Ärzte Zeitung online, 20.07.2018

Geburtskliniken nutzen E-Akte der AOK

Neuer Schub für den digitalen Austausch

Den Mutterpass auf dem Smartphone sichten, Ultraschall- und Laborbefunde mit dem Arzt am Computer besprechen: In Berlin schließen sich mehrere Geburtskliniken dem Digitalen Gesundheitsnetzwerk an. Auch niedergelassene Ärzte sollen profitieren. Die Hoheit über die Behandlungsdaten hat der Patient.

Von Thomas Hommel

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Auch wenn der Partner den Untersuchungstermin beim Arzt verpasst hat, über das Digitale Gesundheitsnetzwerk können sich Paare gemeinsam übers Smartphone die Daten ansehen – inklusive Mutterpass.

© Syda Productions / stock.adobe.com

BERLIN. Christin Schlüter erinnert sich noch gut an ihre erste Schwangerschaft vor anderthalb Jahren. Da habe sie nicht selten Befunden ihrer Ärzte hinterhertelefonieren müssen, berichtet die 30-Jährige aus Berlin.

Und der Mutterpass – das wohl mit Abstand wichtigste Utensil Schwangerer – sei wegen vieler Unterlagen irgendwann fast so dick wie ein Buch gewesen.

Jetzt ist Christin Schlüter zum zweiten Mal schwanger – in knapp drei Monaten erwarten sie und ihr Mann ein Mädchen. Und diese Schwangerschaft, sagt die junge Frau, verlaufe deutlich entspannter – auch weil Untersuchungen beim Arzt und in der Klinik leichter über die Bühne gingen als bei der ersten Geburt.

Darüber hinaus könne ihr Mann jetzt "taggenau" sehen, wie es mit dem ungeborenen Kind weitergehe: "Bei meinem Sohn konnte mein Mann noch zu den Untersuchungen mitkommen."

Das aber gehe jetzt zeitlich nicht mehr. "Deshalb sehen wir uns die Sachen abends auf dem Sofa auf meinem Handy an. Das geht easy peasy."

Der Grund: Christin Schlüter ist seit Kurzem im Digitalen Gesundheitsnetzwerk – einer bundesweiten Initiative der AOK – angemeldet. Nach dem Start des Pilotprojektes in Mecklenburg-Vorpommern, bei dem sich in einem ersten Schritt seit März 2018 ein Arztnetz und zwei Kliniken digital austauschen, erfolgt nun die Vernetzung schwangerer Frauen mit zunächst vier Geburtskliniken in der Bundeshauptstadt – darunter das Vivantes Auguste-Viktoria-Krankenhaus in Schöneberg und die Sana-Geburtsklinik in Lichtenberg.

Weitere sechs Krankenhäuser und 13 Medizinische Versorgungszentren sollen folgen. Zusammen versorgen sie rund 114.000 AOK-Versicherte pro Jahr, die von der digitalen Vernetzung und damit von schnell verfügbaren medizinischen Informationen profitieren können.

Mehr Transparenz für alle

Und so funktioniert es: Die am Gesundheitsnetzwerk angemeldeten AOK-versicherten Patientinnen können eigene Daten und Dokumente digital zur Verfügung stellen und umgekehrt auch von der Klinik bereitgestellte Dokumente einsehen.

Ganz konkret können werdende Mütter per Datei-Upload ihren Mutterpass, Berichte zu früheren Geburten sowie Ergebnisse ambulanter Vorsorgeuntersuchungen bereitstellen.

Ärzte wiederum können strukturierte Dokumente wie Ultraschall- oder Laborbefund, Geburtsbericht, Op-Bericht, Entlass- und Arztbrief oder ein Stillprotokoll in der Akte hinterlegen. Auch der Austausch von Dokumenten zwischen den Kliniken ist möglich – so der Versicherte das möchte.

"Im deutschen Gesundheitswesen wird schon zu lange darüber geredet, wie wichtig es wäre, Patienten und Ärzte digital zu vernetzen. Wir reden nicht nur, sondern tun es auch", sagt Martin Litsch, Vorstand des AOK-Bundesverbandes.

Das Gesundheitsnetzwerk habe das Potenzial, für alle Beteiligten mehr Transparenz über medizinische Informationen und Daten zu schaffen und so die Qualität der Patientenversorgung zu verbessern, ist der AOK-Chef überzeugt.

Bei der Entwicklung des Gesundheitsnetzwerkes achte man zudem auf Anschlussfähigkeit auch zur Telematikinfrastruktur. Ziel sei es, die digitale Vernetzung im Gesundheitswesen "endlich" voranzubringen, so Litsch.

Mehrwert aus Ärztesicht

Schrittweiser Rollout

Die Sana Kliniken AG startet zunächst mit der Geburtsklinik in Lichtenberg. Weitere Anwendungsfälle im Digitalen Gesundheitsnetzwerk sollen folgen. Geplant ist die Aufnahme von Prostata- und Mammakarzinom sowie chronischer Erkrankungen.

Bei Vivantes schließen sich zunächst das Klinikum Friedrichshain, das Auguste-Viktoria-Klinikum und das Klinikum Am Urban mit den jeweiligen Geburtskliniken an das Netzwerk an. Bis Ende 2018 sollen alle sechs Vivantes-Geburtskliniken ans Gesundheitsnetz angeschlossen werden – sowie als neues medizinisches Feld die Urologien von vier Kliniken.

Weitere Infos unter: www.aok- gesundheitsnetzwerk.de

Auch Dr. Mandy Mangler, Chefärztin der Geburtsklinik am Auguste-Viktoria-Klinikum, sieht große Vorteile durch die Vernetzung. "Geburtstermine sind mitunter schwer planbar. Deshalb ist es für mich wichtig, vorab alle relevanten Informationen der schwangeren Frau aus dem Mutterpass einsehen zu können. Wenn es dann einmal schnell gehen muss, sind wir auf alles vorbereitet."

Nach der Entbindung erhielten die Mütter vom Klinikum einen digitalen Entlassbrief. Ziel ist es, derartige Informationen auch über das Gesundheitsnetzwerk einem niedergelassenen Arzt, etwa dem Frauenarzt, bereitzustellen.

Dr. Jens-Peter Scharf, Chefarzt der Frauenklinik am Sana Klinikum Lichtenberg, sieht ebenfalls Vorteile für alle Beteiligten. "In der Klinik und im Kreißsaal stehen den Ärzten dokumentierte Informationen jederzeit zur Verfügung." Damit würden Doppeluntersuchungen vermieden und der Informationsfluss verkürzt.

Die Einhaltung höchster Sicherheitsstandards ist für die Projektpartner auch bei dieser weiteren Ausbaustufe des Digitalen Gesundheitsnetzwerkes selbstverständlich. Es gelte der Grundsatz: Die Daten liegen dezentral jeweils beim Erfasser – also bei der jeweiligen Klinik oder Arztpraxis.

Die Patienten können die Daten und Dokumente per Smartphone oder auf dem Computer einsehen und dann selbst entscheiden, welche Ärzte auf welche Dokumente zugreifen können.

"Auf die Daten der Versicherten haben zu jedem Zeitpunkt nur sie selbst oder die von ihnen ermächtigten Ärzte Zugriff – niemals die Krankenkasse oder ein von ihr beauftragter Betreiber", stellt AOK-Vorstand Litsch klar (siehe Interview).

Anbindung niedergelassener Ärzte

Wichtig ist den Projektpartnern auch die rasche Anbindung niedergelassener Haus- und Fachärzte an das Gesundheitsnetzwerk. Um das technisch umzusetzen, ist beispielsweise denkbar, dass mehrere Ärzte gemeinsam Server nutzen können, die durch Kassenärztliche Vereinigungen oder durch Arztnetze – wie in Mecklenburg-Vorpommern – betrieben werden.

Profitieren können die Niedergelassenen auf jeden Fall von der digitalen Vernetzung, denn die digitalen Patientenakten sollen mehr sein als eingescannte Leitz-Ordner: Ärzte sollen so leichter und schneller Behandlungsdaten miteinander austauschen können – was im Notfall lebensrettend sein kann und unnötige Doppeluntersuchungen vermeiden hilft.

Lesen Sie dazu auch:
AOK-Chef stellt klar: "Kasse hat keinen Zugriff auf die Daten"

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