Ärzte Zeitung online, 17.08.2017

Sexualisierte Kriegsgewalt

Medica Mondiale: "Wir werden mehr und mehr zur Trauma-Fachorganisation"

Es wird zu wenig getan, um sexualisierte Kriegsgewalt zu verhindern und deren Ursachen anzugehen. Das beklagt Dr. Monika Hauser, Gründerin der Frauenrechts- und Hilfsorganisation Medica Mondiale. Traumaarbeit nimmt bereits jetzt einen hohen Stellenwert auf der Prioritätenskala der Organisation ein.

Von Ilse Schlingensiepen

Medica Mondiale: "Wir werden mehr und mehr zur Trauma-Fachorganisation"

Monika Hauser, Gründerin der Organisation Medica Mondiale: 46 Projekte in 13 Ländern wurden 2016 betreut.

© Lela Ahmadzai/medica mondiale

Die stress- und traumasensible Beratung von Gewaltopfern und geflüchteten Frauen und Mädchen gewinnt in der Arbeit der internationalen Frauenrechts- und Hilfsorganisation Medica Mondiale immer mehr an Bedeutung. Deshalb hat Medica Mondiale die Traumaarbeit zu einem von vier Schwerpunkten der Strategie für die Jahre 2016 bis 2020 gemacht. Daneben stehen die politische Lobbyarbeit für mehr Aufmerksamkeit auf sexualisierte Kriegsgewalt und der Aufbau von Strukturen zur Bekämpfung und Bewältigung im Blickpunkt, ebenso wie eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit.

Waffen statt Unterstützung

"Trotz zahlreicher internationaler Abkommen tun die politisch Verantwortlichen wenig, um sexualisierte Kriegsgewalt zu verhindern und deren Ursachen anzugehen", beklagt Dr. Monika Hauser, Gründerin und Geschäftsführendes Vorstandsmitglied, im aktuellen Jahresbericht der Organisation. Ihr stehen seit November 2016 mit Elke Ebert und Sybille Fezer zwei Geschäftsführerinnen zur Seite.

Statt den Aufbau adäquater Gesundheitsversorgung oder Organisationen zu fördern, die Überlebende langfristig und wirksam unterstützen, werde weiter in Waffen investiert, kritisiert Hauser. Statt Fluchtursachen zu bekämpfen, ziele die europäische Migrationspolitik darauf ab, Geflüchtete fernzuhalten. "Und statt den hier Schutzsuchenden durch traumasensible Unterstützung das Ankommen zu erleichtern, dreht sich die Debatte eher darum, welche Länder zu ‚sicheren‘ Herkunftsländern erklärt werden können, um eine Abschiebung zu ermöglichen", schreibt die Gynäkologin.

Medica Mondiale will den stress- und traumasensiblen Ansatz zum Umgang mit sexualisierter Kriegsgewalt weiterentwickeln und in der entwicklungspolitischen Arbeit verankern, umreißt der Jahresbericht die künftige Strategie. "Damit etabliert sich Medica Mondiale immer mehr auch als Trauma-Fachorganisation."

Dabei geht es sowohl um die adäquate Unterstützung von Gewaltopfern vor Ort als auch von Geflüchteten in Deutschland. Im Ausland ist die stress- und traumasensible Gesundheitsarbeit eines der Arbeitsfelder: Das Pflege- und Gesundheitspersonal in den einzelnen Ländern wird gezielt trainiert und unterstützt, gleichzeitig werden Multiplikatorinnen und Multiplikatoren geschult. Allein im Irak wurden 170 Fachkräfte fortgebildet.

In Deutschland hat Medica Mondiale im vergangenen Jahr rund 200 Fachkräfte und ehrenamtliche Helfer, die mit Geflüchteten arbeiten, im stress- und traumasensiblen Ansatz geschult. Schwerpunkt war dabei Nordrhein-Westfalen, wo das Gesundheitsministerium die Fortbildungen gefördert hat. Die Förderung ist bis zum Jahresende gesichert. Wie es danach weitergeht, ist angesichts des gerade vollzogenen Regierungswechsels in Düsseldorf momentan noch unklar.

Wie erkennt man Traumafolgen?

In den dreitägigen Fortbildungen werden die Teilnehmer darin geschult, Stress- und Traumafolgen zu erkennen, die Betroffenen zu stärken und zu stabilisieren und sie vor einer Retraumatisierung zu schützen. Gleichzeitig lernen die Helfer, wie sie die Grenzen der eigenen Belastbarkeit erkennen können, und werden auf die Notwendigkeit der Selbstfürsorge aufmerksam gemacht. Eine Schulung hat sich gezielt an Gesundheitsfachberufe gerichtet.

Für die Fortbildungen hat Medica Mondiale einen Pool an externen Referentinnen aufgebaut, da die eigenen Kapazitäten dafür nicht ausreichen. "Die Nachfrage ist sehr groß", berichtet Fortbildungsreferentin Petra Keller.

In ihrer internationalen Arbeit hat die Organisation 2016 insgesamt 46 Projekte in 13 Ländern gefördert. Sie setzt dabei auf die Zusammenarbeit mit Partnern vor Ort. In diese Projekte flossen insgesamt 4,5 Millionen Euro.

Medica Mondiale finanziert sich aus Spenden und Zuschüssen. Die Einnahmen nahmen im vergangenen Jahr um 12,8 Prozent auf 6,8 Millionen Euro zu. Die Aufwendungen stiegen um 10,5 Prozent auf 6,5 Millionen Euro. Davon entfielen 81,9 Prozent auf die Projekte im Ausland und in Deutschland.

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