Ärzte Zeitung, 13.05.2012

Wenn Forschung in der Praxis ankommt

Forschung zahlt sich in der Praxis aus. Das zeigt das Beispiel Schlaganfall: Die Mortalität ist kräftig gesunken. Erkenntnisse aus der Forschung sind umgesetzt worden, vor allem ist die Vernetzung besser geworden.

BERLIN (ami). Die Aufklärung über Behandlungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten bei Schlaganfall ist immer noch eine Herausforderung.

Diese Auffassung vertritt das Bundesforschungsministerium. Es hat deshalb eine Infobroschüre über Forschung, Diagnose und Therapie bei Schlaganfall herausgegeben.

"Egal wie gut wir in der Forschung sind, egal wie sehr wir diagnostische und therapeutische Abläufe optimieren - der ganze Nutzen dieser Maßnahmen beginnt erst, wenn der Patient Kontakt mit dem Arzt aufgenommen hat", sagte der Parlamentarische Staatssekretär Dr. Helge Braun aus dem Bundesforschungsministerium (BMBF) bei einer Fachkonferenz mit dem Centrum für Schlaganfallforschung Berlin (CSB) an der Charité.

Die Broschüre wendet sich an eine breite Öffentlichkeit, ist aber auch für den wissenschaftlichen Einstieg in das Thema geeignet.

Der CDU-Politiker wies darauf hin, dass Integrierte Forschungs- und Behandlungszentren, wie das CSB, darauf hinarbeiten, dass von der Grundlage einer Idee bis zur Anwendung am Patienten nicht mehr als fünf bis sieben Jahre vergehen. "Das ist ein ehrgeiziges Ziel", sagte er.

Charité-Chef Professor Karl Max Einhäupl würdigte das finanzielle Engagement des BMBF in der Gesundheitsforschung. Noch nie habe es so viel Förderung für Gesundheitsforschung gegeben.

Ärzte in die Arzneientwicklung

Kompetenznetze und Zentren wie das CSB betrachtet er als richtigen Weg. Einen Mangel sieht Einhäupl aber bei der Versorgungsforschung. "Deutschland ist auf der Landkarte der Versorgungsforschung ein weißer Fleck", sagte er.

Im Rahmen eines dreiteiligen Konzeptes der "Systemmedizin" plädiert der Charité-Chef unter anderem dafür, dass alle relevanten Versorgungssysteme integriert werden.

Daran müsse auch die Industrie beteiligt werden. Der Neurologe forderte seine Kollegen auf, sich stärker in der Arzneimittelentwicklung zu engagieren.

Einhäupl wies zudem darauf hin, dass die Zahl der Schlaganfalltoten von rund 90.000 im Jahr 1998 auf etwa 63.000 im Jahr 2008 zurückgegangen ist, obwohl das Durchschnittsalter der Bevölkerung steigt.

Diese Erfolge sind nach Auffassung des Charité-Chefs nicht nur auf Forschungsfortschritte durch Bundesförderung zurückzuführen. Auch das Land habe dazu beigetragen.

Der Berliner Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) betrachtet vor allem die Vernetzung der Akteure in der Berliner Schlaganfallallianz als bedeutenden Fortschritt in der Versorgung. 80 Prozent der Schlaganfallpatienten in Berlin wurden nach seinen Angaben zuletzt in den Einrichtungen der Allianz betreut.

Czaja sieht hier noch Steigerungspotenzial. Berlin wolle diesen Qualitätsanspruch in der Schlaganfallversorgung auch durch die Ausweisung von Subdisziplinen in der Krankenhausplanung deutlich machen.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[14.05.2012, 12:19:14]
Dr. Walther J. Kirschner 
Mehr Forschungsbedarf im Klinischen Alltag
Das Beispiel zur Schlaganfallprophylaxe/-therapie zeigt ein gelungenes Modell Praxis orientierter Forschung mit vernetzten Strukturen und direktem Patientennutzen.

Allerdings: nach wie vor sind in Deutschland perspektivische Forschungsansätze auf breiterer Basis (nicht nur an Universitäten)mit vernetzten Strukturen eher rar - erst recht, wenn es um nachhaltige systematische Fragestellungen geht, um relevante Behandlungs-/Versorgungssysteme zu impementieren (also nicht nur isolierte medizinische Phänomene). Dabei sind zukünftig zunehmend intersektorale Grenzen zu überwinden (Medizin-Verwaltung-Politik-Arbeits-Soziales-Schulen, Prävention etc.). - In diesem Zusammenhang wies Prof. K. M. Einhäupl (Charité) darauf hin, daß Deutschland auf der Landkarte der Versorgungsforschung ein weißer Fleck sei. Eben dies gilt es dringend zu verändern und anzupassen.

Schließlich stehen wir vor Paradigmenwechseln - die erkennbare neue demographische Entwicklung bringt auch für Medizin und Gesundheitspolitik neue Herausforderungen mit sich.Diese sind gewaltig, allein schon für die Versorgungsforschung (incl. Mehrbedarf an Outcome-Research). Dabei muß die Forschung neu orientiert werden: breitere Basis in Prxis und Klinik, vernetzte Strukturen, Kompetenznetze auch dezentral und multizentrisch (nicht nur monozentriert wie bisher, erweiterte Kompetenzgruppen interdisziplinär, verbesserte Informations-/Kommunikationsaustauschsysteme .... u.W.).

Deutlich wird, daß Forschung und Expertise nicht mehr nach konventionellem Muster auf wenige traditionelle Institute beschränkt werden können.

Dr. W. Kirschner  zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

736 Notfallzentren reichen zur Notfallversorgung

Wie viele Notfallenzentren sind nötig und wo sollten sie betrieben werden, um die Bevölkerung gut zu versorgen? Ein Gutachten im Auftrag der KBV hat das jetzt analysiert. mehr »

Keuchhusten - längst keine Kinderkrankheit mehr

An Pertussis erkranken in Deutschland vor allem Erwachsene. Sie stellen eine Gefahr für Säuglinge dar. Wir zeigen, wie viele Erkrankte es seit 2001 gab und wie alt sie waren. mehr »

So lässt sich Glutensensitivität erkennen

Immer mehr Menschen vermuten, dass sie Gluten nicht vertragen. Ein Experte gibt Tipps, wie sich in der Praxis klären lässt, ob tatsächlich eine Glutensensitivität vorliegt. mehr »