Ärzte Zeitung online, 18.12.2018

Gemeinsame Forderungen

Sachverständige ziehen an einem Strang

Mehr ambulant – weniger stationär, Reform des DRG-Systems und Abbau von Überkapazitäten: Viel Klinik-Reformpotenzial machen zwei Sachverständigenräte für Gesundheit und für Wirtschaft in einer gemeinsamen Stellungnahme aus.

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Wirtschaftsweisen: Ratsvorsitzender Professor Christoph Schmidt (M) sowie die Mitglieder Volker Wieland, Isabel Schnabel, Peter Bofinger bei der Vorstellung ihres jüngsten Ratsgutachtens (v.l.n.r.).

© picture alliance/dpa

BERLIN. Eine Strukturreform der deutschen Krankenhauslandschaft halten zwei Sachverständigenräte für so wichtig, dass sie sich erstmals in ihrer Geschichte zu einer gemeinsamen Stellungnahme entschlossen haben.

So stellen der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen sowie der Rat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung konkrete Forderungen auf. Ziel soll es sein, den Qualitätswettbewerb der Krankenhäuser zu stärken und die Bedarfsgerechtigkeit zu erhöhen.

Die Experten empfehlen zum Beispiel einen Abbau von Überkapazitäten. Dadurch könnten Qualität und Effizienz der übrigen Krankenhäuser verbessert werden. Der Strukturfonds – ein Instrument mit dem Schließungen, Konzentrationen und Umwandlungen von Kliniken gefördert werden – müsse stärker als bisher für den Kapazitätsabbau genutzt werden.

Monistische Lösung gesucht

Bei der Investitionskostenfinanzierung sprechen sich die Experten für eine monistische Lösung aus. Die Investitionskosten würden dann nicht wie bisher von den Ländern, sondern von den Krankenkassen getragen. Seit Jahren wird bemängelt, dass die Länder ihrer Verpflichtung die Investitionskosten zu tragen, in vielen Fällen nur unzureichend nachkommen.

Bei den jüngsten Regionalkonferenzen der Gesundheitsweisen zeichnete sich aber ab, dass die Länder kaum gewillt sind, Zuständigkeiten bei den Krankenhäusern abzugeben.

Die Sachverständigen machen sich zudem für Selektivverträge von Krankenhäusern mit Krankenkassen stark. So könnten Investitionen von Kliniken mit einer hohen Versorgungsqualität besser gefördert werden.

Reform des DRG-Systems

Verändert sehen möchten die Sachverständigen das DRG-System. Zwar sei die Versorgung und Vergütung seit der Einführung der Fallpauschalen deutlich transparenter geworden und solle deshalb weiterentwickelt werden. Aber die Zahl der DRGs und der Zusatzentgelte habe sich im Laufe der Jahre verdoppelt.

Das habe das Vergütungssystem verkompliziert. Zudem zeige ein internationaler Vergleich, dass das DRG-System in Deutschland eine zu dominante Stellung bei der Vergütung einnehme und so einen erhöhten Anreiz zur Leistungsausweitung biete. Die Sachverständigen machen sich deshalb für mehr pauschale Vergütungselemente stark.

Mehr ambulant, weniger stationär ist eine weitere Forderung beider Räte. In Deutschland würden immer noch viele Behandlungen stationär erbracht, die in anderen Ländern ohne Qualitätseinbußen ambulant vorgenommen werden. Dabei sei die ambulante Behandlung im Regelfall kostengünstiger.

Ein großer Kritikpunkt ist für die Experten die immer noch sehr starre Trennung in zwei Sektoren. Diese betreffe die Bedarfsplanung, die Vergütung, die Mengensteuerung und die Qualitätssicherung. Kooperationsmöglichkeiten würden eingeschränkt, die Koordination zwischen beiden Sektoren erschwert und unterschiedliche Anreize bei der Auswahl und Erbringung von Leistungen gesetzt.

Um die dadurch brachliegenden Qualitäts- und Effizienzpotenziale zu heben, sollte die sektorübergreifende Versorgung ausgebaut und die ambulante Leistungserbringung erhöht werden, fordern die beiden Räte. (chb)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Politik folgt der Weisen Rat

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[18.12.2018, 15:28:54]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Zwei Sachverständigenräte üben Vertragsarzt-"Bashing"?
Wenn sich die Sachverständigenräte zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen und zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zusammensetzten, kann man sicher vorhersagen, dass dies in medizinbildungsfernem Vertrags-Ärzte-"Bashing" mündet.

Denn alle Mitglieder dieser "Sachverständigenräte" haben sich vielleicht mit "Gesundheit", Wohlbefinden, Gesundheitswirtschaft, Medizin-Ökonomie, "Shareholder-Value", "Break-even-point", GKV-Kennzahlen
https://www.gkv-spitzenverband.de/gkv_spitzenverband/presse/zahlen_und_grafiken/gkv_kennzahlen/gkv_kennzahlen.jsp
usw. beschäftigt, aber doch nicht mit Krankheit, ambulanter Krankenversorgung und Krankheitsbewältigung in Deutschland.

Und schon gar nicht mit Regelleistungsvolumina (RLV), Budgetierung vertragsärztlicher Leistungen und Veranlassungen, mit gedeckelter ambulanter Gesamtvergütung, Regressandrohungen, Honorar- und Laborkürzungen bzw. mit dem für niedergelassene Vertragsärzte völlig irrelevantem Morbiditätsorientierten Risiko-Strukturausgleich (Morbi-RSA).

Die plakative Forderung: "Mehr ambulant, weniger stationär - in Deutschland würden immer noch viele Behandlungen stationär erbracht, die in anderen Ländern ohne Qualitätseinbußen ambulant vorgenommen werden. Dabei sei die ambulante Behandlung im Regelfall kostengünstiger" verkennt, dass in allen anderen Ländern Einzelleistungsvergütungen vorherrschen und nicht alle Haus-, Familien- und Fachärzte mit Quartalspauschalen, unabhängig von Leistungs-Volumen und -Spektrum, abgespeist und über einen Kamm geschoren werden.

Wer das nicht glaubt, sollte zu Kenntnis nehmen, dass „Der Arzt, der die Indikation für eine der oben genannten Operationen [Zweitmeinungsverfahren] stellt, kann ab 1. Januar 2019 die EBM Nr. 01645, die in den EBM-Abschnitt 1.6. aufgenommen wird, abrechnen. Dazu muss er den Patienten über sein Zweitmeinungsrecht aufklären und ihn über das Verfahren beraten. Zudem ist er verpflichtet, Befundmitteilungen, Berichte, Arztbriefe etc. zu kopieren und dem Patienten mitzugeben. Auch die Mitgabe eines Informationsblattes des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA) zum Zweitmeinungsverfahren inklusive Informationen zu Ärzten, die zur Zweitmeinung berechtigt sind, gehören zum Leistungsumfang. Dafür erhält der Arzt 75 Punkte (8,12 Euro)“ https://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/aerztliche_verguetung/article/978460/ebm-verguetung-zweitmeinung-steht-fest.html

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
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