Ärzte Zeitung, 10.02.2016
 

Polypharmazie

Brandenburg als Vorbild?

Noch vor der Einführung des Medikationsplans im Herbst ist in Brandenburg ein eigenes Projekt zur Polypharmazie gestartet. Im Landkreis Oberspreewald-Lausitz arbeiten Ärzte, Apotheker und Agnes-Zwei-Fachkräfte zusammen, um die Arzneimitteltherapie der Patienten sicherer zu machen.

POTSDAM. Die Risiken der Polymedikation vor allem bei älteren Menschen sind derzeit das große Thema, dem sich in Zukunft auch der Innovationsfonds verstärkt annehmen will, wie Professor Josef Hecken, Chef des Gemeinsamen Bundesausschusses, ankündigt hat. Unerwünschte Nebenwirkungen von Arzneimitteln sollen für 26.000 Todesfälle und 13 Millionen Krankenhauseinweisungen im Jahr ursächlich sein.

Auch in Brandenburg ist man sich des Problems bewusst. KV, AOK Nordost und Barmer GEK haben daher über die Arbeitsgemeinschaft "Innovative Gesundheitsversorgung in Brandenburg" (IGiB) gemeinsam mit dem Apothekerverband das Pilotprojekt Polypharmazie ins Leben gerufen, das zunächst im Landkreis Oberspreewald-Lausitz bei Versicherten der beiden Kassen, die von Ärzten ausgewählt werden, getestet wird.

Voraussetzung ist, dass die Patienten dauerhaft mindestens fünf verschiedene Medikamente einnehmen und durch eine Agnes-Zwei-Fallmanagerin betreut werden. Diese erfasst alle Arzneimittel, die der jeweilige Versicherte zu sich nimmt, auch nicht verschreibungspflichtige Medikamente werden notiert. Die Liste übergibt die medizinische Fachangestellte dann an einen teilnehmenden Apotheker, der die gelisteten Medikamente auf mögliche Wechselwirkungen und Nebenwirkungen prüfen soll.

Und zwar auch darauf, ob sich die Medikamente in ihrer Wirkungsweise gegenseitig aufheben. Weiter heißt es: "Der Arzt wird im Fachgespräch mit dem Apotheker auf mögliche Wechselwirkungen und Risiken hingewiesen. Im Ergebnis entscheidet der Arzt, eventuell nach Rücksprache mit seinen Fachkollegen, über die weitere Medikation und bespricht diese mit dem Patienten."

Das Polypharmazie-Projekt sei vor der Entstehung des E-Health-Gesetzes geplant und konzipiert worden und stehe nicht im Zusammenhang mit dem Medikationsplan, der laut Gesetz ab Oktober eingeführt werden soll, betont die IGiB. Durch die Einbindung von Apothekern und Agnes-Zwei-Fachkräften gehe das Vorhaben über die durch das E-Health-Gesetz formulierten Ziele hinaus.

Der entscheidende Unterschied liege in der Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure. Zudem würden nicht nur die Medikamente erfasst, sondern auch die Einnahmegewohnheiten und andere Umstände, die für die Compliance wichtig seien.

Bei einem Erfolg soll das Projekt Polypharmazie über den Landkreis hinaus auf weitere Teile Brandenburgs ausgeweitet werden. Und natürlich, heißt es, wäre es wünschenswert, wenn das Projekt "die E-Health-Gesetzgebung in deren Weiterentwicklung beeinflussen könnte". (juk)

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