Ärzte Zeitung online, 14.02.2018

Krankschreibung

Halb krank, halb arbeitsfähig – in Schweden ist das möglich

Arbeiten trotz Krankheit – in Schweden und anderen skandinavischen Ländern gehört das zur Gesundheits- und Sozialkultur. Ist das Modell der Teil-Arbeitsunfähigkeit auf Deutschland übertragbar?

Von Helmut Laschet

Halb krank, halb arbeitsfähig – in Schweden ist das möglich

Schulterbeschwerden: Schwedische Ärzte empfehlen hier häufig eine Teil-AU.

© [M] Mann: Klaus Eppele / adobe.stock.com | Rezept: ÄZ

BERLIN. Die skandinavischen Länder, vor allem Schweden, haben mit der Einführung der Teil-Arbeitsunfähigkeit teils deutliche Erfolge erzielt. Das Ausmaß an Arbeitsunfähigkeit ist ebenso wie die Krankengeldzahlungen rückläufig, die Wahrscheinlichkeit, wieder in vollem Umfang zu arbeiten ist gewachsen.

Ob das skandinavische Modell auf Deutschland übertragbar ist, hat das Berliner IGES-Institut in einer Expertise für das Bundesgesundheitsministerium untersucht und dabei Schweden mit den größten Erfahrungen in den Mittelpunkt der Analyse gestellt.

Die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall belastet in Schweden primär die Arbeitgeber mit einem Beitrag von 4,35 Prozent auf die Lohnsumme. Als Schweden in den 1990er Jahren internationale Spitzenwerte bei der Arbeitsunfähigkeit erreichte, wurde das bereits Mitte der 1950er Jahre eingeführte System der Teil-Krankschreibung konsequent ausgebaut – im Konsens zwischen Regierung, Parlament, Gewerkschaften und Ärzten.

Dreistufiges Arbeitsfähigkeitssystem

Seit 1990 gilt ein dreistufiges System mit einer Arbeitsfähigkeit von 25, 50 und 75 Prozent bei Krankheit. Ärzte müssen die Diagnose stellen, aber auch Funktionseinschränkungen, Aktivitätsbegrenzungen, die Arbeitsanforderungen und das Arbeitsvermögen beurteilen. Grundlage dafür sind Leitlinien, die das schwedische Sozialversicherungssystem unter Beteiligung von Ärzten entwickelt haben. Von den Leitlinien können krankschreibende Ärzte mit Begründung abweichen.

Teil-AU in Skandinavien

  • Alle vier skandinavischen Länder praktizieren unterschiedliche Modelle der Teilkrankschreibung.

  • Die größte Erfahrung hat Schweden, seit 1955, intensiviert durch ein Aktionsprogramm der Regierung seit 2001.

  • Maßgeblich ist die kompetente Mitwirkung der Ärzte.

Beispiele: Bei der Diagnose "Depressive Episode" wird empfohlen, dass der Patient nach Linderung der Symptome für drei Monate krank geschrieben werden kann, vorrangig als Teil-AU. Bei Beschwerden des Schultergelenks werden zwei bis drei Wochen Teil-AU empfohlen.

Die Entscheidung darüber treffen Sachbearbeiter in der Sozialversicherung, die zu 98 Prozent der ärztlichen Empfehlung folgen. Voraussetzung für die Funktionstüchtigkeit der abgestuften Krankschreibung war die 2003 gestartete und seit 2007 nochmals intensivierte systematische Fortbildung der Ärzte.

Nach neuesten Daten der Krankenversicherung sind knapp 30 Prozent aller Krankschreibungen in Schweden Teil-Arbeitsunfähigkeiten.

Insbesondere zwischen 2000 und 2007 stieg dieser Anteil bedeutend an, einhergehend mit einem deutlichen Rückgang der Krankengeldempfänger. Der Krankenstand wurde von 3,7 Prozent im Jahr 2000 auf 2,1 Prozent 2010 gesenkt, stieg danach bis 2015 auf 2,6 Prozent. Untersuchungen zeigen positive Effekte auf die Wiederherstellung der vollen Arbeitsfähigkeit und die Vermeidung von Frühverrentung.

Die von IGES konsultierten Experten beurteilen das skandinavische Modell positiv, was die Wiederherstellung der vollen Arbeitsfähigkeit angeht. Ansonsten überwiegt Skepsis, etwa ob Ärzte das Ausmaß von Arbeitsfähigkeit zutreffend einschätzen können. Empfohlen werden Modelle für Indikationen wie psychische sowie Muskel- und Skeletterkrankungen.

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