Ärzte Zeitung, 28.11.2011

Montgomery fordert Qualitätsvorgaben mit Augenmaß

Ärzte fürchten zu viele Regeln in der Qualitätssicherung. Für die Kassen besteht ein "Umsetzungsdefizit".

BERLIN (af). Bundesärztekammerpräsident Frank Ulrich Montgomery sprach Tacheles beim 5. Qualitätskongress Gesundheit in Berlin. "Nichts ist unsozialer, als wenn man den Menschen abgepresste Mittel unsolidarisch verschwendet", forderte er von den Akteuren des Gesundheitswesens, den Beitragszahlern die bestmögliche Versorgung zukommen zu lassen.

Dass der Patient sein Recht auf Mündigkeit wahrnehme, sei gut. "Die Zeiten des benevolenten Paternalismus sind vorbei", sagte er an die Ärzte gerichtet bei einer Podiumsdiskussion.Kritik äußerte Montgomery an der Art, wie sich der Qualitätsgedanke im Gesundheitswesen manifestiert.

"Absurde Rankings" schaden Qualitätsdiskussion

Die häufig geforderte Transparenz und schonungslose Offenheit im Gesundheitswesen stehe in Konflikt mit der sich daraus speisenden Skandalisierung. Die mache es schwer, Strukturen zu verbessern und schade dem "rationalen Sprechen über Veränderungsprozesse".

Auch die Einordnung von Krankenhäusern und Arztpraxen in "absurde Rankings" schadeten der Qualitätsdiskussion, sagte Montgomery.

Deutschland hat hohes Niveau an Qualitätssicherung

Man dürfe den ärztlichen Einrichtungen keine unerfüllbaren Vorgaben machen, forderte Montgomery. Deutschland habe schon mit das höchste Niveau an Qualitätssicherung.

Damit dürfe man sich zwar nicht zufrieden geben, aber die Politik müsse auch bei der Qualitätssicherung das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens berücksichtigen.

Als Teil der Versorgungsforschung beschrieb der Geschäftsführer des Göttinger Instituts für angewandte Qualitätsforschung (AQUA), Professor Joachim Szecsenyi, die Qualitätssicherung.

Routinedaten der Kassenn werden Forschung voranbringen

Die im Versorgungsstrukturgesetz angelegten Möglichkeiten, die Routinedaten der gesetzlichen Krankenkassen zu nutzen, werde die Forschung voranbringen, sagte Szecsenyi voraus.

Gleichzeitig werde die Qualitätssicherung per Routinedaten die Dokumentationslast in Kliniken und in der vertragsärztlichen Versorgung bei einzelnen Indikationen um bis zu 80 Prozent verringern, sagte Szecsenyi.

Straub ist skeptisch

Diesen Optimismus wollte Dr. Christoph Straub, der Vorstand der Barmer GEK, nicht teilen. Er sehe das ungezielte Datensammeln skeptisch, sagte Straub. Wichtiger sei zu lokalisieren, wo Qualität in der Gesundheitsversorgung verloren gehe.

Dies geschehe vor allem an den Grenzen der Sektoren und sei insgesamt einem Mangel an Interdisziplinarität geschuldet. Ein hoher Standard komme aus dem Willen, alles was man wisse, auch umzusetzen. "Wir haben ein Umsetzungsdefizit", sagte Straub.

Integration nichtärztlicher Berufe komme nicht voran

Auch der ordnungspolitische Rahmen hindere die Qualitätssicherung daran, sich zu entfalten. Nach wie vor seien Praxisstrukturen über den einzelnen Arzt finanziert.

Die Integration nichtärztlicher Berufe in die Versorgung komme nicht voran, sagte Straub.

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