Ärzte Zeitung, 09.07.2008

Hausarzt oder Kinderarzt - Wer darf welche Patienten behandeln?

Ein Pädiater bei einer U7- Kinderuntersuchung.

Foto: dpa

Grundsätzlich dürfen in Deutschland alle hausärztlich tätigen Ärzte Kinder und Jugendliche behandeln. Für Kinder- und Jugendärzte, die als Fachärzte in der hausärztlichen Versorgung eine fünfjährige Weiterbildungszeit absolvieren müssen, gilt dies aber in der Regel nur bis zum 18. Lebensjahr.

In Ausnahmefällen dürfen Pädiater junge Erwachsene auch über das 18. Lebensjahr dann behandeln, wenn sie bei Allgemeinärzten, Internisten oder Fachärzten keine Versorgungsangebote vorfinden. Dies gilt auch für pädiatrische Spezialdisziplinen wie etwa die Kinderkardiologie.

Allgemeinärzte dürfen in Deutschland in der Regel Kinder- und Jugendliche auch dann behandeln, wenn sie keine spezielle Weiterbildungs- oder Fortbildungsangebote nachweisen können. Dies liegt daran, dass das Fach Kinder- und Jugendmedizin in nahezu allen Bundesländern nicht zu den obligaten Bestandteilen einer allgemeinmedizinischen Weiterbildung gehört.

In anderen Ländern, wie etwa in den Niederlanden, den skandinavischen Ländern, den baltischen Staaten oder auch in Großbritannien, in denen der Hausarzt die Basisversorgung übernimmt, ist dies anders geregelt. Dort müssen Hausärzte während ihrer Weiterbildungszeit spezielle Kenntnisse in der Kinder- und Jugendmedizin nachweisen und durch Fortbildung auch regelmäßig auffrischen.

Ähnliche Regelungen reklamiert der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) nun auch für Deutschland. Der Hausärzteverband hat beim "Ärzte Zeitung"- Streitgespräch in Neu-Isenburg dahingehend zumindest Gesprächsbereitschaft signalisiert und dabei auch die Unterstützung des BVKJ eingefordert. (ras)

Lesen Sie dazu auch:
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[14.07.2008, 19:21:05]
Dr. Carsten Scholz 
Kommentar zu den Alleinvertretungsansprüchen des BVKJ aus Sicht der pädiatrisch tätigen Haus- und Familienärzte (Brief an BVKJ Präsidenten Dr. Hartmann)
Sehr geehrter Herr Kollege Hartmann, lieber Herr Kollege Weigeldt, liebe Kolleginnen und Kollegen,

im Folgenden sende ich Ihnen meinen Kommentar zu den Alleinvertretungsansprüchen des BVKJ Präsidenten Dr. W. Hartmann im Streitgespräch mit dem Bundesvorsitzenden Dr. U. Weigeldt (nachzulesen unter www.aerztezeitung.de) zu:

Der Grund, warum viele Allgemeinärzte - wie BVKJ Chef Dr. W. Hartmann moniert - keine explizite pädiatrische Weiterbildungszeit vorweisen können, liegt darin, dass die in der allgemeinmedizinischen Weiterbildungsordnung geforderten pädiatrischen Inhalte wie z.B. Kindervorsorgeuntersuchungen von den Weiterbildungsassistenten häufig während des ambulanten Weiterbildungsabschnittes in allgemeinärztlichen und familienmedizinischen Praxen mit hohem Kinderanteil erworben werden, also nicht in der Kinderklinik.

Weiterbildungsassistenten, die später als Hausarzt Kinder- und Jugendvorsorgen durchführen möchten, suchen sich meist bewußt für die Weiterbildung allgemeinärztliche Praxen aus, die einen Schwerpunkt in der familienmedizinischen Versorgung haben und die überdurchschnittlich häufig Kinder und Jugendliche hausärztlich betreuen sowie regelmäßig Kinder- und Jugendvorsorgeuntersuchungen durchführen. Ein Grund hierfür ist u.a., dass wohl kaum ein Weiterbildungsassistent eine Weiterbildungsstelle in einer pädiatrischen Praxis bekommen wird, der offen zugibt, zukünftig als Allgemeinmediziner pädiatrisch-hausärztlich tätig sein zu wollen.

Dass sowohl die allgmeinmedizinische als auch pädiatrische Weiterbildungsordnung nachbesserungsbedürftig sind, steht außer Frage.

Die pädiatrische Weiterbildungsordnung bereitet durch die nahezu ausschließliche Weiterbildung im stationären Bereich z.B. hervorragend auf die spezifisch FACHÄRZTLICHE TÄTIGKEIT vor, jedoch weit weniger auf die hausärztliche und präventivmedizinische Tätigkeit durch den fehlenden obligaten ambulanten Weiterbildungsabschnitt und den fehlenden Weiterbildungsabschnitt in der Chirurgie.
Kindervorsorgeuntersuchungen lernt man aber nur in Ausnahmefällen in der Klinik, sondern weit eher im ambulanten Weiterbildungsabschnitt in der Praxis.

Die WBO ALLGEMEINMEDIZIN enthält entgegen den Behauptungen von BVKJ-Präsident Dr. W. Hartmann zahlreiche pädiatrische Inhalte: Kinder- und Jugendvorsorgeuntersuchungen, Impfberatung und Impfmaßnahmen, pädiatrische Prävention, Diagnostik, Differentialdiagnostik und Therapie von pädiatrischen Gesundheitsstörungen, Erkennung und koordinierte Behandlung von Verhaltensauffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter, Langzeit- und familienmedizinische Betreuung etc.

Verständlich ist auch, dass sich nicht jeder zukünftige Hausarzt gleich intensiv pädiatrisch weiterbildet. Hausärzte sind eine sehr inhomogene Arztgruppe. Hier zu differenzieren, ist von zentraler Bedeutung, um den Versorgungsschwerpunkt einzelner Untergruppen nachvollziehen zu können:

Kein Hausarzt, der vorwiegend geriatrische Patienten versorgt, käme plötzlich auf die Idee Kindervorsorgen anzubieten, genauso wie kein pädiatrisch tätiger Allgemeinmediziner ohne Fortbildung ein geriatrisches Assessement durchführen würde. Soviel Selbstverantwortungsbewußtsein sollte der BVKJ den Hausärzten zutrauen.

Klar widersprechen muss ich den pauschalisierten Vorwürfen des BVKJ Präsidenten W. Hartmann: "Allgemeinärzte bilden sich nicht ausreichend pädiatrisch fort". Dass Allgemeinärzte sich nicht gerade "wohlfühlen" auf zahlreichen BVKJ-organisierten Fortbildungsveranstaltungen und diese sogar teils gezielt meiden, wie mir nicht wenige pädiatrisch tätige Hausärzte aus eigener Erfahrung immer wieder berichten, ist aufgrund der anti-allgemeinärztlichen Haltung bestimmter Vertreter des BVKJ unschwer nachzuvollziehen. In Details möchte ich hier nicht gehen.

Da der BVKJ jedoch glücklicherweise seine interessenpolitisch gefärbten Expansionsbestrebungen und Alleinvertretungsansprüche nicht auch noch auf den Fortbildungsbereich ausdehen kann, bleiben für uns pädiatrisch fortbildungswillige Hausärzte ausreichend viele Kompensationsmöglichkeiten, z.B. die pädiatrischen Fortbildungsmodule des Instituts für Hausärztliche Fortbildung oder gemeinsam erarbeitete pädiatrische Fortbildungssequenzen des Forum Pädiatrie des Deutschen Hausärzteverbandes oder aber pädiatrische Fortbildungseinheiten in der Region, die von kollegialen und kooperativen kinderärztlichen Kolleginnnen und Kollegen angeboten und organisiert werden und nicht zuletzt gute Fortbildungen aus Fachzeitschriften wie z.B. der Monatsschrift Kinderheilkunde. Auch so kann man effizient seine pädiatrischen CME Punkte sammeln.

Auch widersprechen muss ich der pauschalen Unterstellung des BVKJ-Präsidenten, Hausärzte verordneten wesentlich mehr Antibiotika als Kinderärzte: gerade hier fallen mir viele Gegenbeispiele ein. Die hier von Kollegen Hartmann bemühte Statistik umfasst sicherlich die vielen durch Hausärzte im Notdienst, am Wochenende, bei Hausbesuchen und nachts zu Unzeiten behandelten Kinder, die natürgemäß bei Akuterkrankungen eher ein Antibiotikum notwendig haben, als die in der Premiumzeit in Kinderarztpraxen behandelten Patienten mit den häufig banalen Infekten.

Die nächste Unterstellung, dass bei Schuleingangsuntersuchungen bei durch Pädiater betreuten Kindern weniger nicht erkannte Auffälligkeiten festgestellt worden sind als bei durch Allgmeinmedizinärzte betreuten Kindern, liegt m.E. daran, dass die untersuchenden Kolleginnen und Kollegen häufig ebenfalls Kinder- und Jugendärzte und nicht selten BVKJ angehörig sind und wahrscheinlich dementsprechend kritisch durch Hausärzte versorgte Kinder „begutachten“. Gravierend oder praxisrelevant können die Unterschiede aber kaum sein.

Oder präsentieren Sie uns bitte, sehr geehrter Herr Kollege Hartmann, eine Studie, die zeigt oder beweist, dass durch Pädiater versorgte Kinder auch nur ein Deut gesünder sind als durch Hausärzte versorgte Kinder.

In die Versorgung von Neu-, Früh-, Risiko- und Mangelgeborener sowie in die spezifische Versorgung chronisch erkrankter Kinder oder jungen Patienten mit schweren Behinderungen oder aber in die Diagnostik und Therapie von seltenen und spezifisch pädiatrischen Erkrankungen wird sich kaum ein Hausarzt „einmischen“, da dies als pädiatrische Kernkompetenz gelten kann.

Die kompetente Durchführung von Kinder- und Jugendvorsorgen hingegen kann sowohl von Kinder und Jugendärzten als auch von Hausärzten, die dies in ihrer Praxis regelmäßig tun, geleistet werden. Eine obligatorische Weiterbildungszeit in der Pädiatrie würde zahlreiche kompetente Kolleginnen und Kollegen ungerechtfertigt und zum Leid hoch zufriedener Patienten und deren Eltern aus dem Boot werfen.

Gerade die neuen Kindervorsorgen U7a, U10, U11 und J2 sind für uns familienmedizinsch tätigen Hausärzte und deren Patienten von großer Relevanz, weshalb ein vom BVKJ gefordertes Exklusivrecht für Pädiater unter Ausschluß der Hausärzte für uns und unsere Patienten nicht akzeptabel ist.

Inhaltlich geht es bei den neuen Vorsorgen um überwiegend präventivmedizinische Themen wie z.B. Verhaltensstörungen, emotionale Störungen, Schulprobleme, Regulations- und Bindungsstörungen (der Allgemeinarzt ist hier durch seine Weiterbildung in Balintgruppen und der psychosomatischen Grundversorgung vorbereitet), Adipositas, Ernährung, Motorik und Bewegungsapparat (hier hat der Hausarzt aufgrund seiner unfallchirurgisch-orthopädischen WB ausreichend Kenntnisse), Medienkonsum und Allergien, Hör-, Seh- und Wahrnehmungsstörungen, also präventivmedizinische Themen, mit denen wir täglich regelmäßig konfrontiert sind. Sie erfordern also keineswegs eine spezifische Weiterbildung in der Pädiatrie.

Die vom BVKJ befürchtete Konkurrenz und Angst, es könnten Patienten von Kinderärzten zu Hausärzten abwandern, ist völlig unbegründet, da kein Hausarzt, der nicht schon vorher regelmäßig Kindervorsorgen durchgeführt hat (und hiervon gibt es gar nicht so viele),auf die Idee käme, ohne Kompetenz, Fortbildung und Erfahrung damit, diese plötzlich anzubieten.

Dass Kinder- und Jugendliche gemeinsam mit ihren Eltern in der hausärztlichen Praxis als Familien versorgt werden, erscheint für viele Eltern nicht nur durchaus sinnvoll, sondern ist der ausdrückliche Wunsch und Wille zahlreicher Familien. Die Eltern sind sich unserer Qualitäten in der Diagnostik und Therapie auf dem Boden eines breit angelegten allgemeinmedizinischen Wissens mit für hausärztliche Belange ausreichenden fundierten medizinischen Kenntnissen aus nahezu allen relevanten Fachgebieten (Dermatologie, Chirurgie, Orthopädie, Neurologie, Urologie, Pädiatrie etc.), welches wir uns während unserer ambulanten und stationären Weiterbildung erworben haben, sehr wohl bewusst.

Die Eltern kennen und schätzen unsere Stärken des frühzeitigen Erkennes von abwendbar gefährlichen Verläufen aber auch unsere psychosomatischen Kompetenzen, unser Verantwortungsbewusstsein, in speziellen Fällen indikationsgerecht rechtzeitig fachärztliche Kollegen mit einzubeziehen.

Die Familien sind sich selbstverständlich auch der hausärztlichen Grundqualität des sofortigen und unkomplizierten Zugangs, der Rund- um-die-Uhr-Versorgung durch uns ohne lange Wartezeiten und Anfahrtswege mit einem komplex ausgebildeten Notdienst und Rufbereitschaftssystem bewußt, was ebenfalls ein häufiger Grund für die Entscheidung zur medizinischen Betreuung durch den Hausarzt ausmacht.

Hausärzte haben Einfluß auf die Eltern und damit auf deren gesundheitspräventive Vorbildhaltung. Aufgrund unserer Möglichkeit, die erlebte Anamnese in Diagnostik, Therapie und Prävention zu nutzen, betreuen Allgemeinärzte die Kinder in ihrem sozialen Umfeld und kennen ihre Beziehungsgeflechte, häuslichen Gegebenheiten, die familiären Sorgen und Konflikte, die Ursprungs- und Patchworkpartner ihrer Eltern, häufig auch Lehrer und Erzieher und nehmen gesundheitspräventiven Einfluß auf sie.

Deshalb entscheiden sich nicht selten Eltern für unsere haus- und familienmedizinische Versorgung. Eine der elementaren Aufgaben des Hausarztes ist seit jeher seine familienmedizinische Funktion.

Neben der Primär- und Sekundärprävention ist bei den Kinder- und Jugendvorsorge-untersuchungen die Gewaltprävention von zentraler Bedeutung.

Gerade bei der Vorbeugung von Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung spielt der allgemeinmedizinische Hausarzt eine zentral herausragende Rolle, da der Hausarzt als Familienmediziner, der meist Kinder und Eltern gleichermaßen hausärztlich betreut, die Möglichkeit hat, nicht nur erst die Folgen der Gewalt symptomatisch zu behandeln, sondern schon im Vorfeld familiäre Risikofaktoren und intrafamiliäre Konflikte frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig gewaltpräventiv zu handeln und zu intervenieren.

Schließlich bleibe ich dabei: anstatt uns gegenseitig – und hier gehen die Impulse nahezu immer vom BVKJ aus - Kompetenzen abzusprechen, sollten wir - was vor Ort auch meist sehr gut funktioniert - zur kollegialen Zusammenarbeit zugunsten unserer Patienten zurückkehren und uns gegenseitig mehr vertrauen und zutrauen.

In diesem Sinne verbleibe ich
mit freundlichen kollegialen Grüßen

Ihr

C. Scholz
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