Ärzte Zeitung, 29.09.2016

Facharzt-Versorgung

KV Hessen warnt vor Lücken

Mit einer Projektion für das Jahr 2030 zeigt die KV Hessen nun: In vielen Landkreisen fehlt es bald nicht nur an Haus-, sondern auch an Fachärzten. Die Politik müsse dringend handeln.

Von Jana Kötter

FRANKFURT/MAIN. In den kommenden Jahren droht vielen hessischen Landkreisen nicht nur eine hausärztliche, sondern auch eine fachärztliche Unterversorgung. Daher sei dringend eine strukturierte Zusammenarbeit von KV Hessen, Kassen und Landes- sowie Kommunalpolitik nötig, um regionale Konzepte zu entwickeln. Gerade die Politik habe das Problem des drohenden Ärztemangels bisher "schlicht negiert", kritisiert Frank Dastych, Chef der KV Hessen.

Gemeinsam mit Vorstandsvize Dr. Günter Haas hat Dastych am neuen Standort der KVH im Frankfurter Europaviertel die Publikation "Fokus: Gesundheit" vorgestellt. Die Analyse der haus- und fachärztlichen Grundversorgung, die kreisbezogen Daten zum Ist-Stand mit einer Prognose auf Grundlage demografischer Daten bis 2030 verbindet, soll eine Basis für die Entwicklung neuer Strategien liefern.

2030: Elf von 14 Gynäkologen in Rente

Gerade bei Neurologen, Augenärzten, Gynäkologen und Urologen zeige der Blick in die Zukunft einen hohen Nachfolgebedarf, so Dastych. So scheiden im Landkreis Waldeck-Frankenberg bis 2030 altersbedingt elf von heute 14 Frauenärzten aus, im Kreis Bergstraße sind es 16 der 26 Gynäkologen. Von aktuell fünf Neurologen in Waldeck-Frankenberg verbleiben 2030 noch zwei, an der Bergstraße vier von neun. Die Zahlen gehen davon aus, dass die Praxis mit 65 Jahren abgegeben wird. "Und das ist kaum Realität", gab Dastych zu bedenken.

Die ersten zwei publizierten Landkreis-Ausgaben – Frankenberg-Waldeck und Bergstraße – sind nicht nur die Heimatkreise von Dastych und Haas, sondern laut den KVH-Chefs auch die Regionen, die "besondere Sorgen" bereiten. Ebenso wie im Werra-Meißner-Kreis sei hier zu beobachten, dass einzelne Regionen im sehr heterogenen Hessen besonders bedroht sind, "abgehängt" zu werden.

Bis Mitte November sollen die Statistiken für alle 26 hessischen Landkreise erscheinen. "In den Metropolregionen gestaltet sich die Lage noch deutlich besser", gibt Dastych eine Vorschau auf das Gesamtbild.

Nachfolgebedarf macht Sorgen

Tatsächlich scheint der Ist-Zustand auch in der Peripherie zunächst nicht dramatisch: Statistisch sind viele Mittelbereiche noch überversorgt. Im Kreis Bergstraße etwa liegt der Versorgungsgrad bei den Augenärzten bei 137 Prozent, bei Frauenärzten bei 128 und bei Urologen bei 118 Prozent.

"Der Nachfolgebedarf trügt jedoch den Schein", betonte Dastych mit Verweis auf das hohe Alter der Ärzteschaft. Daher sei bisher noch keine Praxis aufgekauft worden. So liegt das Durchschnittsalter der Mediziner im Kreis Bergstraße, wo in der hausärztlichen Versorgung laut Haas bereits heute erhebliche Defizite zu beobachten sind, bei 54 Jahren. Schon heute sind in allen Planungsbereichen des Kreises Hausarztsitze nicht besetzt.

Gleichzeitig seien Initiativen zur Nachwuchsförderung bisher oft gescheitert. Zwar verfolge die KVH seit 2013 gezielt die Kampagne "Sei Arzt. In Praxis. Leb Hessen!", betonte VV-Vorsitzender Dr. Eckhard Starke. Zuletzt wurde mit der "Summerschool" ein neues Angebot gestartet (die "Ärzte Zeitung berichtet).

Bisherige Bemühungen, an die Landespolitik heranzutreten, seien jedoch erfolglos gewesen. So habe die KVH Kontakt zu Schulen aufnehmen wollen, um Medizinstudenten zu identifizieren, die aus ländlichen Gebieten stammen und daher als potenzielle Landärzte in Frage kommen könnten. Doch in Wiesbaden sei man damit abgeblitzt, so Dastych.

Haas appellierte vor allem an die Kommunen, eine Niederlassung in der Peripherie attraktiver zu machen: Sie müssten – etwa in Form von Kinderbetreuung oder öffentlichen Verkehrsmitteln – die entsprechende Infrastruktur schaffen. Mittelfristig, so Haas, müsse auch darüber gesprochen werden, die Zahl der Studienplätze zu erhöhen.

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