Ärzte Zeitung, 24.10.2016
 

Skeptische Ärzte

Ist Behandlungsqualität überhaupt messbar?

Kann man Behandlungsqualität objektiv messen? Die Meinung zwischen niedergelassenen und Klinik-Ärzten gehen auseinander.

Von Ilse Schlingensiepen

BERLIN. Ärzte in Klinik und Praxis haben eine hohe Meinung von der Qualität der stationären Versorgung in Deutschland. 18 Prozent bewerten die Situation als sehr gut, 66 Prozent als gut. Damit haben etwas mehr eine positive Einschätzung als vor vier Jahren. Das geht aus dem Gesundheitsreport des Finanzdienstleisters MLP hervor. Für ihn hatte das Institut für Demoskopie 308 niedergelassene Ärzte und 204 Klinikärzte interviewt. Hinzu kam eine Bevölkerungsbefragung, an der 1920 Personen ab 16 Jahren teilnahmen. Die Umfrage ist repräsentativ.

Bei der Bewertung der Klinikqualität zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Sektoren. 74 Prozent der niedergelassenen Ärzte bewerten die Versorgungsqualität in den Häusern als sehr gut oder gut. Bei den Krankenhausärzten ist dies bei 91 Prozent der Fall. Allerdings stimmen 77 Prozent aller Ärzte der Aussage zu, dass in den Kliniken die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einen höheren Stellenwert bekommt als die medizinische. Bei den niedergelassenen Ärzten sind es 83 Prozent, bei den stationär Tätigen 72 Prozent.

Wenn es um die Möglichkeiten geht, die Qualität einer Klinik objektiv zu messen, sind die niedergelassenen Ärzte skeptischer. 49 Prozent halten eine Qualitätsmessung nicht für möglich, 46 Prozent für möglich. "Bei den Krankenhausärzten ist die Mehrheit der Überzeugung, dass man Qualität messen und die Kliniken vergleichen kann", berichtete Allensbach-Geschäftsführerin Professor Renate Köcher bei der Vorstellung des Gesundheitsreports in Berlin. 60 Prozent der Klinikärzte halten die objektive Qualitätsmessung für möglich.

Die Ärzte, die eine objektive Qualitätsmessung für machbar halten, sehen dabei den Behandlungs- und Therapieerfolg als wichtigstes Kriterium, gefolgt von der Patientenzufriedenheit und den Hygienestandards beziehungsweise der Infektionshäufigkeit.

Die Erwartungen der Krankenhausärzte an die Qualitätsmessung hängen stark von der Größe des Krankenhauses ab, in dem sie tätig sind. Die Ärzte aus Häusern der Grund- und Regelversorgung gehen zu 40 Prozent davon aus, dass ihre Klinik eine überdurchschnittliche Bewertung und damit auch eine überdurchschnittliche Honorierung erhalten würde. In Kliniken der Schwerpunkt- und Maximalversorgung sind es dagegen 67 Prozent. "Je größer das Krankenhaus desto entspannter wird das gesehen", sagte Köcher.

Die Bevölkerung sieht die Versorgung in den Kliniken eher positiv, aber die Bewertung fällt deutlich schlechter aus als bei den Ärzten. 41 Prozent haben einen guten Eindruck, 39 Prozent einen ambivalenten. 14 Prozent haben keinen guten Eindruck, sechs Prozent wollen kein Urteil fällen. Zum Vergleich: 1995 hatten 50 Prozent der Bevölkerung einen guten Eindruck, nur sieben Prozent äußerten sich negativ.

Bei den Qualitätskriterien, die für die Bevölkerung im Krankenhaus wichtig sind, stehen hohe hygienische Standards mit 94 Prozent Nennungen an der Spitze, gefolgt von Ärzten, die medizinisch auf dem neuesten Stand sind (92 Prozent) und der umfassenden Aufklärung vor Operationen (89 Prozent). Auch die Erwartung, dass die Ärzte und das Pflegepersonal genügend Zeit für die Patienten haben, spielt mit 87 Prozent und 81 Prozent eine große Rolle. 50 Prozent finden, dass ein Krankenhaus unbedingt gut mit niedergelassenen Haus- und Fachärzten zusammenarbeiten soll, für 42 Prozent ist die Unterbringung im Einzel- oder Zweibettzimmer ein entscheidendes Kriterium.

Von den Krankenhausärzten gaben 50 Prozent an, dass in ihrem Haus Ärztemangel herrscht, 18 Prozent rechnen in den nächsten Jahren damit. Eine Folge davon ist, dass die Ärzte mehr Patienten versorgen müssen. Das ist bei 46 Prozent der Fall.

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