Ärzte Zeitung, 30.03.2011

Hintergrund

Ärzte unterm Hakenkreuz

Ärzte haben im Nationalsozialismus aktiv am Völkermord mitgewirkt. Doch noch immer steht eine vollständige Aufarbeitung ihrer spezifischen Rolle aus. Ein neues Buch versucht jetzt, einen Überblick über den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung zu vermitteln.

Von Angela Mißlbeck

Ärzte hatten durchaus Handlungsspielräume, aber sie wurden in der Nazizeit nicht genutzt

Prozess gegen Nazi-Ärzte 1946 in Nürnberg: Der Forschungsbericht "Medizin und Nationalsozialismus" bringt etwas mehr Licht ins Dunkel um die Verstrickungen.

© dpa

Die Verquickung von Medizin und Nationalsozialismus macht viele Menschen immer noch sprachlos. Klare Worte findet Bundesärztekammerpräsident Professor Jörg Dietrich Hoppe: "Ärzte haben in der Zeit des Nationalsozialismus aktiv an der systematischen Ermordung von Kranken mitgewirkt", sagt er.

Die Masse der Ärzte habe geschwiegen. Außerdem hätten sich führende Vertreter der Ärzteschaft an der Vertreibung ihrer jüdischen Kolleginnen und Kollegen beteiligt.

"Auch wenn die Mitschuld der Ärzte an den Verbrechen der NS-Gewaltherrschaft im Rahmen verschiedener Forschungsprojekte wissenschaftlich untersucht wurde, ist die Rolle der Ärzteschaft im Nationalsozialismus bei weitem nicht ausreichend aufgearbeitet worden", so Hoppe weiter.

Einen Beitrag zur weiteren Aufarbeitung der Geschichte der Medizin im Nationalsozialismus soll jetzt der Forschungsbericht "Medizin und Nationalsozialismus - Bilanz und Perspektiven der Forschung" leisten.

Den 320 Seiten starken Überblick über den Stand der Forschung hat der Stuttgarter Medizinhistoriker Professor Robert Jütte im Auftrag der Bundesärztekammer herausgegeben, "weil es einen Gesamtüberblick zu der Thematik nicht gibt", wie er sagt.

Die Forschung zum Thema vergleicht er mit einem bunten dicht gewebtem Flickenteppich, dessen Gesamtmuster immer schwerer zu erkennen sei. Das Engagement der Ärzteschaft bei der Vergangenheitsbewältigung findet das Lob des Historikers.

Kaum eine andere Berufsgruppe habe sich so intensiv mit ihrer Vergangenheit befasst. "Die Bundesärztekammer hat sich spät, aber offen der Vergangenheitsbewältigung gestellt", sagte er bei der Vorstellung des Forschungsberichts.

Ärzte hatten durchaus Handlungsspielräume, aber sie wurden in der Nazizeit nicht genutzt

Robert Jütte in Verbindung mit Wolfgang U. Eckart, Hans-Walter Schmuhl und Winfried Süß: Medizin und Nationalsozialismus. Bilanz und Perspektiven der Forschung. Wallstein Verlag Göttingen 2011, 320 Seiten, 24,90 Euro.

Der aktuelle Forschungsband gibt zunächst einen Gesamtüberblick über die Literatur zu Medizin und Nationalsozialismus und auch zum ideologischen Überbau Eugenik und Rassenideologie. Weitere Kapitel sind dem Gesundheitswesen der NS-Zeit und der Medizinischen Forschung gewidmet.

Auch die Brüche und Kontinuitäten nach 1945 werden thematisiert. Der Schwerpunkt des Bandes liegt aber auf der Praxis der Medizin im Nationalsozialismus. Für diesen Bereich liefert der Band nicht nur einen Forschungsüberblick und weiterführende Literatur, sondern konkrete Erkenntnisse.

"Wir haben deutlich gemacht, dass es auch in einem Unrechtsregime Handlungsspielräume gab, die aber nicht genutzt worden sind", sagte Jütte. Als Beispiel verwies er auf das Verhalten der Ärzte, als den jüdischen Kollegen die Approbation entzogen wurde. Rund 8000 jüdische Ärzte gab es 1933.

1938 beim vollständigen Approbationsentzug waren noch 700 als Krankenbehandler zugelassen. Über ihr Schicksal sei kaum etwas bekannt. Die meisten jüdischen Ärzte seien gezwungen gewesen, ihre Praxisausstattung für einen Spottpreis zu verkaufen.

Dabei hätten Ärzte ihre Kollegen mit einer angemessenen Bezahlung bei der Finanzierung der geplanten Emigration unterstützen können, ohne irgendwelche negative Konsequenzen fürchten zu müssen, so der Medizinhistoriker.

Geld spielte Jütte zufolge allgemein eine unschöne Rolle für das Verhalten der Ärzte während des Nationalsozialismus. "Man wird sehr stark ökonomische Motive im Handeln der Ärzteschaft finden", sagte der Medizinhistoriker. Fast die Hälfte der Mediziner sei in der NSDAP organisiert gewesen, mehr als andere akademische Berufsgruppen. Denn das Parteibuch versprach Ärzten bessere Berufsaussichten.

Ein weiteres Beispiel: An dem Programm zur Zwangssterilisation hätten sich freie Ärzte anfangs kaum beteiligt. Erst als die Teilnahme besser bezahlt wurde, hätten mehr Ärzte mitgewirkt und sich somit ihre ethischen Bedenken praktisch "abkaufen lassen".

Die Forschung zur medizinischen Praxis in der NS-Zeit weist laut Jütte trotz der Fülle an Literatur noch "große Forschungslücken" auf. Auch Bundesärztekammerpräsident Hoppe zeigte sich überzeugt, "dass die Gräueltaten von Ärzten im Dritten Reich noch nicht genügend aufgeklärt sind".

Zum Gedenken an die jüdischen Ärzte, die Opfer des Nazi-Regimes wurden, und um einen Beitrag zur Aufarbeitung der Rolle von Ärzten im Nationalsozialismus zu leisten, zeigt die Bundesärztekammer bis zum 29. April in ihren Räumen die Ausstellung "70. Jahrestag des Entzugs der Approbationen aller jüdischen Ärztinnen und Ärzte 1938" zeigen.

Anhand von Einzelschicksalen jüdischer Ärztinnen und Ärzte aus München wird in der Ausstellung dokumentiert, wie Menschen mit Hilfe von nationalsozialistischen Verordnungen und Gesetzen diskriminiert, systematisch aus der Gesellschaft ausgegrenzt und anschließend ermordet wurden.

Die Wanderausstellung ist bereits an verschiedenen Orten gezeigt worden und dabei auf große Resonanz gestoßen.

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