Ärzte Zeitung, 23.12.2008
 

"Mehr politischer als materieller Erfolg"

Im September 2005 hat der Marburger Bund die Tarifgemeinschaft mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi aufgekündigt. Besonnene Gemüter verfolgten diese Entwicklung zunächst mit Skepsis. Doch der größte Ärzteverband Europas und seine Mitglieder wurden für ihren Mut belohnt.

Von Christiane Badenberg

April 2006: Streikende Ärzte ziehen durch Dortmund. Vor allem durch geschlossenes Auftreten verschafften sich die Kliniker Respekt.

Foto: dpa

Knapp neun Monate nach dem Bruch mit Verdi konnte der Marburger Bund den ersten arztspezifischen Tarifvertrag in der Geschichte der Bundesrepublik abschließen. Möglich gemacht hat dies die außergewöhnliche Entschlossenheit der Klinikärzte. Vor allem viele junge Ärzte waren bereit, für ihre Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen und mehr Gehalt auf die Straße zu gehen. Konflikte mit den Arbeitgebern wurden dabei in Kauf genommen und ausgetragen, genauso wie Gehaltseinbußen. Eine Streikkasse gab es zum damaligen Zeitpunkt beim Marburger Bund noch nicht.

Dabei ist es dem Marburger Bund nicht annähernd gelungen, seine Gehaltsforderungen in Höhe von 30 Prozent durchzusetzen. Erhöht wurden die Gehälter für die Ärzte an kommunalen Krankenhäusern und Universitätskliniken letztlich zwischen drei und vier Prozent. Aber der Verband hat es ohne große Erfahrung bei Tarifverhandlungen und vor allem ohne jede Streikerfahrung in kurzer Zeit geschafft, uneingeschränkt als Tarifpartner anerkannt zu werden. Dabei hatten sich genau dagegen die Arbeitgeber lange gesträubt.

Erfolgreich war der Marburger Bund allerdings erst, nachdem nicht nur vereinzelt demonstriert und halbherzig die Arbeit niedergelegt wurde, sondern als endlich flächendeckend und unbefristet "gestreikt" wurde.

Jetzt, zwei Jahre später, nachdem die ersten Tarifverträge bereits wieder auslaufen, hat sich der Marburger Bund längst als Tarifpartner etabliert. Kein Klinikträger käme mehr auf die Idee, mit Verdi über die Belange der Ärzte zu verhandeln. Den Gewinn der Streiks bewertete der damalige MB-Chef Dr. Frank Ulrich Montgomery selbst als eher politisch. Die Ärzte hätten wieder mehr Selbstvertrauen gewonnen und es sei gelungen, das Lohndumping vor allem für junge Ärzte zu beenden. Müssten die Nachwuchskräfte zu den Bedingungen des TVöD arbeiten, den Verdi abgeschlossen hat, würden sie zehn bis 15 Prozent weniger verdienen.

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"Die Trennung von Verdi war für Ärzte sinnvoll"

Der lange Weg zu den Tarifverträgen

10. September 2005: Die Hauptversammlung des MB beschließt, die Tarifgemeinschaft mit Verdi aufzukündigen. Der MB fordert für die Mediziner an Uni- und kommunalen Kliniken einen separaten Ärztetarif und 30 Prozent höhere Gehälter. Den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD), den Verdi ausgehandelt hatte, lehnt der MB ab.

12. Oktober 2005: MB und die Tarifgemeinschaft der Länder (TdL) treffen zu ersten Gesprächen zusammen. Erste Streiks in Baden-Württemberg.

8. März 2006: Erstmals setzen sich MB und die Vereinigung kommunaler Arbeitgeberverbände (VKA) in Erfurt zu Tarifverhandlungen zusammen.

13. und 14. März 2006: Bei der Urabstimmung an den Unikliniken und Landeskrankenhäusern votieren über 98 Prozent der Teilnehmer für einen unbefristeten Streik.

9. Juni 2006: Der MB bricht die Tarifverhandlungen mit den kommunalen Arbeitgebern ab.

16. Juni 2006: Nach fast neun Monaten Tarifverhandlungen, davon 14 Wochen im Streik, schließt der MB mit der TdL den ersten arztspezifischen Tarifvertrag, den es in Deutschland je gegeben hat.

24. Juni 2006: Tarifverträge für die Ärzte an den Unikliniken sind abgeschlossen, aber nicht für ihre Kollegen an den kommunalen Krankenhäusern.

Bei der Urabstimmung für die Ärzte an den kommunalen Krankenhäusern votieren 97,1 Prozent der Teilnehmer für einen Arbeitskampf.

17. August 2006: Nach fast acht Wochen Streik erzielen Arbeitgeber und Ärztegewerkschaft auch eine Einigung für die kommunalen Kliniken.

8. April 2008: Der Marburger Bund schließt einen neuen Vertrag für die 55 000 Ärzte ab, die an kommunalen Kliniken beschäftigt sind, die Einkommen steigen in zwei Stufen um etwa acht Prozent, außerdem wird eine umgehende Angleichung der Tarife in Ost und West vereinbart.

15. Dezember 2008: Der Marburger Bund fordert für die nächste Tarifrunde an den Universitätskliniken durchschnittlich neun Prozent mehr Gehalt für Ärzte sowie höhere Zeitzuschläge für Überstunden, Samstag- und Nachtarbeit.

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