Ärzte Zeitung online, 27.06.2018

Deutscher Ethikrat

Steinmeier will Debatte zur Digitalisierung

Der Bundespräsident sieht große Chancen, aber auch Risiken. Die Wissenschaft dürfe nicht sorglos mit neuen Techniken umgehen.

BERLIN. Eine "breite Debatte zur Ethik der Digitalisierung" hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einem Empfang des Nationalen Ethikrats anlässlich dessen zehnjährigen Bestehens in Schloss Bellevue gefordert. Dabei müsse es nicht in erster Linie um die Zukunft von Technologien, sondern um die der menschlichen Gesellschaft und die Bewahrung der individuellen Mündigkeit gehen.

Die Rolle des Ethikrats

Ethische Fragen spielten in der Politikberatung eine zunehmende Bedeutung. Inzwischen gebe es, so Steinmeier, in rund 100 Staaten nationale Ethikgremien. Ethische Herausforderungen seien derzeit durch Zukunftsthemen aufgrund neuer wissenschaftlicher Entwicklungen geprägt, die zu neuen Streit- und Grenzfragen führten: Eingriffe in das menschliche Genom, Interventionen im Gehirn sowie Chancen und Risiken der Künstlichen Intelligenz. Steinmeier: "Wie gehen wir mit einer Artificial General Intelligence um – einer vollendeten künstlichen Intelligenz, die unsere eigene vollends übertreffen würde? Was sind die Folgen eines Eingriffs in die menschliche Keimbahn – eine Utopie zur Heilung seltener Krankheiten oder eine Dystopie der grenzenlosen Optimierung des Menschen?"

Auch er sei nach einem Besuch des Silicon Valley vor einer Woche von den "grandiosen Möglichkeiten" neuer Technologien begeistert gewesen – mit Nachdenklichkeit beobachtet der Bundespräsident aber auch eine beinahe sorglose Faszination der Wissenschaftler und Techniker in Kalifornien.

Die deutsche Gesellschaft sei nicht innovationsfeindlich, aber die Bereitschaft zur Innovation werde nur erhalten bleiben, wenn auch Antworten auf offene Fragen und Unsicherheiten gegeben würden.

Entsteht der "Homo Deus"?

Die Prognose des israelischen Historikers Yuval Harari ("Homo Deus"), wonach das 21. Jahrhundert dadurch bestimmt sein werde, eine Künstliche Intelligenz zu entwickeln, die die Präferenzen der Menschen besser kenne als sie selbst, würde zu einem Ende der demokratischen Gesellschaft führen. Steinmeier teilt Hararis fatalistischen Determinismus zwar nicht, warnt dennoch: "Neue Technologie kann beides: befähigen und entmündigen." Deshalb sei eine breite Debatte zur Ethik der Digitalisierung notwendig.

Die zweitägige Jubiläumskonferenz des Ethikrates wurde am Mittwoch mit einem Beitrag des Historikers Harari eröffnet. Die Themen des Symposions sind Eingriffe in das Gehirn, in das Genom und Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz sowie deren mögliche Auswirkungen auf die Menschenwürde. (HL)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

"Telemedizin ist für uns Landärzte die Zukunft"

Geringes Honorar, hoher Aufwand und auf bestimmte Diagnosen begrenzt – trotzdem setzen einige Ärzte auf die Videosprechstunde. Und das aus vielerlei Gründen. mehr »

Kein Darmkrebs-Screening ab 45 Jahren

Der GBA lehnt die Senkung der Altersgrenzen beim Darmkrebs-Screening ab. Dagegen soll das organisierte Einladungsverfahren zur Früherkennung ab Juli 2019 starten. mehr »

Was 100-Jährige von anderen unterscheidet

100-Jährige sind oft weniger krank als die Jüngeren. Worauf es ankommt, haben Forscher anhand von Daten von AOK-Versicherten herausgefunden. mehr »