Ärzte Zeitung online, 01.09.2017

Interview

"Neurologie lebt von Interdisziplinarität"

Im Juni hat die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) eine Image-Kampagne gestartet. Primär geht es darum, das Fach bekannter zu machen. Es geht aber auch um den innerärztlichen Schulterschluss, insbesondere mit Hausärzten, sagt DGNPräsident Professor Gereon Fink im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Von Wolfgang van den Bergh

„Neurologie lebt von Interdisziplinarität“

Wir brauchen eine mit uns agierende Hausärzteschaft: Prof. Gereon Fink im Gespräch mit Wolfgang van den Bergh. © Nöthling

Ärzte Zeitung: Herr Professor Fink, "Wir sind Neurologie" – das klingt stark und selbstbewusst. Wozu braucht es diese Image-Kampagne?

Professor Gereon Fink: Wir sind auch stark und selbstbewusst. Denn die Neurologie hat sich in den vergangenen Jahren von einem tollen diagnostischen zu einem exzellenten therapeutischen Fach entwickelt. Das ist immer noch zu wenig allgemein bekannt. Ich denke zum Beispiel an bahnbrechende Fortschritte bei der Behandlung von Patienten mit neuro-immunologischen Erkrankungen wie der Multiplen Sklerose. Ich denke an Parkinson- und Epilepsie-Patienten, deren Lebensqualität wir deutlich verbessern können. Darüber wollen wir Öffentlichkeit und Politik informieren. Eine zweite wichtige Botschaft richtet sich nach innen. Hier geht es um den Erhalt der Einheit des Faches. Wie in jedem großen Fachgebiet der Medizin gibt es auch in der Neurologie eine Tendenz zur Spezialisierung. Ich bin dennoch der festen Überzeugung, dass nur die Einheit des Faches Garant für eine flächendeckende neurologische Versorgung ist.

Politik und Öffentlichkeit zu informieren ist das eine. Wie sieht es mit dem innerärztlichen Schulterschluss etwa mit Grundversorgern wie den Hausärzten aus?

Meine Frau ist Hausärztin. Ich kenne die Sorgen und Nöte in der Alltagsversorgung. Wir Neurologen brauchen eine gute und mit uns interagierende Hausärzteschaft. Nur so lässt sich die zunehmende Zahl neurologischer Patienten bewältigen. Es gibt viele neurologische Patienten, die von einem Hausarzt dauerhaft betreut werden können. Der Neurologe ist primär bei der Erstdiagnostik und bei komplexen Therapieproblemen gefragt.

Muss es nicht angesichts der Behandlungskomplexität und der demografischen Entwicklung eine noch viel engere Kooperation mit Grundversorgern geben?

Das ist richtig. Vor dem Hintergrund der demografischen Veränderung ist die Neurologie eine Schlüsselmedizin des 21. Jahrhunderts, wenn nicht sogar die Schlüsselmedizin. Die Patientenzahlen werden weiter steigen. Wir haben aber in Deutschland zur Zeit nur etwa 6800 Fachärzte für Neurologie. Daher ist eine gute Zusammenarbeit mit den Grundversorgern wichtig, selbst wenn wir jährlich 650 neue Kollegen ins System bekommen. Unser gemeinsames Ziel muss sein, die Basisversorgung und die spezialisierte Versorgung auf hohem Niveau dauerhaft sicherzustellen.

Sehen Sie bei der Grundversorgung weitere berufliche Disziplinen, die eingebunden werden müssten?

Die Neurologie ist ein Fach, das traditionell von der Interdisziplinarität lebt. Dabei liegt der Fokus nicht ausschließlich auf der ärztlichen Zusammenarbeit, zum Beispiel mit den Neuroradiologen, Neurochirurgen oder Kardiologen. Das trifft auch auf den gesamten therapeutischen Bereich wie Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie zu. Zunehmenden Bedarf in der neurologischen Grundversorgung sehe ich derzeit im palliativmedizinischen Bereich.

Wo sieht die Neurologie ihre Kernkompetenz?

Eine Kernkompetenz der Neurologie ist die Diagnostik. Ich denke an großartige Fortschritte, die wir bei der Früherkennung der Parkinsonschen Erkrankung gemacht haben. Eine weitere Kernkompetenz ist die Therapie: Für eine Vielzahl neurologischer Erkrankungen haben wir heute hervorragende medikamentöse Behandlungsoptionen, hinzu kommen innovative technische Verfahren, wie zum Beispiel die Tiefe Hirnstimulation beim Morbus Parkinson.

Wird dieses Potenzial von der Politik gesehen und akzeptiert?

Ich glaube schon, dass die Politik erkannt hat, dass neurologische und psychiatrische Erkrankungen eine große Herausforderung für unsere Gesellschaft darstellen. Aber vielleicht noch nicht in der Dimension. Die Tatsache, dass wir zum Beispiel kein Deutsches Gesundheitszentrum für Schlaganfallforschung haben, ist für mich ein Zeichen dafür, dass der Bedarf so noch nicht erkannt wird. Trotz sehr guter Therapiemöglichkeiten in der Akutphase des Schlaganfalls mit Lyse und Thrombektomie: Der Schlaganfall ist nach wie vor die häufigste Ursache erworbener Behinderungen in unserer Gesellschaft. Hier gibt es also weiter viel zu tun: Das müssen wir deutlich machen, auch mit unserer Kampagne. Ein anderes Beispiel: Wir haben heute die Möglichkeit, die meisten MS-Patienten vor dem Rollstuhl zu bewahren. Das konnten wir vor 20 Jahren noch nicht. Solche Therapien kosten viel Geld und darüber muss eine öffentliche und ehrliche Debatte geführt werden. Man darf nicht so tun, als ob das mit den vorgegebenen Budgets zu bewerkstelligen ist. Wir kämpfen um die finanziellen Ressourcen, natürlich auch in der Forschungslandschaft.

Wie könnten dann aus Ihrer Sicht die Forschungsanstrengungen intensiviert werden?

Nehmen wir das Beispiel Morbus Parkinson. Wir sind hier sehr weit, und wir können die Erkrankung symptomatisch gut behandeln. Wir können aber nicht die Ursache ausschalten, weil es viele verschiedene Ursachen für die Erkrankung gibt. Das Gleiche gilt beim Morbus Alzheimer: Hier muss nicht nur eine intensive Therapieforschung erfolgen, sondern auch eine intensive Grundlagenforschung, damit wir diese wichtigen Erkrankungen auf Dauer nicht nur symptomatisch, sondern auch ursächlich behandeln können.

Wenn Sie in diesem Kontext an die Einführung neuer Wirkstoffe denken, hemmt die frühe Nutzenbewertung möglicherweise den Fortschritt?

Ich bin bei solchen Einschätzungen sehr vorsichtig. Ich kenne ausländische Gesundheitssysteme aus eigener Anschauung und im direkten Vergleich komme ich zu dem Schluss: Bei allen zu beklagenden Schwächen lässt uns das deutsche System große Handlungsspielräume. Im Vergleich zu Großbritannien etwa haben wir eine hohe therapeutische Freiheit. Allerdings bin ich auch der Meinung, dass man Forschung nicht nur der Industrie überlassen sollte. Es wäre wichtig, Forschung auch mit Substanzen, an denen die Industrie kein Forschungsinteresse hat, weiter zu verfolgen. Für diese unabhängige Forschung sollte Politik die finanziellen Rahmenbedingungen schaffen.

Die Neurologie gehört zu den spannendsten medizinischen Fachgebieten. Der Nachwuchs müsste bei Ihnen Schlange stehen – ist das so?

Die Neurologie ist das am schnellsten wachsende Fach – seit Jahren. Ich bin fest davon überzeugt: Es ist die beste Zeit, Neurologe zu werden und zu sein. Dennoch müssen wir viel für den Nachwuchs tun. Lassen Sie mich das am Beispiel der Forschung erläutern. Forschung in Deutschland ist nicht nur allein eine Frage des Geldes, sondern auch ein strukturelles Problem. Wir brauchen junge Leute, die bereit sind, als Wissenschaftler zu arbeiten. Die jungen Kollegen wollen aber auch ärztlich tätig sein. Das ist wichtig und richtig. Unsere Aufgabe muss es sein, Karrierewege so zu entwickeln, dass junge Kollegen Wissenschaft betreiben und zugleich auch den Facharzt machen können. In diese Richtung müssen die strukturellen Voraussetzungen im Rahmen der Weiterbildungsordnung geschaffen werden. Es geht um eine verlässliche Karriere-Perspektive, damit wir auch in Zukunft forschende Ärzte haben.

Es geht auch um das Thema Diversifikation, bei gleichzeitiger Bewahrung der Einheit des Faches. Wie wollen Sie den Spagat hinbekommen?

Eine flächendeckende neurologische Versorgung ist nur sicherzustellen, wenn wir genügend Neurologen haben, die die Grundlagen des Faches beherrschen. Wenn sich diese Neurologen zusätzlich für einen Teilaspekt qualifizieren wollen, werden wir das unterstützen. Klar ist: Es gibt die Gefahr, dass die Neurologie so komplex wird, dass sich Spezialisierungen herausbilden werden, etwa in Richtung neurologische Bewegungsstörungen, Epileptologie oder Schlaganfall und neurologische Notfallmedizin. Doch damit müssen wir umgehen.

Sie haben gesagt, dass die Weiterbildungsordnung auf die Bedürfnisse junger Neurologen zugeschnitten werden sollte. Was heißt das?

Die meisten jungen Kollegen wünschen sich, das gesamte Fach zu erlernen, weil es attraktiv ist. Sie wollen aber auch eine größere Flexibilität, etwa mit Blick auf die Dauer bestimmter Ausbildungsinhalte in der Weiterbildungsordnung. Ich finde das richtig: Es muss um den Erwerb von Kompetenzen gehen und nicht um ein striktes Absitzen von Zeiten. Eine Flexibilisierung der Weiterbildung ermöglicht, spezielle Inhalt zu vertiefen und trotzdem die gesamte Breite des Faches kennenzulernen.

Wann rechnen Sie mit einer Novellierung der Weiterbildungsordnung?

Nach meinen Informationen aus der Bundesärztekammer wird das möglicherweise im nächsten oder im übernächsten Jahr der Fall sein.

In wenigen Wochen startet der 90. DGN-Kongress in Leipzig: Liegt der Schwerpunkt mehr auf Wissenschaft und Fortbildung? Welchen Stellenwert hat die Gesundheitspolitik?

Mit dem Wissenschafts- und Fortbildungsteil hat der DGN-Kongress zwei starke Standbeine. Hinzu gekommen ist vor Jahren das DGN-Forum, ein Ort, wo lebhaft über Berufs- und Fachpolitik diskutiert wird. Dabei geht es auch um Öffentlichkeits- und Interessenvertretung. Mit etwa 5000 bis 6000 Fachbesuchern ist der Kongress der größte neurologische Fachkongress in Europa.

Es wird erwartet, dass Sie eine erste Bilanz der Kampagne vorstellen. Sie läuft dann knapp drei Monate. Wie ist die Resonanz?

Die Kampagne wird sehr stark wahrgenommen, und das, obwohl wir nicht auf die Straße gegangen sind, wie das andere Kampagnen aus der Ärzteschaft machen. Es ist auch klar, die Kampagne zielt nicht darauf ab, Patienten zu akquirieren. Vielmehr geht es um uns und unsere Darstellung in der Öffentlichkeit. Es freut mich, dass wir positives Feedback von den Neurologen selbst bekommen. Offenbar motiviert die Kampagne auch Kollegen, Mitglied in unserer Fachgesellschaft zu werden.

Welche Möglichkeit haben Kollegen, sich an der Kampagne zu beteiligen?

"Wir sind Neurologie" zielt darauf ab, dass sich jeder zu jeder Zeit an der Kampagne beteiligen kann – auch während des Kongresses. Wir stellen eine Fotobox zur Verfügung, hier kann sich jeder fotografieren lassen und Teil der Kampagne werden – so er es denn will. Wir verstehen die Kampagne als einen dynamischen Prozess, bei dem auch immer wieder aktuelle Themen aufgegriffen werden können. Denken Sie zum Beispiel an das Thema Pflege neurologischer Patienten.

Prof. Gereon R. Fink

» Aktuelle Position: Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, seit 2006 Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie an der Uniklinik Köln und seit 2005 Direktor Kognitive Neurowissenschaften (INM3) am Institut für Neurowissenschaften und Medizin, Forschungszentrum Jülich

» Ausbildung: 1989 Promotion, Universität zu Köln, 1999 Habilitation Heinrich-Heine Universität Düsseldorf

» Karriere: 1989-92 Assistenzarzt am Max-Planck-Institut für neurologische Forschung, 1992-93 MRC Cyclotron Unit, Hammer-smith Hospital London, 1993-95 Neurologische Klinik Köln, 1995-97 Institute of Neurology London, 1997-2000 Assistenzarzt Uniklinik Düsseldorf, 2001 Oberarzt Uniklinikum Aachen, 2002 C3-Professur für Kognitive Neurologie, 2004 C4-Professur für Neurologie – Kognitive Neurologie der RWTH Aachen

» Privates: verheiratet, drei Töchter; begeisterter Motorradfahrer

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