Ärzte Zeitung, 18.04.2011

Hintergrund

Auch der Osten ist überzeugt: Konkurrenz unter Ärzten und unter Kassen ist gut

Der Ruf nach einem starken Staat ist im Osten noch immer laut. Das Solidarprinzip hält eine Mehrheit der Bürger für unzureichend umgesetzt. Dennoch gilt das Krankenkassensystem als das beste der real vorhandenen. Beachtlich: Eine Mehrheit befürwortet Wettbewerb.

Im Osten ist noch manches anders - aber die Wettbewerbsidee findet Zustimmung

Von Robert Büssow

Zwanzig Jahre nach der Übernahme des westdeutschen Gesundheitssystems am 1. Januar 1991 tickt der Osten noch immer etwas anders als der Westen. Laut einer Umfrage der Techniker Krankenkasse (TK) ist vor allem der Ruf nach staatlicher Kontrolle tendenziell etwas lauter.

Im Osten votieren 69 Prozent für klare Vorgaben der Politik, in Mecklenburg-Vorpommern wünschen sich sogar 77 Prozent der Menschen einen starken Staat. In den Altbundesländern spricht sich zwar ebenfalls eine Mehrheit dafür aus, aber mit 60 Prozent auffallend weniger.

"Im Rückblick ist die deutsche Sozialunion trotzdem eine klare Erfolgsgeschichte", sagt Guido Dressel, TK-Chef in Thüringen. Dies spiegele sich beispielsweise in der Angleichung der Lebenserwartung wider.

Unterschiede, die geblieben sind, hat Dressel trotzdem eine Reihe parat. Beispielsweise registriert die TK 40 Prozent aller Kinderkrankengeldfälle im Osten - bei nur zehn Prozent Versichertenanteil. "Auch heute wird das kranke Kind eher von der Hausfrau betreut, im Osten von der berufstätigen Mutter", erklärt Dressel.

Auch der Krankenstand ist höher. Eigentlich paradox, weil er meist mit der Angst um den Arbeitsplatz korrespondiert. Doch kaum ein Tarifvertrag im Osten erlaube es, ohne Krankenschein zwei, drei Tage zu fehlen, erklärt Dressel.

Unterschiede finden sich auch in der Sicht auf das Gesundheitswesen. Die Festlegung des Kassenbeitrags durch den Bund wird von 47 Prozent der Ostdeutschen klar unterstützt - in den Altbundesländern sind es nur 42 Prozent. Das heißt im Umkehrschluss aber auch: Eine knappe Mehrheit lehnt die hoheitliche Beitragshöhe als Überregulierung ab.

"Prinzipiell gut, aber stellenweise reformbedürftig", das sagen immerhin 74 Prozent der Bundesbürger über das deutsche Gesundheitssystem. Deutlich skeptischer äußern sich die Bürger aus dem Osten Deutschlands: Jeder Dritte fordert grundlegende Reformen, im Westen nur jeder Vierte.

Besonders schlecht umgesetzt sei der Solidargedanke als Grundpfeiler der GKV. Zwar befürwortet eine überwältigende Mehrheit von 83 Prozent im Osten die Verteilung der Lasten auf viele Schultern, doch etwa jeder Zweite sieht erhebliche Defizite bei der Realisierung. Besonders die Thüringer (59 Prozent) kritisieren Ungerechtigkeiten im System.

Eine Rückkehr zum staatlich diktierten Gesundheitssektor der DDR gilt jedoch nicht als Alternative. Das deutsche Gesundheitswesen scheint eben das Beste unter den denkbar Schlechten. Allgemein hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass Konkurrenz das Geschäft belebt.

Ihren Arzt frei wählen zu können, ist etwa 80 Prozent der Ostdeutschen "sehr wichtig". Gleiche Werte erreicht die Freiheit bei der Entscheidung zwischen privater oder gesetzlicher Krankenversicherung.

Eine Wahl zwischen Scylla und Charybdis ist hingegen die Abwägung zwischen stabilen Beiträgen und medizinischer Leistung. Spontan antworteten 27 Prozent der Ostdeutschen, sie akzeptieren weder steigende Beiträge noch Einschnitte im Versorgungsniveau - deutlich mehr als in westdeutschen Vergleichsstudien.

Aber die Ostdeutschen sind gespalten: 39 Prozent sind stabile Beiträge wichtiger, dem übrigen Drittel die Versorgungsqualität.

Erst wenn danach gefragt wird, wie wichtig die Teilhabe am medizinischen Fortschritt ist, würden 59 Prozent höhere Beiträge in Kauf nehmen.

Das Thema Zwei-Klassenmedizin wird zwar bundesweit als das größte Problem angesehen, im Osten, wo der Anteil der Privatversicherten traditionell noch immer extrem niedrig liegt, klagt jedoch nur jeder Elfte darüber. Auch der vielfach in Politik und Verbänden befürchtete Ärztemangel spielt in der Wahrnehmung eine erstaunlich geringe Rolle.

Nur sechs Prozent der Befragten in Thüringen, dem laut KV ein besonders großer Ärztenotstand droht, nannten den Mangel als Problem. Ganz oben im Ranking: Bürokratie und zu hohe Kosten.

Insgesamt 1500 Personen hat das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag der TK Dezember 2010 und Januar 2011 in den neuen Bundesländern zwischen befragt - jeweils 250 je Bundesland. Bundesweite Vergleichsstudien waren der TK-Meinungspuls Gesundheit 2010 sowie 2009.

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