Ärzte Zeitung, 19.10.2011

Pharmahersteller erstmals bei IV-Vertrag mit im Boot

AMNOG machts möglich: Als erste Krankenkasse hat die Knappschaft direkt mit einem Arzneihersteller einen Integrationsvertrag geschlossen. Profitieren sollen epilepsiekranke Kinder - und die behandelnden Ärzte. Sie erhalten von dem Unternehmen ein Therapiemanagement-System. An die Patientendaten gelangt der Arzneihersteller angeblich nicht.

Von Florian Staeck

Pharmahersteller erstmals bei IV-Vertrag mit im Boot

HAMBURG. Als erste Krankenkasse hat die Knappschaft mit einem Arzneihersteller einen Integrationsvertrag geschlossen.

Ziel ist die bessere Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Epilepsie. Teilnehmen können Hausärzte und niedergelassene Neuropädiater.

Mehrere Partner

Partner der Knappschaft ist das Hamburger Unternehmen Desitin Arzneimittel GmbH. Auf Seiten der Leistungserbringer sind das Norddeutsche Epilepsiezentrum Raisdorf für Kinder- und Jugendliche und das Universitätsklinikum Kiel mit im Boot.

Dritter im Bunde ist die Deutsche Gesundheitssystemberatung (GSB). Diese Managementgesellschaft betreut beispielsweise auch das Norddeutsche Herznetz.

AMNOG macht es möglich

Möglich geworden ist die Vertragspartnerschaft mit einem Pharmaunternehmen erst durch das Arzneigesetz AMNOG, das Anfang des Jahres in Kraft getreten ist. Desitin bringt in den Vertrag sein Internet-basiertes Dokumentations- und Therapiemanagement-System EPI-Vista ein.

Diese telemedizinische Kommunikationsplattform gestattet es Eltern kranker Kinder, alle krankheitsrelevanten Ereignisse in einem elektronischen Patiententagebuch zu erfassen. Dies betrifft beispielsweise die Häufigkeit von Anfällen oder Nebenwirkungen der Therapie.

Es sei ausgeschlossen, dass der Hersteller an Patientendaten gelangt

Der behandelnde Arzt erhalte in der Sprechstunde nur eine Momentaufnahme des Krankheitsbildes seines Patienten, erläutert Alexander Fröhlich, der das Healthcare Management bei Desitin verantwortet: "Über EPI-Vista kann der Arzt dagegen auf die Verlaufsdokumentation zu jeder Zeit zugreifen", so Fröhlich.

Dabei, betont er, sei es ausgeschlossen, dass der pharmazeutische Hersteller an Patientendaten gelangt: "Allein der Patient entscheidet, ob der Arzt die Patientendokumentation nutzen darf."

Die Patientendaten kann der Arzt um elektronische Krankenblätter mit Diagnosen, Anfallsarten und Befunden ergänzen. Verschlüsselt werden die Daten an einen zentralen Server am Universitätsklinikum Greifswald übertragen.

Bisherige Kosten pro Behandlungslauf betragen rund 11.000 Euro jährlich

Die Regionaldirektion Hamburg gibt in den nördlichen vier Bundesländern je Behandlungsfall bisher rund 110.000 Euro jährlich für Kinder und Jugendliche mit Epilepsie aus. "Dabei sind die indirekten Kosten noch gar nicht mitgerechnet", sagt Karin Agor, Vertragsreferentin bei der Knappschaft in Hamburg.

Die Kasse habe im Vorfeld des Vertragsschlusses sowohl die ambulante wie die stationäre Versorgung in den Blick genommen und dabei festgestellt, dass rund sechs Prozent der Patienten nicht optimal eingestellt sind.

Therapiefreiheit der Ärzte bleibe unangetastet, so Agor

"Es gibt Einzelfälle, bei denen Kinder in einem Quartal zu bis zu zehn verschiedenen Ärzten gehen", berichtet Agor. Die lückenlose Verlaufskontrolle durch EPI-Vista soll zu einer bestmöglichen Therapie-Einstellung beitragen und helfen, die Zahl der Arztbesuche und der Rehospitalisierungen zu senken.

Die Therapiefreiheit der teilnehmenden Ärzte bleibe in dem Integrationsvertrag völlig unangetastet, versichert Agor.

Knappschaft schätzt: 2400 Kinder in Schleswig-Holstein haben Epilepsie

Die Knappschaft geht davon aus, dass in Schleswig-Holstein über alle gesetzlichen Kassen hinweg etwa 2400 Kinder an Epilepsie leiden. Alexander Fröhlich von Desitin zeigt sich überzeugt, dass es durch den Integrationsvertrag gelingen kann, die Leistungsausgaben zu senken.

Zugleich hält es für sinnvoll, dass sich weitere Kassen der Vereinbarung anschließen. Der Marktanteil der Knappschaft beträgt in Schleswig-Holstein rund 1,5 Prozent.

Strategisches Ziel des Herstellers

Der Hersteller Desitin verbindet mit dem IV-Vertrag strategische Ziele und will im zweiten Ausbauschritt der Vereinbarung "an den erreichten Einsparungen beteiligt werden", erläutert Fröhlich.

Es sei das Ziel des Unternehmens, "von einem reinen Arzneimittel-Hersteller zu einem Servicesystem-Anbieter zu werden".

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