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Ärzte Zeitung online, 03.02.2017

Attacke auf "Dr. Unermüdlich"

"Nicht warten, bis mehr passiert"

Um zwei Uhr nachts flog am 8. Januar ein mit einem Hakenkreuz bemalter Stein gegen das Wohnzimmerfenster von Dr. Amin Ballouz. Der 58-jährige gebürtige Libanese, der seit über 30 Jahren Deutscher ist, arbeitet als Hausarzt in Schwedt/ Oder. Der "Ärzte Zeitung" schildert er, wie er den Anschlag erlebte und welche Konsequenzen er zieht.

Interview von Julia Frisch

Attacke auf "Dr. Unermüdlich": "Nicht warten, bis mehr passiert"

Dr. Amin Ballouz, Landarzt in der Uckermark, untersucht einen Patienten in seiner Arztpraxis. Nach zwei Anschlägen fühlt er sich verunsichert.

© Kremming / dpa

SCHWEDT. Verunsicherung und Enttäuschung prägen das Gespräch mit Amin Ballouz. Er kann es immer noch nicht fassen, dass Unbekannte einen mit einem Hakenkreuz beschmierten Stein gegen sein Wohnhaus in Angermünde (Brandenburg) geworfen haben. Dabei war es nicht das erste Mal, dass er sich einem Angriff mit mutmaßlich rechtem Hintergrund ausgesetzt sah. Der Staatsschutz hat die Ermittlungen übernommen.

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Ballouz, wie haben Sie den Anschlag erlebt und was war Ihr erster Gedanke dabei?

Dr. Amin Ballouz

Dr. Amin Ballouz bei der Arbeit mit einem Patienten

© sbra

Geboren in Beirut, flüchtete Amin Ballouz (58) mit 16 Jahren zusammen mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg aus dem Libanon, zunächst nach Syrien, wo er das Abitur ablegte.

Das Medizinstudium absolvierte er in Halle/Saale und Aachen, den Facharzt machte er in Düsseldorf. Es folgten Stationen in China und in Schottland.

Vor sechs Jahren ließ sich Ballouz als Hausarzt in der Uckermark nieder. Dort ist er längst als "Dr. Unermüdlich" bekannt. Sogar ein Buch über seine hausärztliche Tätigkeit wurde veröffentlicht.

Jasper Fabian Wenzel: Deutschland draußen: Das Leben des Dr. Amin Ballouz, Landarzt. dtv 2015. ISBN: 978-3423260961

Dr. Armin Ballouz: Es war zwei Uhr nachts, ich war gerade von der Jagd nach Hause gekommen und hatte mich ins Bett gelegt, da hörte ich ein sehr lautes Geräusch. Mein Schlafzimmer liegt direkt neben dem Wohnzimmer. Ich bin sofort aufgestanden, habe geschrien "Wer ist da?" und kein Licht angemacht. Im Wohnzimmer war das Fenster kaputt, Weihnachtsdeko, eine Porzellanfigur und ein Bild von meinem Sohn beschädigt. Der Stein lag aber draußen vor dem Haus. Als ich das Hakenkreuz auf ihm gesehen habe, bekam ich sofort Angst. Außerdem wurden noch die Reifen an zwei meiner Autos zerstochen.

Ärzte Zeitung: War es das erste Mal, dass Sie ein solches Erlebnis hatten?

Dr. Armin Ballouz:Nein, vor zwei Jahren haben mich um halb zwölf Uhr nachts mehrere Jungs angegriffen, als ich von einem Hausbesuch kam und in meine Praxis wollte. Sie haben einen Hund auf mich gehetzt. Ich bin schnell mit dem Auto weggefahren und habe die Polizei informiert. Ein Polizist hat damals gesagt, dass die Jungs das nur aus "Langeweile" gemacht hätten. Vor fünf Wochen habe ich nun erfahren, dass gegen Polizisten von damals ermittelt wird, weil sie für die Aufklärung angeblich nichts getan haben.

Dr. Armin Ballouz: Welche Folgen haben die Vorfälle für Sie?

Dr. Armin Ballouz:Ich wohne hier allein auf einem Hof, die Nachbarn sind weiter weg. Ich wollte so allein leben, weil ich auf die Jagd gehe, nachts oft erst spät nach Hause komme und mittlerweile sechs Trabbis habe, die ich repariere. Wo sollte ich die unterstellen, wenn ich in der Stadt wohnen würde? Aber ich schaue jetzt, ob die Fenster alle geschlossen sind und überall das Licht brennt, wenn es dunkel ist.

Ärzte Zeitung: Haben Sie in der Vergangenheit damit gerechnet, dass solche Angriffe auf Sie passieren könnten?

Dr. Armin Ballouz:Ich habe das nie ernst genommen, das mit dem Rechtsradikalismus. Ich hatte nie schlechte Erfahrungen gemacht, ich wurde überall respektiert. Ich hatte nie Angst vor Angriffen. Es waren bisher immer nur Freunde, die hier nicht wohnen, die Bedenken geäußert haben und sagten: "Du wohnst hier in einer rechten Gegend, das ist doch zu gefährlich für Dich". Ich habe daraufhin immer gesagt: "Das gibt es hier nicht, ich merke nichts von Rechtsradikalismus." Letzte Woche allerdings war ein Patient aus Syrien in meiner Praxis, der mir erzählte, dass ein Fitnessstudio ihn nicht aufnehmen will. Der Betreiber des Studios hat mir das bestätigt. Er sagte, man sei mit der Politik nicht einverstanden, wolle Akzente setzen und seine Klientel wolle Leute wie den Syrer nicht im Studio haben.

Ärzte Zeitung: Wie haben Ihre Patienten auf den Vorfall reagiert?

Dr. Armin Ballouz:Von den Patienten habe ich enorme Unterstützung erfahren. Ich habe von allen Seiten, auch von Chefärzten und Kollegen, Zuspruch erfahren. Manche haben mir Briefe geschickt und es haben sogar Leute angerufen, die ich gar nicht kenne.

Ärzte Zeitung: Werden sie aus den beiden Angriffen Konsequenzen ziehen?

Dr. Armin Ballouz:Ich fühle mich sehr wohl hier. Die Arbeit ist mein Hobby, sie macht mir viel Spaß. Die Patienten rollen mir den roten Teppich aus, sie kochen für mich sogar Suppen. Ich liebe die Menschen hier, sie lieben mich. Aber der zweite Angriff hat mich nachdenklich gemacht. Ich bin enttäuscht, dass so etwas passiert ist. Ich kann nicht mehr sagen, dass das ein Scherz war. Sollten die Täter nicht erwischt werden, dann muss ich überlegen, ob ich die Zelte hier abbreche. Ich möchte nicht abwarten, bis noch mehr passiert.

Gegen Ende des Gesprächs bricht es dann aus Dr. Amin Ballouz heraus: "Das alles erinnert mich an den Libanon von früher." Wie damals, als die verfeindeten Bürgerkriegsparteien aufeinander schossen und dabei auch unbeteiligte Zivilisten ins Visier nahmen, müsse er sich nun schützen. "Ich habe den Krieg satt", ruft Ballouz.

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