obwohl ihre Arbeitsschwerpunkte genau anders herum liegen? Fragen Sie nach struktureller Haus- und auch Fachärzte-Untersorgung im ländlichen Raum vs. Arztgetümmel in den Metropolen? Und fragen Sie den in bedeutungsloser Agonie liegenden Hartmannbund, was bei denen schon ab den siebziger Jahren schief gelaufen ist?

Damals gab es nämlich einen Professor Dr. med. Horst Bourmer, Präsident des Hartmannbundes, der meinte, den damaligen Gesundheitsminister Norbert Blüm verfrühstücken zu können, nur weil er der Arzt war. Norbert Blüm hatte das nicht vergessen und sich später mit seiner Sparpolitik bei den Ärzten gerächt. Der HB hatte damals einen Hauptgeschäftsführer namens Dr. Klaus Nöldner, der später wegen Unregelmäßigkeiten entlassen werden musste, u. a. auch deshalb, weil er als Vorsitzender von CARE Deutschland e. V. Spendengelder veruntreut haben soll. Noch heute propagiert der HB unverdrossen wie vor 35 Jahren die Kostenerstattung in der GKV und fällt damit jeden Monat auf die Nase, auch wenn unser jetziger Bundesgesundheitsminister, Kollege Philipp Rösler, noch eine „intelligente Kostenerstattung“ inaugurieren möchte. Der damalige Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Kollege Dr. med. Karsten Vilmar, wurde in eingeweihten Kreisen auch "Häuptling Silberlocke" genannt. Er verstand sich auf höchst einschläfernde Reden, bei denen spätestens im zweiten Satz pekuniäre Themen angesprochen und Kassenarztprobleme erörtert wurden, die ihm als angestelltem Krankenhausarzt und KBV-Unerfahrenen sowieso nicht lagen. Aus meiner z. T. bundespolitischen Arbeit für einen Wohlfahrtsverband in den 80er Jahren weiß ich noch, dass in der Bonner Bundesregierung jeder verantwortliche Minister und/oder Staatssekretär urplötzlich krank wurden oder überraschend in den Urlaub entschwanden, wenn die Kölner BÄK-Spitze oder auch die KBV sich ankündigten.

Wir Kolleginnen und Kollegen (auch ich!) neigen berufsbedingt zu Helfer-Syndrom und Selbstüberschätzung. Aktive, sinnstiftende Gesundheitspolitik gelingt nur mit langem Atem, Beharrlichkeit, Überzeugungskraft, Empathie für das Wesentliche und Distanz gegenüber Unwesentlichem. Patienten- und Arztinteressen, Ethik und Monetik müssen im Sinne von Gesunderhaltung, Untersuchung, Diagnostik, Therapie, Heilung, aber auch Linderung, Palliation und Prävention gewürdigt werden. Dass Dies funktionieren kann, zeigen Marburger Bund für die Angestellten und Beamten und der Deutsche Hausärzteverband für die Niedergelassenen. Ansonsten weit und breit, auch und besonders in der derzeitigen Bundesregierung: Reinste Klientel- und Lobbypolitik!

Mi kollegialen Grüßen, Ihr Dr. med. T. G. Schätzler, FAfAM in Dortmund

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[21.10.2010, 08:37:39]
Dr. Jürgen Schmidt 
Viel Geschrei und wenig Wolle, sagte der Bauer nachdem er ein Schwein geschoren hatte.

Es ist ja sehr erfreulich, wenn eine neue Ministerin grundsätzliche Fragen stellt, aber schon bedenklich, wenn einige Urteile (Gesundheits-system "völlig krank") schon feststehen und offensichtlich keine Kenntnis darüber besteht, dass die Selbstverwaltung nicht nur aus der Ärzteschaft besteht und diese für Vergütungssystem und Honorarverteilung nur begrenzt verantwortlich ist. Im Gegensatz dazu und richtiger erscheint das Urteil der Ministerin, das "System sei kaputt gespart worden".
Die damit verbundene Forderung, die "Ärzteschaft müsse sich neu aufstellen", ist nachvollziehbar, nicht jedoch, dass zugleich insinuiert wird, die Ärzteschaft habe wohl etwas versäumt und sei mitverantwortlich für die Misere.
Insgesamt ist das Interview ein Beispiel dafür, dass Politik und Gesundheitspolitik im besonderen heute mit Parolen und Stimmungsmache auf Wählerstimmen schielt und die notwendige Substanz, sich eingehend und objektiv mit Systemfragen zu beschäftigen, nicht vorhanden ist, vielmehr blanker Opportunismus auf niedrigem Niveau vorherrscht.
Man ahnt, wie das enden wird, nämlich in der Suche nach Schuldigen für vermeintliche und tatsächliche Misstände, wobei man ziemlich rasch bei den politisch schwächsten, nämlich den Ärzten landen wird.
Was sollen die niedergelassenen Ärzte in NRW von der Forderung halten, das "System müsse menschlicher werden" ?
Es scheint, dass die Ärzte in NRW wieder einmal wenig Freude an der neuen Ministerin haben werden.
Was waren das noch für Zeiten, als wir Norddeutschen hoffnungsvoll auf die ZAG in Nordrhein blickten, die - apropos Neuaufstellen - den Ärzten die Freiheit zurück erkämpfen wollte ! Lang ist's her. zum Beitrag »

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