Ärzte Zeitung online, 23.02.2017
 

Bürgerversicherung

Lauterbach verspricht Komfort-EBM

MÜNCHEN. Ärzte sollen auf keinen Fall Honorar verlieren, wenn unter einer SPD-dominierten Bundesregierung die Bürgerversicherung realisiert würde. In einem Gastbeitrag für die bei Springer Medizin erscheinende "Münchner Medizinische Wochenschrift" verspricht der Vize-Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Professor Karl Lauterbach: "Eine einheitliche Honorarordnung wird insgesamt nicht zu weniger Mitteln für die ambulante Versorgung führen. Stattdessen treffen sich die Honorare in der Mitte: Bei den gesetzlich Versicherten werden sie steigen, bei den privaten Versicherten auf das gleiche Niveau sinken. Dem System wird kein Geld entzogen."

Damit werde ein "großer Schritt" zur Überwindung der Zwei-Klassen-Medizin gemacht, deren Hauptursache die heute bestehenden Vergütungsunterschiede seien. Honorare sollten künftig nicht mehr abhängig von der Krankenversicherung, sondern vom Behandlungsbedarf sein. Sinnvoll erscheine eine Kombination aus Pauschalen, Einzelleistungsvergütungen und Qualitätszuschlägen. Auch Kostenerstattung könnte aus Transparenzgründen enthalten sein. Bei der Vergütung müsse auch eine Rolle spielen, wo sich die Praxis befinde und welchen Versorgungsauftrag sie habe. "Praxen in unterversorgten Gebieten oder mit vielen, eher schwierigen Patienten sollen einen Honorarzuschlag erhalten, so Lauterbach. (HL)

[25.02.2017, 12:34:16]
Thomas Georg Schätzler 
Nein, Kollege Lauterbach (Fortsetzung)
Ausgerechnet Bürgerversicherung, Ende der Zwei-Klassen-Medizin bzw. Chancengleichheit im Krankheits- und Gesundheitssystem als sozialmedizinischer Experte einzufordern, der die Schröder'sche "Agenda 2010" abgenickt hat, wirkt ohne Selbstkritik unglaubwürdig.

1. Mit der Bürgerversicherung verdirbt man es sich mit allen Beamtinnen, Beamten und Beihilfeberechtigten im Öffentlichen Dienst. Die Private Krankenversicherung (PKV) und die Altersrückstellungen ihrer Mitglieder kann man nicht entschädigungslos enteignen. Außerdem müssten dann endlich auch die Beitragsbemessungsgrenze und die Freistellung sonstiger Einkünfte wegfallen, was die SPD immer noch in Panik versetzt.

2. Die Zwei-Klassen-Medizin wurde mit §12 Sozialgesetzbuch 5 (SGB V) "Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten" (WANZ-Prinzip wirtschaftlich, ausreichend, notwendig, zweckmäßig) auch und gerade von der SPD für die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) eingeführt und zementiert. Systematische, überproportionale Zuzahlungen und finanzielle Extra-Belastungen bei unseren einkommensschwächsten Patienten sind die Folge. Alle gut verträglichen, nicht rezeptpflichtigen Präparate sind oft unerreichbare Selbstzahler-Leistungen.

3. Chancengleichheit und Teilhabe im Krankheits- und Gesundheitswesen werden nach wie vor durch Geschlecht, Schichtzugehörigkeit, Herkunft und Migrationshintergrund diktiert. Niedriglohn, geringfügige Beschäftigungen, Leih-, Wanderarbeit und Arbeitnehmerüberlassungen tun ihr Übriges.

4. Das Rentenniveau unterstreicht die schlechte SPD-Performance bei Teilhabe und Gesundheitsgefährdung: Reallohnverlust, Mindestlohn, von dem man nicht leben kann, Sozial- und Transferleistungen, Hartz IV-Reservearmee, Einschränkungen bei den Job-Centern wurden als Erfolg der SPD Agenda 2010 selbst von den nachfolgenden Bundesregierungen gefeiert: Um für dieselben Menschen am Rand der Gesellschaft jetzt als sozialer Gerechtigkeits-Retter im Gesundheitswesen dazustehen?

Die Schere zwischen Arm und Reich geht in Deutschland immer weiter auf. Im Gegensatz zum Theoretiker Lauterbach arbeiten meine Kolleginnen, Kollegen und ich mit Fingerspitzengefühl, emotionaler, sozialmedizinischer, psychologischer und praktischer Intelligenz in der hausärztlich-familienmedizinischen Praxis. Täglich müssen wir eine Balance von Solidarität, Selbstverantwortung und Subsidiarität in der Krankenversorgung herstellen: O h n e dass sozial Schwache, Kranke, Alte, Junge, Kinder, Erwachsene, Reiche, Arme, Kluge und weniger Kluge ausgegrenzt, diskriminiert und im Krankheitsfall in Existenzangst oder würdeloses Sterben getrieben werden!

Es geht um unsere Zukunft, die unserer Kinder, deren umfassende Krankheits-, Daseins- und Risikovorsorge der Staat endlich mit einem angemessenen GKV-Bundeszuschuss garantieren muss; es geht um junge Menschen in der Ausbildung, die für kleines Geld Kranken- u n d Sozialversicherung brauchen; es geht um Gut-, Schlecht- u n d Spitzenverdiener im Reproduktions- und Arbeitsleben, aber auch um Rentner/-innen mit dann schwindendem Einkommen und hoher Morbiditätslast, um Geringverdiener, Arbeitslose, Minijobber, ALG-I- und -II-Bezieher.

Eine lupenreine "Bürgerversicherung" existiert bereits über 100 Jahre für 90 Prozent der mittlerweile knapp 83 Millionen Menschen in Deutschland als Gesetzliche Krankenversicherung (GKV). Einschließlich Herz-Lungen-Nieren-Leber-Hornhaut etc. Transplantationen, einschließlich drug-eluting und bare-metal Stents, einschließlich TAVI, Biologicals, Interferon-, HIV-Medikation, E-Rollstuhl und Carbonprothesen, stationärer, ambulanter und palliativer Versorgung, einschließlich Beatmungs- und Palliativpflege. Die 10 Prozent Vollversicherten in der Privaten Krankenversicherung (PKV) kann man dabei m. E. ohne dramatische Aufgeregtheiten weiterlaufen lassen.

Mit einem intellektuell abgehobenen Streit um Bürgerversicherung vs. Kopfpauschale, der die FDP Kopf und Kragen gekostet hatte, um Einheits-Krankenkassen oder Einheitsmedizin mit 3 Pillen à la Lauterbach kann die SPD nicht punkten.

Was dann auch noch die Hamburger SPD-Gesundheitssenatorin Frau Cornelia Prüfer-Storcks mit der Aufhebung der Grenzen zwischen den ambulanten und stationären Sek­toren erreichen will, bleibt unerfindlich: Die Grenzen zwischen den Sektoren komplett aufheben zu wollen, hieße Medizin- und Versorgungs-bildungsfern den REHA-Patienten auf der Intensivstation zu therapieren, den akuten Herzinfarkt ambulant auf der grünen Wiese per PTCA zu katheterisieren und die akute Appendizitis durch den Hausarzt operieren zu lassen.

Wir brauchen dagegen ein auch für Laien verständliches, strukturiertes Konzept mit abgestuften Versorgungsebenen:
1. Strukturen mit präformiertem medizinischen Laienwissen

2. Lotsenfunktion/Koordination durch Haus-/Familienärzte als "Primärarzt"

3. allgemeinärztlich-internistisch-pädiatrische-gynäkologische Grundversorgung

4. fachärztliche, spezialmedizinische, ambulante Fachversorgung

5. ambulante bis stationäre Stufendiagnostik

6. Therapie/Versorgung Beschwerde-, Situations- und Krankheits-adaptiert vom Kreiskrankenhaus bis zur Uniklinik.

Weg müssen wir vom ewigen Mantra der Gesundheit und dem Versuch, alle bio-psycho-sozialen Probleme gesundbeten zu wollen. Endlich Krankheit, Behinderung, Siechtum und körperliche bzw. psychische Beschädigungen als integral-vitale, schwierige und zugleich bereichernde Lebensäußerungen zu begreifen und unsere Patientinnen und Patienten dort abzuholen, wo sie gerade stehen: Bei Schwangerschaft, Geburt, Kindheit, Jugend, Adoleszenz, Erwachsensein, Alterung, Leben, Vergänglichkeit und Tod!

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »
[23.02.2017, 21:05:07]
Thomas Georg Schätzler 
Nein, Kollege Lauterbach,
Ihr Versprechen eines "Komfort-EBM" müssen Sie jetzt schon brechen, indem Sie es aussprechen: Der "Einheitliche Bewertungsmaßstab" (EBM) ist ausschließlich Sache der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) bzw. seiner Vertreterversammlung aus den Landes-KVen als Körperschaften Öffentlichen Rechts und des gemeinsamen Bewertungsausschusses, welcher durch Vertreter der Gesetzlichen Krankassen (GKV) ergänzt wird.

Man merkt Ihnen auf Schritt und Tritt an, dass Sie mit einer verhältnismäßig "jungen", gerade 7 Jahre alten Approbation als Arzt (2010) vorher nicht mal ein Rezept ausstellen konnten, geschweige denn jemals ernsthaft in einer Vertragsarztpraxis gearbeitet hatten. Die GKV-Umsatzhonorare der niedergelassenen Vertragsärzte, der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) und der ermächtigten Klinik-Ambulanzen werden eben nicht durch die Politik gesteuert, sondern durch die unterschiedlich starken Interessengruppen, Flügel- und Grabenkämpfe in der vertragsärztlichen Selbstverwaltung, die insbesondere die Haus- und Familienärzte honorarmäßig unter die Räder kommen lassen.

Grundlegende Erkenntnis auch für Sie: In der Vertragsarztpraxis werden alle Leistungen generell pauschaliert, regressiert, diszipliniert bzw. bis zu einem in vielen Fachrichtungen geradezu lächerlichen Regelleistungsvolumen (RLV) heruntergerechnet. Während in der Privaten Krankenversicherung (PKV) nach der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) eine reine Eizelleistungs-Systematik vorliegt. (wird fortgesetzt) zum Beitrag »

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