Ärzte Zeitung, 19.07.2013
 

Neue Patientenrechte

In der Praxis ein Schuss vor den Bug?

Das Patientenrechtegesetz hat ein Vierteljahr nach seinem Inkrafttreten noch kaum positive Wirkungen entfaltet. Experten sehen an vielen Stellen Weiterentwicklungsbedarf.

Von Angela Mißlbeck

In der Praxis ein Schuss vor den Bug?

Neue Patientenrechte: Auch für Ärzte lohnt sich der Blick in das Gesetzeswerk. Es betrifft den Praxisalltag.

© ArTo / fotolia.com

BERLIN. Damit Patienten mit Ärzten und Krankenversicherungen auf Augenhöhe kommen, ist das Patientenrechtegesetz ein Anfang, doch muss noch einiges geschehen. Das war Fazit der Expertenrunde beim Patientenrechtetag in Berlin.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) bezeichnete das Gesetz als "Basis". Es sei nur so viel wert, wie es gelebt werde, sagte er. "Es muss eben auch bekannt werden", so Bahr.

Zu diesem Zweck hat das Bundesgesundheitsministerium (BMG) eine Broschüre aufgelegt, die die Patientenrechte nach der neuen Rechtslage zusammenfasst.

Die Broschüre soll auch Ärzte und Krankenkassen informieren, erklärte der Patientenbeauftragte der Bundesregierung Wolfgang Zöller (CSU). "Das Informationsdefizit ist nicht allein bei den Patienten", so Zöller.

Blockadereaktion einiger Kassen

Der Patientenbeauftragte sieht noch viele Baustellen bei den Patientenrechten. Er forderte die Länder auf, die Empfehlungen umzusetzen, die mit dem Gesetz gegeben wurden: Für Behandlungsfehlerprozesse sollen die Länder Spezialkammern bei den Gerichten einrichten.

In die Schlichtungsstellen der Ärztekammern sollen Patientenvertreter aufgenommen werden. Beides ist offenbar bislang kaum umgesetzt. Erste Nebenwirkungen des Gesetzes scheinen sich indes schon bemerkbar zu machen.

Zöller berichtete, dass manche Krankenkassen nun beantragte Leistungen erst einmal grundsätzlich ablehnen würden, um die neuen Fristen von drei bis fünf Wochen einzuhalten. "Davor möchte ich dringend warnen", sagte er.

Die Berichtspflicht werde nach einem Jahr klar zeigen, welche Kasse so verfahre. Auch Michael Weller vom GKV-Spitzenverband verurteilte dieses Vorgehen als inakzeptabel. "Das ist nicht Selbstverständnis der Krankenkassen und des Spitzenverbandes", sagte er.

Für das neue Widerrufsrecht der Patienten bei der Teilnahme an Selektivverträgen stehen praktische Lösungen auch noch aus.

Durch die Neuregelung kann es passieren, dass ein Patient seine Teilnahme erklärt, Selektivvertragsleistungen in Anspruch nimmt und anschließend vom Vertrag zurücktritt. Dann ist die formale Grundlage für die Abrechnung der erbrachten Leistung entfallen.

Umstritten bleiben die Regelungen zur Beweislast bei Behandlungsfehlern. Kritik übte Martin Danner von der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe.Der Prozessausgang hängt, so seine Auffassung, vom Votum des ärztlichen Gutachters bei Gericht ab.

Ärztlicher Gutachter trifft auf Kritik

"Das ist einem Rechtssystem wie dem unseren unwürdig", sagte der Jurist. Wenn der Gutachter entscheidet, dass es sich um einen groben Behandlungsfehler handelt, ist der Arzt in der Beweispflicht.

Bei einfachen Behandlungsfehlern muss die Gegenseite die Schuld des Arztes nachweisen. Laut Danner kann das prozessentscheidend sein.

[19.07.2013, 10:52:58]
Michael Odinius 
Sonderfall Adipositas und Patientenrechtegesetz in der vertragsärztlichen Versorgung Droht eine Prozesslawine?
Anschreiben an die

Bundesärztekammer
Arbeitsgemeinschaft der deutschen Ärztekammern
Herbert-Lewin-Platz 1
10623 Berlin


Betr.:  Adipositastherapie in der vertragsärztlichen Versorgung
unter den Bedingungen aktueller Rechtsnormen

Mangelnde Rechtssicherheit in der Adipositastherapie nach Inkrafttreten des Dienstleistungsvertrages § 630 ff – Prozesslawine droht


Barsbüttel, den 05.06.2013

Sehr geehrte Damen und Herren

Die Adipositas gilt immer noch als selbst gewähltes Los.

Hierbei wird verkannt, dass mit dem Inkrafttreten des PatRG § 630 BGB die als chronische Erkrankung anerkannte Adipositas aus der Eigenverantwortlichkeit des Patienten in die Verantwortlichkeit des Arztes gewechselt ist.

Ich möchte Sie auf daher auf den Sonderfall „Adipositastherapie in der vertragsärztlichen Versorgung“ hinweisen, der mit Inkrafttreten des PatRG § 630 BGB, aktuell nahezu die gesamte Ärzteschaft systemimmanent grobe Behandlungsfehler begehen lässt, weil die Ärzteschaft aus Unkenntnis weder den verschärften und präzisierten Anforderungen hinsichtlich Befundung, Dokumentation, medizinischen und wirtschaftlichen Aufklärung genügen dürfte (§ 630 h BGB), noch mit den Modalitäten des § 43 SGB V vertraut ist, die in den Rahmenempfehlungen hierzu Leistungsanspruch, -inhalt, Qualitätssicherung und Vergütung der Adipositastherapie regeln. Diese Kenntnis aber ist unverzichtbar ist, um den Sicherstellungsauftrag der vertragsärztlichen Versorgung § 72 SGBV erfüllen zu können und dem Anspruch des Patienten auf Krankenbehandlung lege artis gerecht zu werden.

§ 630h
Beweislast bei Haftung für Behandlungs- und Aufklärungsfehler
(4) War ein Behandelnder für die von ihm vorgenommene Behandlung nicht befähigt, wird vermutet, dass die mangelnde Befähigung für den Eintritt der Verletzung des Lebens, des Körpers oder der Gesundheit ursächlich war.
(5) Liegt ein grober Behandlungsfehler vor und ist
dieser grundsätzlich geeignet, eine Verletzung des Lebens, des Körpers oder der Gesundheit der tatsächlich eingetretenen Art herbeizuführen, wird vermutet, dass der Behandlungsfehler für diese Verletzung ursächlich war.
Dies gilt auch dann, wenn es der Behandelnde unterlassen hat, einen medizinisch gebotenen Befund rechtzeitig zu erheben oder zu sichern, soweit der Befund mit hinreichender Wahrscheinlichkeit ein Ergebnis erbracht hätte, das Anlass zu weiteren Maßnahmen gegeben hätte, und wenn das Unterlassen solcher Maßnahmen grob
fehlerhaft gewesen wäre.

Diese Befundung unterbleibt i.d.R aus alter Gewohnheit.

Die Adipositas ist als chronische Erkrankung die einzige Erkrankung, deren Behandlung nicht im EBM sondern im SGB V verankert ist. Sowohl die Behandlung als auch Ihre Unterlassung machen den Vertragsarzt angreifbar.


Da die Kassen aufgefordert sind, nun aktiv Patienten bei der Durchsetzung von Schadensersatzansprüchen zu unterstützen, ist in ansehbarer Zeit hier eine Prozesslawine zu befürchten.

Die Problematik, die sich aus den aktuell gültigen Rechtsnormen ergeben, habe ich in der Anlage beigefügt.

Ich bitte Sie, sich insbesondere der Problematik anzunehmen, die sich für Ernährungsspezialisten aus dem „§ 630 c Behandlungsfehler“ ergeben und zu klären, mit welchem Verhalten zum Einem das Kollegialitätsgebot gewahrt, zum Anderen der Verpflichtung, den Patienten über Behandlungsfehler zu informieren, genügt werden kann.

Ich bitte Sie, die in der Anlage beschriebene, für die gesamte Ärzteschaft und die Patienten unzumutbare unklare Rechtssituation zu thematisieren und einer raschen Klärung zuzuführen.

Weder KV noch die ÄKSH sahen sich in der Pflicht noch in der Lage, sich dieser Thematik anzunehmen.

Eine initial nicht diagnostizierte und abgeklärte Adipositas, respektive die nicht veranlasste qualifizierte Ernährungstherapie und/ oder ihre diesbezüglich unterlassene umfängliche, medizinischen und wirtschaftliche Aufklärung sind im Falle von gesundheitlichen Komplikationen als schadensursächlich anzusehen. Hierzu gehören etwa Hypertonie, Diabetes, Metabolisches Syndrom, Schlafapnoe, Herzinfarkte, Schlaganfälle aber auch, und dies betrifft besonders adipöse Frauen im gebärfähigen Alter, Aborte, Fehlbildungen, Makrosomie bei Neugeborenen ( Abortrate bei Adipösen bis 80 % erhöht).

Ohne sich mit der Thematik auf Basis der geänderten Rechtsnormen auseinanderzusetzen ist es der ÄK kaum möglich, ihren Aufgaben nachzukommen.

Patienten und Ärzte haben einen berechtigten Anspruch auf Rechtssicherheit und sollten schon jetzt wissen, wie die nachfolgenden Stellen im Fall des Falles entscheiden würden

Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen bei den Ärztekammern
Bei den Landesärztekammern sind seit 1975 Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen eingerichtet, die als weisungsunabhängige Gremien bei Meinungsverschiedenheiten zwischen Arzt und Patient objektiv klären, ob die gesundheitliche Komplikation auf einer haftungsbegründenden ärztlichen Behandlung beruht

Für eine rasche Antwort dankend,
mit freundlichem Gruß




Michael Odinius


Anlage Impulsreferat:

„Adipositastherapie in der vertragsärztlichen Versorgung unter den Bedingungen aktueller Rechtsnormen“


ANTWORT DER BAEK (auszugsweise)

Sehr geehrter Herr Odinius,

in Beantwortung Ihrer E-Mails vom 05.06. und 11.06.2013 teilen wir Ihnen Folgendes mit:
( auszugsweise! )
… „In diesem Kontext sehen Sie eine erhöhte Verantwortung und Haftung von Ärzten wegen des Patientenrechtegesetzes. Ihre diesbezügliche Argumentation ist aus unserer Sicht nicht nachvollziehbar, wenn Sie beispielsweise einführend feststellen, dass die als chronische Erkrankung anerkannte Adipositas mit dem Inkrafttreten des § 630 BGB aus der Eigenverantwortlichkeit des Patienten in die Verantwortlichkeit des Arztes gewechselt habe.“
...“ Wir können Ihre Darlegungen zur Haftungsproblematik insofern nicht nachvollziehen, als Sie der gesamten Ärzteschaft im Rahmen der Adipositastherapie in der vertragsärztlichen Versorgung systemimmanent grobe Behandlungsfehler prophezeien. Vielmehr kommt es darauf an, den Patienten entsprechend zu informieren, über sämtliche für die Einwilligung wesentlichen Umstände aufzuklären und sein entsprechendes Einverständnis einzuholen.“
…Wegen weiterer Ausführungen zum Patietenrechtegesetz verweisen wir beispielsweise auf die Internetseite der Ärztekammer Berlin oder des Bundesministeriums für Justiz.


Mit freundlichen Grüßen

Dr. jur. Marlis Hübner


Kommentar:
Mit meinen Betrachtungen komme ich auch mit den Hinweisen der BAEK zu der Einschätzung, dass ohne eine verbindliche Stellungnahme zu den dargestellten Bedenken, den Ärzten eine unbefriedigende, unklare Rechstsituation mit unkalkulierbaren, Risiken zugemutet wird, ohne dass jene in adäquater Weise auf diese praxisalltägliche Problematik hingewiesen wurden.

Für den Interessierten nachfolgende, detailierte Erörterung.


Der Adipöse Patient in der vertragsärztlichen Versorgung unter den Bedingungen aktueller Rechtsnormen Pat RG § 630 BGB und SGB V

Aus gewohnheitsmäßigem Handeln unterbleiben die im Patientenrecht geforderten Standards hinsichtlich Befundung, Dokumentation, Diagnostik, Aufklärung und Therapie im Fall der Adipositas nahezu regelhaft.

BAEK und KBV tragen nicht zur Klärung der unklaren Rechtssituation bei.

Kernproblem: Adipöse und Übergewichtige mit Begleiterkrankungen haben als chronisch Kranke Anspruch auf Krankenbehandlung § 27 SGB V, die aber keine vertragsärztliche EBM Leistung sondern ergänzende Leistung der Rehabilitation ist.

Das wirft Fragen zur Umsetzung der Anforderung auf, die mit Inkraftreten des PatRG § 630 BGB an die Ärzte gestellt werden, u.U. mit haftungsrechtlichen Konsequenzen.

BGB § 630a ff Dokumentation:
Der Arzt ist verpflichtet in der Patientenakte sämtliche fachliche für die derzeitige und künftige Behandlung wesentlichen Maßnahmen und deren Ergebnisse aufzuzeichnen, insbesondere die Anamnese, Diagnosen, Untersuchungsergebnisse, Befunde, Therapien und deren Wirkung, Eingriffe und Ihre Wirkungen, Einwilligungen und Aufklärungen.

Bezogen auf die Adipositas, dürfte eine vollumfängliche Dokumentation gem. § 630 a eher die Ausnahme, denn die Regel sein.

Die gesellschaftliche Akzeptanz der Adipositas und die bislang fehlende Etablierung der Adipositastherapie und das fehlende Verständnis für die Tragweite aber auch Unkenntnis über die Leistungsfähigkeit moderner Ernährungstherapie, bedingen eine anhaltenden Unterschätzung und damit unzureichende Untersuchungen und Dokumentationen in unseren Praxen, die durch die „traditionelle“ Verankerung in unserem Gesundheitssystem begünstigt wird.

Kritisch zu sehen ist daher, dass die vom Arzt bislang häufig vernachlässigten Befunde etwa BMI, Größe, Gewicht, Bauchumfang, Blutdruck sowie die Laborparameter ggfs, weiterführende Diagnostik zur der Einschätzung adipositasassoziierter Risiken und Komorbiditäten, mindestens bei der schon offensichtlichen Blickdiagnose „Adipositas“ und nicht erst bei der GU ab 35 zu erheben und dokumentieren sind, um weitere Maßnahmen lege artis initiieren und seinen Informations- und Aufklärungspflichten (s.u.) nachkommen zu können.

Auch die Unterlassung der rechtzeitigen Erhebung gebotener Befunde erfüllt gem. § 630 h (5) die Kriterien eines groben Behandlungsfehlers.

Vor diesem Hintergrund würden sich bei Fortführung der bisher geübten Praxis die meisten Ärzte schon jetzt immensen Risiken aussetzen.

Versäumnisse haben daher nach Inkrafttreten des PatRG u.U. weiter reichende Folgen als den meisten bewusst sein dürfte.

BGB § 630c
Ärztliche Informationspflicht
..der Arzt ist verpflichtet den Patienten:
„ … in verständlicher Weise zu Beginn der Behandlung und, soweit erforderlich in deren Verlauf sämtliche für die Behandlung wesentlichen Umstände zu erläutern, insbesondere die Diagnose, die voraussichtliche gesundheitliche Entwicklung, die Therapie und die zu und nach der Therapie zu ergreifenden Maßnahmen.“

Die Abklärung der adipositasassoziierten Risikoparameter ist damit unabdingbar und setzt neben Fachkenntnis zur Adipositastherapie bei gegebener Indikation Kenntnis und Handhabung des § 43 SGB V voraus.

Beweislast
Hat der Arzt eine medizinisch gebotene Maßnahme, (- hier im Falle der Adipositas Diagnostik, Aufklärung und Initiierung der qualifizierten Ernährungstherapie als ergänzende Maßnahme der Rehabilitation -) und ihr Ergebnis nicht in der Patientenakte aufgezeichnet oder hat er diese entgegen gesetzlichen Vorgaben nicht aufbewahrt, wird vermutet, dass er diese nicht getroffen hat.

De jure hieße, wäre auch dies ein grober Behandlungsfehler mit der Folge einer Beweislastumkehr.

BGB § 630a Abs 2
Behandlungsstandard
Die Behandlung hat nach den zum Zeitpunkt der Behandlung allgemein anerkannten fachlichen Standards zu erfolgen, soweit nicht etwas anderes vereinbart ist.

§ 630h
Beweislast bei Haftung für Behandlungs- und Aufklärungsfehler
(4) War ein Behandelnder für die von ihm vorgenommene Behandlung nicht befähigt, wird vermutet, dass die mangelnde Befähigung für den Eintritt der Verletzung des Lebens, des Körpers oder der Gesundheit ursächlich war.
(5) Liegt ein grober Behandlungsfehler vor und ist dieser grundsätzlich geeignet, eine Verletzung des Lebens, des Körpers oder der Gesundheit der tatsächlich eingetretenen Art herbeizuführen, wird vermutet, dass der Behandlungsfehler für diese Verletzung ursächlich war.
Dies gilt auch dann, wenn es der Behandelnde unterlassen hat, einen medizinisch gebotenen Befund rechtzeitig zu erheben oder zu sichern, soweit der Befund mit hinreichender Wahrscheinlichkeit ein Ergebnis erbracht hätte, das Anlass zu weiteren Maßnahmen gegeben hätte, und wenn das Unterlassen solcher Maßnahmen grob fehlerhaft gewesen wäre.

Da die Qualifikationsvoraussetzung für die Erbringung in den Rahmenempfehlungen zum § 43 SGB V definiert sind, heißt das, das entweder der Vertragsarzt diese Qualifikationsvoraussetzungen erfüllen muss, um die fachlichen Voraussetzungen zur Behandlung der Adipositas zu erfüllen, oder aber diese veranlassen muss bei einem hierzu befugten Leistungsanbieter.

In allen anderen Fällen ist nach § 630 SGB V nicht auszuschließen, dass ihm bei erfolgloser Therapie entweder mangelnde Qualifikation vorgeworfen werden könnte, etwa wenn Adipositas assoziierte Folgeerkrankungen auftreten, oder dies Folge einer unterblieben Veranlassung einer geeigneten Therapie gesehen würde.

Sich im Fall des Falles, dieser Vorwürfe zu erwehren zeigt die Notwendigkeit einer peniblen Dokumentation, auch hinsichtlich Aufklärung und Informationspflichten.

Dabei ist zu vermuten, dass nur ein verschwindend kleiner Anteil anspruchsberechtigter Übergewichtiger und Adipöse in qualifizierter Ernährungstherapie sind, weil die Möglichkeit zu Ernährungstherapie nicht eröffnet wurde, sonder weil allein schon die indikationsbegründende Erhebung medizinisch gebotener Befunde „traditionell“ unterbleibt und damit auch die erforderliche Therapie, also Krankebehandlung.

Dies hieße, dass spätestens seit Inkrafttreten des § 630 justiziable Behandlungsfehler, ohne dass dies der Ärzteschaft bewusst wäre, u.U. schon die Regel sein könnten.


Eine Adipositastherapie lege artis setzt zur Vermeidung von Behandlungsfehlern neben Kenntnis der S3 Leitlinien, definierte Qualifikationen und spezielles Equipement gemäß Qualitätskriterien für die Ambulante Adipositastherapie voraus, die neben den Modalitäten zu § 43 SGB V bekannt sein müssen, auch damit der Vertragsarzt weiteren, Informationspflichten nachkommen kann.
Wirtschaftliche Informationspflicht.
Dieser Passus ist neu aufgenommen und bezieht sich auf die mit der Behandlung verbundenen Kosten.

§ 630c (3) Ist dem Arzt bekannt, dass die Behandlungskosten von der Kasse nicht vollständig übernommen werden, so muss er den Patienten vor der Behandlung hierüber schriftlich aufklären!

Dies ist auch bei der Adipositastherapie nach § 43 SGB V der Fall, weil diese als Kassenleistung außerhalb des EBM eine Kostenbeteiligung des Patienten vorsieht. Auch wenn eine vollständige Kostenübernahme nach Entscheid der Kasse nicht ausschließt.
Diese Information hat schriftlich zu erfolgen!

Da die Kassen nach dem neuen PRG verpflichtet sind, aktiv den Patienten bei der Durchsetzung von Schadensersatzansprüchen zu unterstützen, ist es naiv zu glauben, es wäre keine Frage der Zeit, bis diese unzumutbare, fragile Position des Vertragsarztes erkannt wird, um die hohen Folgekosten etwa bei adipösen Diabetikern schadensursächlich dem Arzt anlasten zu wollen und zu können.

Besonders belastend und unbefriedigend ist auch die Position des behandelnden Ernährungsmediziners der juristisch zwischen allen Stühlen sitzt, wie aus folgendem sichtbar wird:

§ 633 c (2) Behandlungsfehler
„…. Sind für den Behandelnden Umstände erkennbar, die die Annahme eines Behandlungsfehlers begründen, hat er den Patienten über diese auf Nachfrage oder zur Abwehr gesundheitlicher Gefahren zu informieren.

Insbesondere bei und nach klinischer und objektivierbarer Besserung von Krankheiten und Risikoparametern, nach der Reduktion von Medikamenten, Linderung von Beschwerden und Beseitigung von Krankheitsbildern wird der Ernährungsmediziner mit der Frage konfrontiert, warum der Hausarzt „das“ nicht gemacht, veranlasst, respektive über diese Therapieoption nicht aufgeklärt hat und ob der denn einen Fehler gemacht habe….

Gemessen an den Vorgaben des BGB § 630 hinsichtlich Befundung, Dokumentation und Aufklärung und dem im SGB V verankerten Qualitätsstandards sowie die für die Adipositastherapie maßgeblichen S3 LL sind für Adipositasspezialisten Umstände, die die Annahme eines Behandlungsfehlers begründen nahezu regelhaft erkennbar, was im Falle der Frage durch den Patienten zur Bejahung eines erkennbaren Behandlungsfehlers zwingen würde, zur Abwendung einer gesundheitlichen Gefährdung aber immer Veranlassung wäre, auf die vorhandenen Risiken und Therapieoptionen sowie den Leistungsanspruch auf eine qualifizierte Ernährungstherapie hinzuweisen.

Ob Hausarzt oder Facharzt im Fall der Fälle auf Unschuldsvermutung hoffen dürfen, mag jeder selbst entscheiden.
Bei vorhandener Qualifikation allerdings dürften Ernährungsspezialisten Versäumnisse, im Zweifelsfalle auch falsches Zeugnis bezüglich eines erkennbaren Behandlungsfehlers, nicht nachgesehen werden.

So würde der ärztliche Ernährungsspezialist genötigt sich zu Behandlung von Kollegen „kritisch“ zu äußern oder durch „kollegiales“ Verhalten selbst juristische angreifbar zu werden.

Dieser Zustand ist inakzeptabel.

Ich habe die KBV und BAEK auf die o.a. offenen Fragen in diesem Kontext hingewiesen, worauf die jeweiligen Rechtsabteilungen allgemein unverbindlich geantwortet haben.
Die KBV konnte, das Problem nach zwischenzeitlicher auch persönlicher mündlicher Erörterung, nachvollziehen, verwies jedoch mangels Zuständigkeit an die BAEK, die wiederum allerdings argumentierend und ausgehend von falschen Praxisrealitäten, z.Zt. keinen Handlungsbedarf und sich nicht in der Verantwortung sieht.


Fazit:
Die Kenntnis um die Modalitäten der „Veranlassung“ des § 43 SGB V sind wahrscheinlich für den Vertragsarzt bzgl. der Versorgung Adipöser unumgänglich, ebenso die Kenntnis des Leistungsinhaltes, um den umfänglichen Anforderungen nach dem PatRG § 630 BGB genügen zu können und haftungsrechtlichen Folgen auszuschließen.

BAEK und KBV haben nicht zu einer Klärung der o.a. Rechtsunsicherheit beigetragen.

Somit herrscht weiterhin Ungewissheit wahrscheinlich bis zu einer definitiven Klärung der Sozialgerichte im Rahmen einer Klage.

Mit dieser Ungewissheit bleiben auch allen Risiken bis dahin bei den Ärzten.

Angesichts der Folgekosten adipositasassoziierter Erkrankungen und dem nach § 630 BGB jetzt pflichtgemäßem Interesse der Kassen, Schadensersatzansprüche aufgrund von Behandlungsfehlern durchzusetzen bleibt das für alle Beteiligten eine unbehagliche Situation.

Die Adipositas als Sonderfall in der vertragsärztlichen Versorgung scheint damit vor dem Hintergrund des § 630 ff BGB mit seinen weitreichenden Folgen wie kaum ein anderes Krankheitsbild zu einem Umdenken im Praxisalltag niedergelassener Ärzte zu zwingen, wollen diese haftungsrechtlichen Risiken begegnen.

Michael Odinius
Ernährungsmediziner ( DAG,BDEM, Qutheb)
FA f AllgMed
22885 Barsbüttel
praxis.odinius@telemed.de


Leiterin der Rechtsabteilung

Bundesärztekammer

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