Ärzte Zeitung online, 21.07.2017
 

Sektorengrenzen

Experten für einheitliches Honorarsystem

Beim Barmer Forum plädiert Kassen-Chef Straub für eine sektorenübergreifende Vergütung. Rund 2600 Leistungen wären schon heute betroffen.

DEGGENDORF. Der EBM ist nach Ansicht des Barmer-Vorstandsvorsitzenden Professor Christoph Straub "an sein Ende gekommen". Er sollte deshalb möglichst bald abgeschafft werden. Stattdessen sollte ein neues sektorenübergreifendes, indikationsbezogenes und weitgehend pauschaliertes Vergütungssystem eingeführt werden. In dieses Honorarsystem könnte dann auch die GOÄ integriert werden, sagte Straub am Donnerstag beim Barmer Forum 2017.

Ein seit Jahren verfolgtes Ziel der Gesundheitspolitik sei die Überwindung der Sektorengrenzen, erinnerte Straub. Jetzt bestehe die Gelegenheit, dem Ziel eines Versorgungs- und Patientenmanagements jenseits der Sektoren einen entscheidenden Schritt näherzukommen: Schon jetzt gebe es etwa 2600 Leistungen, die sowohl in Kliniken wie auch in Praxen erbracht, allerdings höchst unterschiedlich vergütet werden. Ein einheitliches Vergütungssystem könnte dort ansetzen, so Straub.

"Die Mauer muss weg"

Durch das Gesundheitssystem läuft nach Darstellung von Professor Ferdinand Gerlach, Vorsitzender des Sachverständigenrates im Gesundheitswesen, eine Mauer, die vollkommen unkoordinierte Versorgung zur Folge hat. "Die Mauer muss weg", erklärte Gerlach. Weiter abzuwarten sei keine Option.

Das werde aktuell insbesondere bei der Notfallversorgung deutlich. Der Sachverständigenrat werde in seinem nächsten Gutachten im Frühjahr 2018 dazu Vorschläge machen. Zur Vorbereitung des Gutachtens werde der Rat erstmals in seiner Geschichte am 7. September in Berlin eine Arbeitstagung veranstalten, bei der alle Beteiligten zu Wort kommen sollen, so Gerlach.

Reformen nach der Wahl

Auch nach der Bundestagswahl werde es Reformen im Gesundheitswesen geben, berichtete der zuständige Abteilungsleiter im Bundesgesundheitsministerium Joachim Becker. Dabei werden die Weiterentwicklung des RSA und die Frage der Regionalisierung eine wesentliche Rolle spielen. Das Problem, so Becker: Wenn der RSA mit einer Regionalkomponente versehen wird, bestehe die Gefahr, dass bestehende Versorgungsstrukturen zementiert werden. Das müsse vermieden werden. (sto)

[21.07.2017, 06:19:08]
Jürgen Schmidt 
Ideologie ist keine Währung
Was in der Formulierung "sektorenübergreifendes, indikationsbezogenes und weitgehend pauschaliertes Vergütungssystem" fehlt, ist das Wörtschen "leistungsbezogen".
Hingegen zielt der Vorschlag des Barmer Chefs Straub auf die Ausdehnung des Fallpauschalensystems für die ambulante Versorgung. Dies wäre, so die Worte eines ehemaligen Chefs der Hausärzte unschädlich, wenn die Pauschalen hoch genug wären.
Die Währung in der dann wohl bezahlt werden soll, ist jedoch reine Ideologie.
Man hat - nicht das erste Mal - den Eindruck, als ob der Vorsitzende des Sachverständigenrates, der auch einmal, wenn auch nur kurze Zeit ärztlich tätig gewesen ist, bereit ist, unüberlegt in nahezu jedes populistische Horn zu tuten, das ihm vor den Mund gehalten wird.
Die Attraktivität einer ärztlichen Niederlassung hängt nicht zuletzt von einer leistungsbezogenen Vergütung ab, eine der berufpolitischen Maximen, die nicht vergessen werden darf.
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