Ärzte Zeitung, 20.11.2011

Bilanz 2010 in Bayern: Mehr als 70 Hausärzte machten Praxis dicht

Bilanz 2010 in Bayern: Mehr als 70 Hausärzte machten Praxis dicht

Keine Nachfolger für Hausarztpraxen - 2010 wurden in Bayern 70 Praxen geschlossen.

© WoGi / fotolia.com

MÜNCHEN (sto). Im vergangenen Jahr wurden in Bayern nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigungen mehr als 70 Hausarztpraxen geschlossen, weil sich kein Nachfolger gefunden hat.

Diese Entwicklung werde sich in den kommenden Jahren noch verschärfen, prognostizierte Dr. Petra Reis-Berkowicz, Vorstandsmitglied des Bayerischen Hausärzteverbandes (BHÄV), vor der Presse in München.

Der Grund, so Reis-Berkowicz: 23 Prozent der Hausärzte im Freistaat seien inzwischen 60 Jahre und älter und gehen in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Nachfolger in ausreichender Zahl seien nicht in Sicht.

Fehlende Planbarkeit und ständige Gesetzesänderungen schrecken ab

Die fehlende Planbarkeit, fortlaufende Gesetzesänderungen und die finanzielle Unterbewertung der hausärztlichen Tätigkeit würden viele junge Ärzte davon abhalten, sich für eine Tätigkeit als Hausarzt zu entscheiden, erklärte Reis-Berkowicz.

Mit einer Kampagne in Praxen und im Internet will der BHÄV deshalb jetzt die Öffentlichkeit auf die Problematik aufmerksam machen. Auf Plakaten in den Praxen ("Hausärzte vor dem Aus!?") und mit Flyern für Patienten werden sich Hausärzte outen und von ihrer schwierigen Suche nach einem Nachfolger oder nach einem Weiterbildungsassistenten als Verstärkung berichten, teilte Reis-Berkowicz mit.

Außerdem gibt es ab sofort unter www.hausaerzte-vor-dem-aus.de eine Internetseite mit Reportagetexten und Videos auf YouTube, wo sich derzeit 25 Hausärzte darstellen. Der Internetauftritt werde in den kommenden Wochen "permanent aufgefüllt", kündigte Reis-Berkowicz an.

Praxissterben nicht nur auf dem Land

Das Praxissterben bei Hausärzten finde nicht nur auf dem Land statt, erklärte Dr. Oliver Abbushi, stellvertretender BHÄV-Bezirksvorsitzender in München. Auch in der Landeshauptstadt gebe es Hausarztpraxen, für die sich kein Nachfolger finde und die deshalb geschlossen werden, so Abbushi.

Um die Hausarztpraxen vor Ort erhalten zu können, müsse der Paragraf 73b SGB V in seiner alten Form wieder eingeführt werden, forderte Reis-Berkowicz. Die Krankenkassen müssten endlich ihrer gesetzlichen Verpflichtung nachkommen und Hausarztverträge abschließen. Nur so hätten die Hausärzte wieder eine Perspektive.

www.hausaerzte-vor-dem-aus.de

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[21.11.2011, 15:23:17]
Dr. Jürgen Schmidt 
Redakteure an die Front und der Sache auf den Grund gehen
Auch in anderen Bundesländern gibt es jeweils eine beträchtliche Zahl von Praxen, die vom Zulassungsausschuss zweimal ausgeschrieben und sicher auch von den Inhabern beworben werden, ohne dass sich ein Nachfolger findet.

Es wäre an der Zeit, dieses Material sorgfältig zu sichten:
Verhältnis nicht wiederbesetzbarer Praxen zur Fachgruppe, Umsatzgröße
(Vergleich zur Fachgruppe), Lage, Übernahmehindernisse (Immobilie, Fahrstuhl?) etc.
Außerdem ist die Zahl der Niederlassungen in den jeweiligen Gebieten gegen zu rechnen, die nicht als Übernahmen, sondern als Neugründungen vorgenommen werden.

Wenn sich der Eindruck bestätigt, dass besonders die Nachbesetzung von Praxen der Allgemeinmediziner Probleme bereitet, auch dort, wo intensive Förderung gewährt wird, stellt sich verschärft die Frage nach den Gründen. Da Arbeitsbelastung und Einkommenserwartungen in anderen Fächern nicht besser sind, die Nachfolgeproblematik jedoch weniger prekär, muss es noch andere Gründe geben, als die üblicherweise behaupteten.

Die Ärztezeitung könnte durch entsprechende Recherchen einen Anreiz zur Intensivierung der Versorgungsforschung setzen.  zum Beitrag »

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