Ärzte Zeitung online, 16.03.2018

Ärzte in Sorge

Arzt-Informationssystem nicht missbrauchen!

Der GBA-Vorsitzende Josef Hecken warnt davor, mittels des geplanten Arztinformationssystems bestimmte Entscheidungen erzwingen zu wollen.

KÖLN. Beim geplanten Arztinformationssystem teilt der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA), Professor Josef Hecken, die Einschätzung vieler niedergelassener Ärzte. Das Instrument dürfe nicht dazu genutzt werden, die Ärzte bei den Verordnungen zu bestimmten Entscheidungen zu drängen, betonte er.

Das Arztinformationssystem sei wichtig, um die Ärzte über die Ergebnisse der frühen Nutzenbewertung zu informieren. Entscheidend sei dabei die Frage, ob es die Ärzte bei Therapieentscheidungen unterstützen, oder zu einer bestimmten Entscheidung zwingen soll. Für Hecken ist die Beantwortung klar: "Ich halte es für unethisch, bei der Komplexität der Optionen bindende Vorgaben für die Vertragsärzte zu machen."

Ein "banales Ampelsystem mit der faktischen Wirkung eines Verordnungsausschlusses" könne nicht Sinn und Zweck des Arztinformationssystems sein. "Es muss eine patientenorientierte Entscheidung sein."

Arzneimittel-Richtlinie künftig auch für Kliniken?

Der GBA-Chef plädierte dafür, dass die Arzneimittel-Richtlinie künftig auch für Krankenhäuser gilt. Es könne nicht sein, dass Patienten in der Klinik auf Arzneimittel und Wirkstoffklassen eingestellt werden, die in der anschließenden ambulanten Versorgung nicht zur Verfügung stehen.

Deshalb müssten schon im Krankenhaus die entsprechenden Darreichungsformen verordnet werden. An dieser Baustelle würden sonst künftig zunehmend Probleme entstehen, warnte er.

Die vielen Bruchstellen an der Grenze zwischen den Sektoren – bedingt durch die unterschiedlichen Vergütungssysteme – sind für Hecken ein Dauer-Ärgernis. Hier habe sich in den vergangenen 30 Jahren kaum etwas getan. Dabei seien angesichts der immer älter werdenden Bevölkerung und der komplexer werdenden Versorgung dringend Modelle gefragt, die nicht zwischen ambulanter und stationärer Versorgung trennen. "Die Diskussion über das Entlassmanagement im GBA hat mir gezeigt, wie weit wir davon noch entfernt sind."

Ein halbes Jahr habe man in dem Gremium darüber gestritten, ob das Krankenhaus älteren Patienten bei der Entlassung sieben Windeln verordnen dürfe oder eine Monatspackung. "Die Beispiele kann man beliebig fortsetzen."

Wenig Verständnis hat Hecken auch dafür, dass sich die Länder bei der Krankenhausplanung überhaupt nicht an den ambulanten Angeboten orientieren. "Die Sektoren arbeiten erst dann zusammen, wenn das System fast vor dem Zusammenbruch steht", kritisierte er.

Angesichts der Personalmisere im Gesundheitswesen führt für den GBA-Vorsitzenden am Thema Delegation und Substitution kein Weg vorbei. In ländlichen Regionen mit vielen multimorbiden Patienten ließen sich Hausbesuche nur noch mit medizinischem Assistenzpersonal bewältigen, betonte er.

Zudem seien Delegation und Substitution eine Möglichkeit, die Pflegeberufe attraktiver zu machen. "Die Motivation erhält man nicht über mehr Geld, sondern über allein verantwortliche Tätigkeiten."(iss)

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