Ärzte Zeitung online, 30.10.2017
 

Westfalen-Lippe

Die Mauer beim Palliativvertrag ist eingerissen

Allgemeine und spezialisierte Palliativversorgung getrennt nebeneinander: Das macht keinen Sinn, fanden KV und Kassen in Westfalen-Lippe. Der neue Palliativvertrag geht andere Wege – und kommt gut an.

Von Ilse Schlingensiepen

Die Mauer beim Palliativvertrag ist eingerissen

Kooperation statt Sektoren-Abschottung ist Kennzeichen des Palliativvertrags in Westfalen-Lippe.

© fotomek / stock.adobe.com

KÖLN. In Westfalen-Lippe haben die KV (KVWL), der Berufsverband der Palliativmediziner und die Krankenkassen ihren Palliativvertrag aufgewertet. Sie reagieren damit auf die Einführung neuer EBM-Ziffern für die palliativmedizinische Versorgung zum 1. Oktober. Die Vertragspartner in Westfalen-Lippe wollen dafür sorgen, dass der Palliativvertrag attraktiver bleibt als die Abrechnung über den EBM in der Regelversorgung.

Der Vertrag zur ambulanten palliativmedizinischen Versorgung in Westfalen-Lippe ist seit April 2009 in Kraft. Das Besondere an der Vereinbarung: Anders als in den anderen KV-Bereichen gibt es keine Trennung zwischen allgemeiner ambulanter (AAPV) und spezialisierter ambulanter (SAPV) Palliativversorgung.

Gibt es keine "echte" SAPV?

Das westfälisch-lippische Modell setzt dagegen auf die enge Zusammenarbeit von Hausärzten und Palliativmedizinischen Konsiliardiensten (PKD) sowie anderen Berufsgruppen, die an der Versorgung Schwerstkranker und Sterbender beteiligt sind. Das stößt bei manchen Palliativmedizinern außerhalb der Region auf Kritik. Sie monieren, dass es in Westfalen-Lippe keine echte SAPV gebe, auf die Patienten aber einen gesetzlichen Anspruch haben.

In Westfalen-Lippe arbeiten 37 PKD, mit 270 qualifizierten Palliativärzten und 120 Koordinatoren. An dem Vertrag nehmen rund 4500 Haus- und Fachärzte teil, das sind fast 90 Prozent der in Frage kommenden Ärzte, berichtet René Podehl, Geschäftsbereichsleiter Verträge bei der KVWL. "Das zeigt die immens hohe Akzeptanz des Vertrags." Die Konsiliardienste stellten eine flächendeckende Versorgung sicher, sagt er. "Es gibt keine weißen Flecken."

Die andernorts strikte Trennung zwischen AAPV und SAPV inklusive der Vergütung wirkt sich direkt auf die Versorgung aus, sagt Frank Ahrberg, der bei der KVWL zuständige Abteilungsleiter für Sonderverträge. "In den anderen Regionen sterben 40 bis 50 Prozent der Patienten in Kliniken." In Westfalen-Lippe stürben dagegen 89 Prozent der in den Palliativvertrag eingeschriebenen Patienten zu Hause. "Das ist ein tolles Ergebnis."

Alle Kassen sind an Bord

An dem Vertrag beteiligen sich alle Krankenkassen in Westfalen-Lippe. KV, Palliativärzte und Kassen haben die Gefahr gesehen, dass die Einführung der neuen EBM-Ziffern manche Ärzte dazu verlocken könnten, keine Patienten mehr in den Vertrag einzuschreiben, sondern ihre Leistungen über die Regelversorgung abzurechnen. "Das würde langfristig die Finanzierung der Konsiliardienste gefährden", erläutert Podehl. Sie basiere auf einer Mischkalkulation.

Es sei darum gegangen, das gut etablierte Versorgungsmodell in seinen Strukturen beizubehalten. Die Konsequenz: "Unser Modell muss attraktiver sein." Deshalb war man sich einig, dass der Palliativvertrag angesichts der EBM-Änderungen aufgewertet werden sollte.

So hat sich die Pauschale für die Eingangsdiagnostik von 50 Euro auf 60 Euro erhöht. Die koordinierenden Ärzte, die einen 40-Stunden-Kurs in der palliativmedizinischen Grundversorgung absolviert haben, können für die telefonische Erreichbarkeit und die Besuchsbereitschaft außerhalb der Sprechstundenzeiten in kritischen Phasen einmal je Patient 150 Euro abrechnen.

Die Vergütung für den Mitbesuch von Patienten in stationären Hospizen ist von 10 Euro auf 15 Euro gestiegen. Bei den PKD hat sich unter anderem die Koordinations- und Bereitschaftspauschale für Hospizpatienten von 120 Euro auf 175 Euro erhöht.

Podehl weist darauf hin, dass alle Leistungen des Vertrags extrabudgetär vergütet werden. Die neuen EBM-Ziffern kämen dagegen in zwei Jahren wieder unter den Budget-Deckel. Offensichtlich sehen die palliativmedizinisch tätigen Ärzte den modifizierten Vertrag tatsächlich als Vorteil. "Alle bleiben dabei", sagt er.

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