Ärzte Zeitung, 13.07.2011

Hintergrund

Den Demenzkranken neue Städte bauen

Dass Demenzkranke eine spezielle medizinische und pflegerische Versorgung brauchen, ist schon länger Konsens. Aber das wird auf Dauer nicht reichen. Benötigt werden unter anderem auch völlig neue Quartier- und Wohnungsbaukonzepte.

Von Ilse Schlingensiepen

Den Demenzkranken neue Städte bauen

Kinder der Montessorischule in Halle verbringen regelmäßig Nachmittage mit Demenzkranken. Für Experten ein Schritt in die richtige Richtung.

© Woitas/ dpa

Der Aufbau von Versorgungs- und Unterstützungsstrukturen für Patienten mit Demenz und ihre Angehörigen wird das Gesundheitssystem vor eine große Herausforderung stellen.

Doch es ist noch weit mehr gefragt: Die ganze Gesellschaft muss lernen, den besonderen Bedürfnissen dieser - wachsenden - Bevölkerungsgruppe Rechnung zu tragen. Davon geht die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) aus.

"Wir müssen als Gesellschaft verdammt viel lernen, um zur Normalität im Umgang mit Demenz zu kommen", sagte Steffens auf der 9. Kölner Ringvorlesung Gesundheitsökonomie des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie der Universitätsklinik Köln zum Thema "Geißel Demenz: Was gilt es zu tun?"

Stadtplanung muss sich verändern

Während es in Deutschland eine hohe Akzeptanz für Menschen mit körperlichen Behinderungen gebe, sehe das bei Menschen mit geistigen oder psychischen Behinderungen ganz anders aus.

Eine größere Selbstverständlichkeit im Umgang mit Krankheitsbildern wie Demenz wird dazu führen, dass die Erkrankung auch früher diagnostiziert werden kann, erwartet Steffens. "Heute verschweigen Patienten beim Hausarzt oder Facharzt in den meisten Fällen die Symptome."

Zur Schaffung eines Klimas der gesellschaftlichen Normalität gehört für die Ministerin der Aufbau von medizinischen und pflegerischen Versorgungsstrukturen für demenzkranke Menschen und ihre Angehörigen. Gefordert sind aber auch Bereiche wie Stadtplanung und Stadtentwicklung, betonte sie.

Sie tragen heute der zunehmenden Zahl von älteren Menschen keine Rechnung, geschweige denn Patienten mit Demenz oder anderen Einschränkungen.

Altersgerechte Quartiersplanung laut Steffens notwendig

Steffens hält eine altersgerechte Quartiersplanung für notwendig. Eine Reihe von ambulanten und stationären Pflege- und Unterstützungsangeboten sowie neuen Wohnformen soll es den Alten ermöglichen, so lange wie möglich in ihrem vertrauten Umfeld zu bleiben. "Dort muss es auch Anlaufstellen für Menschen mit der Diagnose Demenz geben."

Einzelne Modellprojekte zur besseren Versorgung von Demenzkranken und Angehörigen sind nach ihrer Einschätzung keine Alternative zur Quartiersentwicklung. "Ich glaube, wir schaffen es nur, wenn wir in den Kommunen die Strukturen aufbauen", sagte sie. In diese Strukturen könnte man dann sinnvolle Projekte integrieren.

Auch der Bremer Gesundheitsökonom Professor Gerd Glaeske hält mehr Hilfsangebote für Kranke und Angehörige für dringend nötig. Diese Menschen bräuchten eine Basis, auf die sie sich stützen können, sagte er. "Demenz ist ein Prüfstand dafür, wie die Politik auf Dauer mit denen umgeht, die arm, krank und schwach sind."

"Demenz muss Eingang in die Gesellschaft finden"

Die Lobbyarbeit für Menschen mit Demenz müsse verstärkt werden, forderte er. Demenz müsse eine Krankheit werden, über die öffentlich viel mehr als bislang gesprochen wird. "Ich wünsche mir, dass dieses Krankheits-Bild, mit dem immer nur sehr versteckt umgegangen wird, Eingang in die Gesellschaft findet."

Das könnte dazu beitragen, die derzeitigen Probleme durch Unterdiagnostik, Unterversorgung oder zu späte Behandlung zu mildern. Zwar gebe es wissenschaftliche Leitlinien für die Behandlung von Demenzkranken. Sie seien aber zu stark auf die medikamentöse Versorgung ausgerichtet, Hinweise auf Rehabilitationsmöglichkeiten fehlten, bemängelte Glaeske.

Darüber hinaus zeige ein Vergleich zwischen verschiedenen Krankheiten, dass bei Demenz Rehabilitationsmaßnahmen häufiger unterbleiben. "64,6 Prozent der Kosten entfallen auf die stationäre und teilstationäre Pflege."

Trotz des Fokusses auf die Arzneimittelversorgung würden viele Patienten auch medikamentös nicht ausreichend versorgt. Er verwies auf eine Untersuchung, nach der nur 27 Prozent der Patienten im Jahr der Inzidenz eine medikamentöse Therapie erhalten haben. "Nur acht Prozent erhalten eine adäquate Therapie mit Cholinesterasehemmern oder Memantin."

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