Ärzte Zeitung, 25.08.2014

Brandenburg

Ein Potpourri gegen Versorgungslücken

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Konkrete Versorgungsaufträge statt abstrakter Bedarfsplanung: Die KV Brandenburg geht neue Wege in der Sicherstellung der ärztlichen Versorgung auf dem Land.

Von Angela Mißlbeck

BERLIN/POTSDAM. Die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg (KVBB) will die ambulante Versorgung in der Fläche mit konkreten Versorgungsaufträgen gestalten. Dazu hat sie das Konzept einer Versorgungsauftragsbasierten Arztsitzvergabe (VAV) entwickelt. Ende 2014 soll es in einer Pilotregion starten.

Das Konzept will zwei Fragen beantworten: "Welchen Versorgungsbedarf haben die Menschen in einer Region vorzuweisen und was müssen die Ärzte dort tun?", sagte KVBB-Chef Dr. Hans-Joachim Helming bei der Vorstellung des neuen Konzepts.

Die statistischen Messgrößen der bestehenden Bedarfsplanung will die KVBB durch eine regionale Bedarfsermittlung ersetzen. "Ich beschreibe hier einen Arztsitz qualitativ, inhaltlich, räumlich und zeitlich", so Helming. Im jetzigen System sei der Versorgungsauftrag dagegen hinreichend unspezifisch.

Für das VAV-Konzept ermittelt die KVBB Demografie, Morbidität und Sozialstruktur der Bevölkerung in einer Region und setzt sie in Bezug zu bestehenden Behandlungsstandards. Betrachtet wird auch das vorhandene Angebot an ärztlichen, nichtärztlichen und medizintechnischen Leistungen in der Region.

Auf dieser Basis beschreibt die KVBB den Versorgungsbedarf mit einem sogenannten Warenkorb. Er legt die personellen, fachlichen, organisatorischen und apparativen Parameter fest. Gleichzeitig soll er ausgepreist werden, so dass die Ärzte, die sich bewerben, finanzielle Planungssicherheit gewinnen.

Auch die Bevölkerungsentwicklung wird im Warenkorb berücksichtigt. Ist sie stark rückläufig, kann der Versorgungsauftrag befristet werden. Als hypothetisches Beispiel dafür nannte die KVBB die Versorgung von derzeit 200 Kindern in einer berlinfernen Region, nachdem ein Kinderarzt dort in Rente gegangen ist.

Ein weiteres Beispiel: Ein gynäkologischer Sitz in einer solchen Region wird spezifisch für das Leistungsspektrum postmenopausale und onkologische Versorgung ausgeschrieben. Vorstellbar ist auch, dass die Ärzte, die diese konkreten Versorgungsaufträge übernehmen, die nötigen Geräte nicht selbst vorhalten, sondern im Rahmen einer Kooperation bereitstellen.

Pilotprojekt vor dem Start

Die KVBB bereitet nun die Umsetzung mit einem Pilotprojekt vor. Im Gespräch ist die geriatrische Versorgung im Mittelkreis Templin. Ein Anfang ist dort bereits gemacht.

Vor der Eröffnung ihres geriatrischen KV Regiomed Zentrums hat die KVBB die geriatrische Versorgung in der Region auf der Basis von Daten des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung (ZI) und des Rostocker Marktforschungsinstituts UCEF untersucht.

"Wir versprechen uns davon tatsächlich eine völlig andere Strukturierung der Versorgung", sagte KVBB-Chef Helming. Dennoch betrachtet er das VAV-Konzept nicht als "Stein der Weisen", sondern als eine Art "leitende Bauplanung". Vorgespräche zum Pilotprojekt hat die KVBB bereits auf Bundesebene, aber auch mit den regionalen Krankenkassen geführt.

Die Brandenburger Kassen sind derzeit noch in der Abstimmung. "Wir werden das als Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassen gemeinsam bewerten", sagte die Chefin der Landesvertretung Berlin/Brandenburg der Techniker Krankenkasse, Susanne Hertzer, der "Ärzte Zeitung".

Sie zeigte sich überzeugt, dass Versorgungsprobleme auf dem Land strukturell bedingt und "nicht übers Geld" zu lösen sind. Auch die Kommunen seien hier in der Verantwortung.

Die KVBB erwartet von dem Konzept dagegen mindestens eine Verhandlungsgrundlage dafür, dass die Kassen Versorgungsstrukturen finanzieren, die der VAV-Arzt nutzen soll - wie etwa das Regiomed Zentrum. Helming betonte, dass das Konzept auch für die Kassen Vorteile habe.

"Sie wissen, was der Warenkorb kostet und was sie kriegen, und das sehr viel konkreter als heute", sagte er. Auch für Ärzte sei diese Planbarkeit von Interesse, ist der KVBB-Chef überzeugt.

Das VAV-Konzept der KVBB versteht sich vorerst als ergänzendes Instrument zur bestehenden Bedarfsplanung. Wenn das Pilotprojekt erfolgreich ist, sollen weitere Projekte folgen. Dazu strebt die KVBB eine Gesetzesänderung an, die es KVen generell ermöglicht, abweichend von den Bedarfsplänen Arztsitze mit regionalen Versorgungsaufträgen auszuschreiben. Zudem müsste der Bundesmantelvertrag-Ärzte ergänzt werden.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Bedarfsplanung mit Haken

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