Ärzte Zeitung online, 06.04.2018

Großbritannien

Zuckersteuer – Ärzte glauben nicht an schnellen Erfolg

Seit dem 6. April werden in Großbritannien stark zuckerhaltige Nahrungsmittel stärker besteuert. Doch allein höhere Steuern ändern keine Gewohnheiten, warnen Ärzte. Das beweise der nach wie vor hohe Alkoholkonsum im Königreich.

Von Arndt Striegler

Zuckersteuer – Ärzte glauben nicht an schnellen Erfolg

Die Höhe der neuen Zuckersteuer im Königreich richtet sich nach dem Zuckergehalt eines Lebensmittels. Softdrinks mit mehr als acht Gramm Zucker pro 100 Milliliter werden nun zum Beispiel mit 24 Pence (27 Cent) pro Liter zusätzlich besteuert.

© Monika Skolimowska / dpa / picture alliance

Das Leben wird weniger süß!" – mit diesen und ähnlichen Schlagzeilen titelten zu Beginn des Monats britische Zeitungen und kommentierten damit die neue Zuckersteuer, die die Londoner Regierung zum 6. April eingeführt hat. Ob die Steuer freilich zum erhofften Resultat führt – nämlich britische Patienten zu weniger Zuckerkonsum und damit zu gesünderer Ernährung zu motivieren – ist umstritten.

Britische Politiker debattieren seit Jahren die Frage, wie die Bevölkerung zu einer gesünderen Ernährungs- und Lebensweise motiviert werden kann. Hintergrund sind die seit Jahren steigenden Zahlen ernährungsbedingter Krankheiten wie Diabetes und Herz- und Kreislaufleiden. Diese steigen zwar in anderen westlichen Industriestaaten ebenfalls. Allerdings liegt der Prozentsatz der übergewichtigen beziehungsweise adipösen Patienten im Königreich deutlich höher als in vergleichbaren Ländern wie Frankreich, Italien oder skandinavischen Staaten.

Abhilfe soll jetzt die neue Zuckersteuer bringen. Die Idee: Je zuckerhaltiger ein Nahrungsmittel ist, desto höher wird es besteuert. Das führt dann dazu, dass der Verbraucher mehr dafür im Supermarkt bezahlen muss. Softdrinks mit mehr als acht Gramm Zucker pro 100 Milliliter werden nun mit 24 Pence (27 Cent) pro Liter zusätzlich besteuert. Getränke, die zwischen fünf und unter acht Gramm Zucker pro 100 Milliliter enthalten, verteuern sich um 18 Pence pro Liter.

Softdrinkhersteller haben schon reagiert

Laut Londoner Gesundheitsministerium haben bereits die Hälfte aller in Großbritannien aktiven Softdrink-Hersteller den Zuckergehalt in ihren Limonaden und Säften reduziert, um so die höhere Besteuerung zu vermeiden. Das werde dazu führen, dass "Softdrinks jährlich 45 Millionen Kilo weniger Zucker" enthielten, so die Regierung.

Freilich: Kritiker weisen darauf hin, dass ein ähnlicher Ansatz, mittels höherer Steuern den Konsum zu steuern, zum Beispiel bei Zigaretten und Rauchwaren eher langsam zum Erfolg führte. Obwohl seit den späten 70iger und 80iger Jahren die Tabaksteuer stetig erhöht wurde, dauerte es viele Jahre, bis der ursprünglich von der Politik angepeilte Rückgang der Raucherzahlen sichtbar wurde.

Dementsprechend geteilt sind jetzt die Meinungen im Königreich bezüglich der neuen Zuckersteuer. Während die Regierung die neue Steuer bereits als großen Erfolg der Politik gegenüber der im Königreich starken Zuckerlobby deklariert und verspricht, die jährlichen Steuermehreinnahmen von "rund 240 Millionen Pfund" (rund 255 Millionen Euro) in den Schulsport zu investieren, zeigen sich britische Ärzte deutlich skeptischer.

Ein Sprecher des größten britischen Ärztebundes (British Medical Association, BMA) bezeichnete die Steuer gegenüber der "Ärzte Zeitung" in London zwar als "begrüßenswert" und als "Schritt in die richtige Richtung". Allerdings hätten Erfahrungen mit vergleichbaren Steuern auf andere Lebens- beziehungsweise Genussmittel gezeigt, dass Steuern allein nicht zwangsläufig zu gesundheitsbewussterem Konsumverhalten führten. Als Paradebeispiel nennen Medizinerorganisationen den Alkoholkonsum. Der ist in Großbritannien trotz sehr hoher Steuern nach wie vor hoch. Jeder Großbritannienbesucher kann sich davon leicht bei einem spätabendlichen Spaziergang durch britische Städte überzeugen…

Die BMA und andere berufspolitische Organisationen verlangen daher seit Jahren von der Politik parallel zur höheren Besteuerung wirksame öffentliche Gesundheitsaufklärung. Nur so lasse sich das Ziel erreichen, Patienten langfristig zu einer gesünderen Lebensweise zu motivieren.

Geschmacksempfinden muss sich ändern

Spricht man in diesen Tagen mit britischen Hausärzten über das Thema Zuckersteuer und ungesunde Ernährung, so tritt noch ein anderer Aspekt zutage: Patienten kaufen ihre Lebens- und Genussmittel nicht nur weil sie billig sind, sondern auch, weil sie gut schmecken. "Solange wir nichts dafür tun, dass Patienten auch geschmacklich weniger süße Lebensmittel den supersüßen Varianten vorziehen, solange wird eine Zuckersteuer nur mäßige Erfolge erzielen", so der Londoner Arzt Dr. Al Teague. Und: "Es geht auch darum, die Geschmacksknospen umzupolen. Nur so werde ich meine Patienten langfristig bei der Stange halten, weniger süß und kalorienreich zu essen."

Immerhin gibt es einen Lichtblick für das zu dickleibige, von Zivilisationskrankheiten geplagte Großbritannien: Fünf internationale Studien, deren Ergebnisse kürzlich in der britischen Fachzeitschrift "The Lancet" vorgestellt wurden, kommen zu dem Ergebnis, dass zusätzliche Steuern auf Softdrinks, Alkohol und Tabak offenbar doch ein wirksames Mittel gegen die Zunahme chronischer und nicht übertragbarer Krankheiten sein kann. Britische Politiker dürfte das freuen.

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