Ärzte Zeitung, 01.03.2011

IGES-Expertise zu Arzteinkommen wird überinterpretiert

Im Durchschnitt kommen Vertragsärzte allein mit Kassenpatienten mindestens auf das gewünschte Oberarzt- Gehalt. Dieses Ergebnis wird vom GKV-Spitzenverband jedoch als untaugliche Munition verwendet.

IGES-Expertise zu Arzteinkommen wird überinterpretiert

IGES-Chef Häussler: Fehlinterpretation der Studie durch die Medien.

© IGES

BERLIN (HL). Nach Berechnungen des Berliner IGES-Instituts im Auftrag des GKV-Spitzenverbandes kamen Vertragsärzte im gesamtdeutschen Durchschnitt bereits im Jahr 2007 auf einen Reinertrag von 104.620 Euro - nur mit der Behandlung von Kassenpatienten.

Der Gewinn liegt damit nur um knapp 1000 Euro unter dem als erstrebenswert erachteten Oberarztgehalt von 105.572 Euro. Bereinigt man die in die Berechnung einbezogenen Praxen um jene, die nicht Vollzeit arbeiten, also unterdurchschnittliche GKV-Umsätze erzielen, so erhöht sich der Reinertrag aus GKV-Umsätzen je nach Variation auf bis zu 119.500 Euro.

Die Kernaussage des IGES-Gutachtens lautet somit: Trotz eines vereinbarten Orientierungspunktwertes von 3,5 Cent, der deutlich unter dem kalkulatorischen Punktwert von 5,11 Cent liegt, ist das Einkommen aus Vertragsarzttätigkeit im Durchschnitt höher als das Gehalt eines Oberarztes.

Ferner untersucht IGES, ob die Diskrepanz zwischen Orientierungspunktwert und kalkulatorischem Punktwert das Ausmaß an Unterfinanzierung in der ambulanten ärztlichen Versorgung darstellt oder ob das EBM-Kalkulationsmodell die Realität nicht abbildet.

Eine klare Aussage: Kostendaten sind veraltet, wesentliche Annahmen, zum Beispiel über Arbeitszeiten und Produktiväten sind normativer Natur, also geschätzt oder verhandelt, die Dynamik moderner Praxisstrukturen ist nicht abgebildet.

Allein die Zeitangaben für die ärztliche Arbeit scheint IGES um 30 Prozent zu hoch angesetzt. Allerdings: IGES hat nicht, wie die FAZ behauptet, daraus den Schluss gezogen, Ärzteeinkommen seien "überzogen".

Der GKV-Spitzenverband nutzt die Expertise jedoch dafür, in der Diskussion um eine Förderung von Landärzten eine Zusatz-Honorierung abzuwehren. Er bringt dabei eine Zahl ins Spiel - 164 000 Euro Einkommen -, die alt ist und im Gutachten gar nicht erwähnt wird.

Die Bundesärztekammer macht die Verwirrung komplett: In Widerspruch zum Marburger Bund, der erst jüngst eine Umfrage zur Arbeitsbelastung von Klinikärzten veröffentlicht hatte, behauptet die BÄK, die Wochenarbeitszeit von Ärzten betrage nur noch 33,2 Stunden.

Die Folge seien Arbeitszeitverdichtung, Demotivation der Mitarbeiter, längere Wartezeiten. "Arbeit in der Medizin ist unattraktiv geworden."

Aber auch die KBV warnt: Lange Wartezeiten, übervolle Wartezimmer und der Ärztemangel beweise, so KBV-Chef Dr. Andreas Köhler, "dass Krankenkassen und Ärzte alles daran setzten müssten, den Arztberuf attraktiv zu gestalten".

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[01.03.2011, 21:52:10]
Olaf Grenzer 
Fantasiezahlen
Durchschittswerte sind eben nur Durchschnitt! Reingewinn heißt ja wohl Praxiseinnahmen minus Praxisausgaben. Das ist aber nur die halbe Wahrheit, denn ein nicht unerheblicher Teil von Kosten fällt überhaupt nicht in den Bereich Betriebsausgaben (Notwendige Mehrausgaben für Altersvorsorge,Krankheitsvorsorge etc).

Wie sich die als Maßstab angenommenen Oberarztgehälter errechnen, wäre auch interessant. Ich habe in den letzten 20 Jahren weder als Oberarzt noch als OP-Manager solche Summen verdient.

O. Grenzer
Facharzt Anästhesie zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Jeder dritte Brustkrebs im MRT übersehen

MRT-Bilder helfen, Brustkrebs früh aufzuspüren – doch in vielen Fällen gelingt das nicht. Eine niederländische Studie ergab: Jedes dritte Karzinom ist im MRT übersehen worden. mehr »

Neun Millionen Klinik-Infektionen jährlich

15:41Infektionen in Kliniken und Pflegeheimen sind in Europa ein großes Problem. Jährlich infizieren sich dort rund neun Millionen Bürger, berichtet die EU-Seuchenbehörde. Zwei Gründe sind dafür ausschlaggebend. mehr »

Bangen und Hoffen bei Auslands-Briten

Das Ringen um einen Brexit-Vertrag geht auf die Zielgerade. Doch für EU-Bürger auf der Insel und Auslands-Briten ist es eine Zeit des Wartens. Das macht Großbritannien für qualifizierte Fachkräfte nicht attraktiver, meine unser Blogger Arndt Striegler. mehr »