Ärzte Zeitung, 04.11.2009

Kontrovers: Bremsen Hausarztverträge das Hamsterrad?

Lockt ein dichteres Präventionsangebot mehr Patienten in die Praxis - oder konzentrieren Ärzte ihre Leistungen?

BAD ORB (ras). Ob es mit Hausarztverträgen gelingen kann, die Zahl der im internationalen Vergleich extrem hohen Arztkontakte und Abrechnungsdiagnosen zu reduzieren - darüber gehen die Meinungen bei den Hausärzten weit auseinander. Dies wurde beim "berufspolitischen Oktoberfest" bei der practica 2009 in Bad Orb offenkundig.

Im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" legte Professor Ferdinand M. Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Universität Frankfurt und Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, zunächst die Fakten auf den Tisch.

Durchschnittlich finden hierzulande 18 Arztkontakte pro Jahr statt. Pro Patient werden pro Jahr 25 Abrechnungsdiagnosen gestellt. Bereinigt um Doppeldiagnosen bleiben immer noch 9,3 abklärungs- oder behandlungsbedürftige Diagnosen übrig.

Bei der practica nahm Dr. Günther Egidi, Allgemeinarzt und Vorsitzender der Akademie für hausärztliche Fortbildung in Bremen, diese Steilvorlage von Gerlach auf. Die Hausarztverträge, so glaubt Egidi, würden diesen Trend hin zur Überdiagnostik nur noch verstärken. Mit Angeboten wie dem jährlichen Check-up ab 35 und einer jährlichen Ultraschall-Untersuchung würden Patienten "unnötigerweise in die Praxen gelockt." Dafür gebe es aber keinerlei Evidenz, genau so wenig wie für andere neue Screenings oder die neue Vorsorgeuntersuchung U10, die jetzt auch über den Hausarztvertrag in Baden-Württemberg abrechenbar ist.

Das Fazit von Egidi: "Eine wissenschaftlich valide Hausarztmedizin sieht anders aus."

Diesen Thesen widersprachen führende Funktionäre des Hausärzteverbandes vehement. Hausärzte-Chef Ulrich Weigeldt wies darauf hin, dass all diese Untersuchungsleistungen optional seien und dank der pauschalierten Vergütung gar nicht in jedem Jahr zwanghaft erbracht werden müssten.

Der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, Eberhard Mehl, stellte klar, dass es gerade ein zentrales Anliegen der selektiven Hausarztverträge sei, Leistungen abzuwägen, besser zu strukturieren und bei Bedarf dann in hoher Qualität zu erbringen. Der Kontroverse auf der practica konnte Mehl aber auch Positives abgewinnen. Da das über die Selektivverträge erzielte Honorar stimme, würden die Hausärzte nun verstärkt "über Inhalte reden".

[04.11.2009, 07:57:57]
Helmut Karsch 
Deontologen oder Utilitaristen
Wenn man vor dem Hintergrund der Vergütung der Hausarztverträge und des Leistungsumfang glaubt, dass die Mechanik der Angebotsinduzierten Nachfrage und der Zieleinkommenshypothese nicht greifen würde,unterstellt man, dass auch bei Privatpatienten grundsätzlich nur das Nötigste gemacht würde. Sinkende Fallzahlen und Arzt-Patientenkontakte bei gleichzeitig sinkender Leistungsmenge ist nicht über eine solche Vertragsorganisation realisierbar, Es ist das Geschäftsmodell von Herrn Weigeldt und sichert seinen Status. Ob unter den teilnehmenden Hausärzten eine Gruppe ist die in der Gewichtung ehr dem ethischen deontologischen Grundsatz folgen oder dem montären utilitarischen Trigger nachgeben, mögen die Personen selber entscheiden. zum Beitrag »

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