Ärzte Zeitung, 17.03.2016

Pädiater

Hoher Zeitaufwand für Verständigung mit jungen Flüchtlingen

Ohne Dolmetscher ist die Behandlung zu Beginn stark erschwert, kritisiert der Berufsverband.

WEIMAR. Viele Arztpraxen in Thüringen sind in jüngster Zeit erstmals mit jungen Flüchtlingen aus Krisengebieten konfrontiert worden. Die meisten Kinder kommen aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, Tschetschenien und Eritrea.

Auf diese Entwicklung hat Dirk Rühling, niedergelassener Kinder- und Jugendarzt in Weimar und Pressesprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Thüringen, beim Jugendmedizinkongress in Weimar aufmerksam gemacht.

Während die somatisch-medizinische Behandlung meist recht problemlos erfolgt, weil die Kinder zumeist bei "guter körperlicher Gesundheit" sind, stellen für Rühling die fehlenden Deutsch- oder auch Englischkenntnisse die größte Barriere bei der Betreuung dar.

Oftmals nur unzureichende Kommunikation

Zwar könne man das Allernötigste in Erfahrung bringen, "wenn man sich mit Händen und Füßen verständigt oder mit Bildern oder Gesten arbeitet".

Fragen zur Ernährung, der körperlichen und geistigen Entwicklung oder zur Erziehung ließen sich ohne Sprachkenntnisse oder Dolmetscher nur unzureichend kommunizieren.

Dies ändere sich bei Kindern sehr schnell, weil sich diese bereits nach drei Monaten und spätestens nach einem halben Jahr auf Deutsch verständigen könnten.

Genauso wichtig wie eine Therapie sei es, die Kinder möglichst rasch über den Kindergarten oder die Schule zu integrierten. Den Eltern sei am meisten damit geholfen, wenn sie selbst in Integrationskurse eingebettet würden.

Die medizinische Versorgung in der Arztpraxis ist ausgesprochen zeitintensiv, so Rühling. So sei zum Beispiel die Erwartungshaltung an die Verordnung von Medikamenten bei vielen Flüchtlingsfamilien extrem hoch.

So würden viele Eltern es zunächst nicht verstehen, dass zum Beispiel bei einem grippalen Infekt ihres Kindes keine Verordnung von Antibiotika erfolgt. Rühling: "Aber wenn man diesen Aufwand investiert und die Eltern einmal überzeugt hat, ist schon viel gewonnen." (ras)

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