Ärzte Zeitung online, 07.09.2017
 

Sachverständigenrat

Praxen sollen auch am Wochenende parat stehen

Um die Notfallversorgung effizienter zu gestalten, müssen Kliniken und Praxen ihre Grenzen überwinden. Erste konkrete Ideen dazu gibt es bereits. Nun hat der Sachverständigenrat zum Gespräch geladen.

"Praxen müssen auch am Wochenende parat stehen"

Werkstattgespräch des Sachverständigenrats: (v.l.) Prof. Jonas Schreyögg, Prof. Marion Haubitz, Prof. Ferdinand Gerlach, Petra Schwarz (Moderatorin), Dr. Andreas Gassen, Georg Baum, Johann-Magnus von Stackelberg, Prof. André Gries (Intensivmediziner) © HL

BERLIN. Der Sachverständigenrat für die Begutachtung der Entwicklung des Gesundheitswesens (SVR) arbeitet aktuell an einem Gutachten zur Steuerung im Gesundheitswesen. Ein wichtiges Kapitel: die Notfallversorgung. Das Gutachten soll mit konkreten Empfehlungen im Frühjahr 2018 an Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) übergeben werden.

In der Notfallversorgung und im ärztlichen Bereitschaftsdienst würden die Ressourcen nicht so eingesetzt, wie man sich das wünscht, kritisierte der SVR-Vorsitzende Prof. Ferdinand Gerlach beim ersten öffentlichen Werkstattgespräch des SVR in Berlin.

Basis der bisherigen Empfehlungen des SVR sind:

  • eine voll integrierte Leitstelle
  • ein Ein-Tresen-Konzept in Kliniken
  • ein integriertes Notfallzentrum

Mehr Sprechzeiten gefordert

Von den niedergelassenen Ärzten forderte Gerlach, die Zahl der Notfallpatienten in den Kliniken zu verringern. So sollen sie mehr Sprechzeiten anbieten – auch am Abend und am Wochenende.

Ein Knackpunkt auf dem Weg zu einer bürgernäheren und kostengünstigeren Notfallversorgung ist allerdings die Finanzierungsaufteilung zwischen Vertragsärzten und Krankenhäusern. Ratsmitglied Prof. Jonas Schreyögg berichtete dazu, dass an einem sektorenübergreifenden Ansatz gearbeitet werde. Dafür soll ein extrabudgetärer Topf geschaffen werden.

Anreize zur Kooperation fehlen

Gerlach hatte kürzlich beim Barmer-Forum in Deggendorf neben einer unzureichenden Koordination ambulanter und klinischer Versorgung die bislang fehlenden Anreize zur Kooperation beklagt. Jede Berufsgruppe, jeder Sektor lebe in "seiner eigenen Welt".

Hinzu kämen unangemessene Angebotskapazitäten u. a. durch Parallelstrukturen. Als Beispiel nannte er etwa Katheterlabore. Unter dem Strich funktioniere daher im deutschen Gesundheitswesen eine sinnvolle sektorenübergreifende Versorgung bislang nicht – oder zumindest viel zu selten. Genau hier will nun das aktuelle Gutachten ansetzen.

Plädoyer für Portalpraxen

Auch die Techniker Krankenkasse unterstützt die Idee, dass zur besseren Patientensteuerung an allen Krankenhäusern als Teil der Notaufnahme sogenannte Portalpraxen errichtet werden. In diesen solle dann medizinisches Fachpersonal den Behandlungsbedarf beurteilen und den Patienten in die richtige Versorgungsstruktur weiterleiten – entweder zu einem niedergelassenen Arzt oder ins Krankenhaus.

Teil dieses Konzepts seien gemeinsame Rettungsleitstellen für die Rufnummern 112 und 116117. Eine weitere Option zur sinnvollen Patientensteuerung ist nach Auffassung der TK der Ausbau der Telemedizin. Diese könne besonders im ländlichen Raum helfen, die ärztliche Betreuung sicherzustellen.

Bereits gestern hatten sich unter anderen die KBV und die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) zum Thema geäußert.

Während die KVB die Notwendigkeit eines per Gesetz legitimierten 24-Stunden-Angebots für die bundesweite Rufnummer des Bereitschaftsdienstes (116117) hervorhob, verwies die DKG darauf, dass "ohne die jährlich 20 Millionen ambulanten Behandlungsfälle in den Krankenhäusern die Versorgung schon heute nicht mehr aufrechtzuerhalten wäre". (af/run)

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