Ärzte Zeitung online, 10.01.2018

Verbändeforderung

Kinderrechte auf die Agenda der Regierung!

Keine guten Zahlen: In 137.000 Fällen wurde 2016 die Gefährdung von Kindern vermutet, in Obhut genommen wurden 84.230.

DÜSSELDORF. Eine stärkere Berücksichtigung von Kinderschutz und -rechten gehört für die nächste Bundesregierung auf die Agenda. Diese Forderung richtet Professor Wolfgang Feuerhelm, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention bei Kindesmisshandlung und -vernachlässigung (DGfPI) an die künftig in Deutschland regierenden Politiker: "Deutschland als eines der reichsten Industrieländer muss sich zu einem Vorreiter bei der Durchsetzung von Kinderrechten und Kinderschutz entwickeln."

Aktuelle Zahlen belegen, dass Deutschland von der vorbildlichen Einhaltung von Kindesschutz und -rechten noch weit entfernt ist: Im Jahr 2016 haben die Jugendämter 137.000 Verfahren zur Überprüfung von Kindeswohlgefährdungen durchgeführt, die sich in 45.800 Fällen auch bestätigt haben.

Als Konsequenz mussten 6600 Kinder und Jugendliche mehr als im Vorjahr – und damit 84.230 junge Menschen – von den Jugendämtern in Obhut genommen werden. Hinzu kommen 13.627 Anzeigen wegen Missbrauchs von Kindern, Jugendlichen und Schutzbefohlenen und 6743 Anzeigen wegen des Besitzes und der Verbreitung sogenannter Kinder- und Jugendpornografie – Quelle für die Zahlen ist die Polizeiliche Kriminalstatistik 2016. Die Dunkelziffer ist laut Fachleuten noch um das Zehn- bis 20-Fache höher. Angesichts dieser Zahlen müsse die künftige Regierung mehr Engagement als die Vorgängerregierung zeigen und zusätzliche Ressourcen bereitstellen.

Dies sieht der unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, genauso. Auch er richtet einen Appell an Politiker: "Missbrauch ist bekämpfbar, aber nicht mit befristeten Minimallösungen. (...) Ändern Sie Ihre Prioritätensetzung! Kindeswohl ist keine Wohltat. Kindeswohl ist staatliche Pflichtaufgabe."

Notwendig sei vor allem ein "Kindesmissbrauchsbekämpfungsgesetz" sowie eine über mehrere Jahre angelegte Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagne. Damit soll deutlich werden, was sexuelle Gewalt ist, wie Täter und Täterinnen in der analogen und digitalen Welt vorgehen und an wen sich Betroffene bei sexuellen Übergriffen oder einem entsprechenden Verdacht wenden können. (ras)

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