Ärzte Zeitung, 01.06.2017
 

Keine Studienkultur in Deutschland?

IQWiG-Chef regt Fonds an zur Förderung klinischer Studien

Professor Jürgen Windeler bemängelt die fehlende Studienkultur in Deutschland. Wer versorgungsrelevante Studien auflege, erhalte zu wenig Unterstützung – ein Studienfonds könne helfen.

Von Ilse Schlingensiepen

IQWiG-Chef regt Fonds an zur Förderung klinischer Studien

IQWiG-Chef Jürgen Windeler fordert Fonds zur Stärkung versorgungsrelevanter Studien.

© Robert Schlesinger dpa/lbn

KÖLN. In Deutschland fehlt es an einer verlässlichen Infrastruktur für klinische Studien, beklagt der Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) Professor Jürgen Windeler. Das ist seiner Einschätzung nach der wesentliche Grund dafür, dass es hierzulande nur wenige versorgungsrelevante klinische Studien gibt und kaum deutsche Wissenschaftler an internationalen Studien beteiligt sind. Für Abhilfe könnte nach Ansicht Windelers die Einrichtung eines Studienfonds sorgen.

"In Deutschland fehlt auf allen verantwortlichen Ebenen das Signal, dass Interesse an Studien besteht", sagt der IQWiG-Leiter der "Ärzte Zeitung". Die einzige Ausnahme seien Studien zu Arzneimitteln. "Es funktioniert nur dort, wo durch die Zulassung großer Druck besteht." In der Medizintechnik seien neue Verfahren in der Regel in den Kliniken verfügbar, deshalb habe die Industrie kein Interesse an Studien.

In vielen europäischen Ländern haben Studien einen größeren Stellenwert, sagt Windeler. In den Niederlanden gebe es großes Interesse an praktischen Versorgungsfragen, die Rahmenbedingungen für Studien sind dort gut. In Dänemark sieht der Staat die medizinische und gesundheitspolitische Forschung als nationale Aufgabe. Dort gibt es etwa eine Versicherung für die Teilnehmer an Studien.

In Deutschland müsse sich dagegen jeder, der eine Studie initiieren möchte, selbst um den Versicherungsschutz kümmern, sagt Windeler. Dasselbe gelte für andere Faktoren. "Wer in Deutschland ein Thema spannend findet, bekommt keine strukturelle Unterstützung." Das schrecke viele Forscher ab, sagt er. Daran ändere auch die an sich gute Initiative der Koordinierungszentren für klinische Studien nichts. Sie reichten nicht aus.

Windeler verweist auf ein weiteres Manko: Zwar gebe es Institutionen, die Studien fördern. Was am Ende bei ihnen herauskommt, scheine aber niemanden so richtig zu interessieren. "Das Bundesgesundheitsministerium könnte deutlicher machen, dass es Entscheidungen an geprüftem Wissen ausgerichtet haben möchte", betont Windeler. Allerdings sei manchmal das genaue Gegenteil der Fall: Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) möchte aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse eine Leistung von der Erstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen ausschließen, aber das Ministerium beanstandet die entsprechenden Beschlüsse.

Die Politik sei nicht gern der Überbringer schlechter Nachrichten. Hier wirkt sich nach seiner Ansicht negativ aus, dass die Beschlüsse des GBA vor allem auf Leistungen zielen, die bereits im System sind und gegebenenfalls gestrichen oder eingeschränkt werden. Das National Institute for Health and Care Excellence in Großbritannien könne dagegen bei vielen Entscheidungen den Bürgern signalisieren: Es gibt eine neue Leistung.

Um in Deutschland ein studienfreundlicheres Klima zu erreichen, hält Windeler die Schaffung eines Studienfonds für sinnvoll. "Er sollte am besten aus mehreren Quellen finanziert werden." Der Innovationsfonds könnte dabei ein Vorbild sein. "Er hat gezeigt, dass man binnen kürzester Zeit mit den passenden Ideen schnell viel Geld mobilisieren kann."

Grundvoraussetzung sei aber, dass wirklich Interesse an der Beantwortung von versorgungsrelevanten medizinischen Fragestellungen besteht. Hier sieht der IQWiG-Chef insbesondere die Krankenkassen und die medizinischen Fachgesellschaften in der Pflicht. "Sie müssten eigentlich das Wissen-Wollen vorantreiben."

Die Versorgungsforschung trägt nicht viel dazu bei, die Situation zu verbessern, findet Windeler. "Hier sehe ich bisher keine Durchbrüche." Zwar sei dieser Forschungszweig mit sehr hohen Ansprüchen angetreten. "Aber selbst die bedeutsame Frage, was genau in der Versorgung passiert, ist bislang nur unzureichend beantwortet worden."

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